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Foto: dpa
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#wirstreiken

Nachricht von Cornelia Möhring,

Von Cornelia Möhring, stellvertretende Vorsitzende und frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Über 100 Jahre schon gibt es den internationalen Frauenkampftag – und erschreckend aktuell lesen sich die Aufrufe der verschiedenen Jahrzehnte: Es geht um politische Partizipation, um ökonomische Gleichstellung, um sexuelle Selbstbestimmung und das Recht auf ein Leben frei von Gewalt. Ja, es hat sich durchaus vieles verändert und das auch durchaus zum Besseren. Das Aber ist aber ein sehr großes und beginnt damit, dass insbesondere Frauen oftmals noch immer erklären müssen, dass es eben trotz Kanzlerin und vereinzelter Frauen in Vorständen von DAX-Unternehmen noch längst keine Gleichheit aller Menschen in ihrer Vielfalt gibt.

Der 8. März ist also bei weitem kein Gedenktag – er ist und bleibt Kampftag. Als solcher ist er ein Bezugspunkt für viele Frauen, die sich inspiriert von internationalen Beispielen auch in diesem Jahr in Deutschland auf den Weg machen, ihren Forderungen durch einen Streik massiv Nachdruck zu verleihen. Das Besondere an den Initiativen für einen feministischen Streik ist dabei, dass sie verschiedene Forderungen aus den unterschiedlichen Bereichen, in denen Frauen nach wie vor unterdrückt werden, zusammenbringen. Es geht nicht „nur“ um ein paar Euro mehr Lohn oder ein paar zusätzliche Plätze in Frauenhäusern, sondern darum, sich gemeinsam gegen eine gesamtgesellschaftliche Diskriminierung, gegen Sexismus in all seinen Formen und Ausdrücken zu stellen.

Klar ist, nicht jede Arbeit kann einfach so bestreikt werden, wie es in der Herstellung von Autos ginge. Es gibt Arbeit, die ist gesellschaftlich so notwendig, dass sie immer getan werden muss. Kinder brauchen Betreuung und wollen etwas essen. Ältere Menschen oder Menschen, die auf Unterstützung oder Pflege angewiesen sind, können nicht einfach mal so darauf verzichten. Im Krankenhaus muss mindestens eine Minimalbesetzung dafür sorgen, dass Menschen gut versorgt sind. Insbesondere Frauen arbeiten an jedem Tag, ob bezahlt oder unbezahlt. Wenn aber diejenigen, die für diese Arbeit überwiegend verantwortlich sind – in der großen Mehrzahl Frauen – massenhaft ankündigen, dass sie nicht länger bereit sind, unbezahlt und abgewertet dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft am Laufen bleibt, wird im besten Fall die Frage der Arbeitsorganisation mit Nachdruck aus dem Privaten ins öffentliche Bewusstsein geholt und dadurch als gesellschaftlich zu beantwortende Frage sichtbar.

In der Mobilisierung für den Streik wird dennoch klar: Viele, die den Streik politisch richtig finden, können nicht streiken – auch wenn sie wollen. Gleichzeitig schafft der Streik unabhängig davon, ob real gestreikt wird oder nicht, einen Bezugspunkt. Durch das Sichtbarmachen der Gründe, die die Beteiligung verhindern, findet Beteiligung statt.

Das Dilemma, dass genau die Bedingungen, gegen die viele kämpfen wollen, sie daran hindern,  ist nicht von heute auf morgen zu überwinden. Und erst recht nicht an einem Tag. Politische Kampftage als Jahrestage entstehen aber ja genau durch Bewegung. Der Frauen*streik am 8. März ist ein Auftakt, ein Entwicklungsschritt hin zu einem feministischen Netzwerk, das sich perspektivisch in die Lage versetzen muss, unabhängig von Jahrestagen auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren oder diese zu beeinflussen. Wenn es Angriffe gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen durch die Regierung gibt, wird halt das Land lahm gelegt. Solange nicht ernsthaft über eine kollektive Arbeitszeitverkürzung gesprochen wird, setzen wir diese halt so um. Wenn es nicht genug Kita-Plätze gibt, nehmen wir unsere Kinder halt überall mit hin. Wir streiken, wann wir wollen und schaffen neue und viele Frauenkampftage.