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Wir müssen zusammenrücken, trotz Social Distancing 

Kolumne,

In letzter Zeit wurde häufig gesagt, »das Virus diskriminiert nicht«. Diesen Satz halte ich aus zwei Gründen für falsch. Zum einen zeigen die globalen Daten zur Pandemie eindeutig, dass in Armut lebende und gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen härter von der Pandemie getroffen werden und auch öfter sterben. Zweitens legt der Satz nahe, Diskriminierung sei intentional – also vom Diskriminierenden beabsichtigt. Das ist bei Weitem nicht immer der Fall. Diskriminierung läuft oft unbewusst ab, indem wir gesellschaftlich gelernte Muster reproduzieren. Das Virus diskriminiert demnach in seiner Auswirkung. 

Das gleiche gilt  für die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung. In vielen Fällen ist es nicht staatliche Intention, zu diskriminieren. Trotzdem passiert es, insbesondere LSBTI* Menschen sind besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt. Schon in Nicht-Krisenzeiten  versagen Staaten auf der gesamten Welt dabei, das Recht auf Leben auch für LSBTI* Personen sicherzustellen. Die Covid-19-Pandemie macht es noch schlimmer. Dass queere Menschen in den meisten Ländern der Welt an den gesellschaftlichen Rand gedrängt und ausgegrenzt werden, lässt sich belegen. Die Mitglieder unserer Communities haben im Durchschnitt ein schlechteres Einkommen, einen schlechteren Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Gütern und Dienstleistungen. Insbesondere transgeschlechtliche und intergeschlechtliche Menschen und Lesben haben weniger oder gar keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung. Trans Frauen und schwule Männer haben ein höheres Risiko HIV positiv zu sein, was sie vermutlich anfälliger für schwere Verläufe von Covid-19 macht. Gewalt und Diskriminierung dominieren den Alltag vieler LSBTI Menschen, nicht nur im globalen Süden und Osten sondern auch in Europa und Nordamerika. Die kürzlich veröffentlichte Studie »A long way to go for LGBTI Equality« der EU-Grundrechte Agentur ergab, dass sechs von zehn LSBTI* Menschen in der Europäischen Union sich nicht trauen, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Ein Fünftel der Befragten hatte im Jahr vor der Studie Gewalt erfahren.

Im Kontext der Covid-19-Eindämmungsmaßnahmen ist zu befürchten, dass in vielen der verbleibenden 70 Ländern, in denen einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Sex kriminalisiert wird, staatliche Stellen die jetzigen Eindämmungsmaßnahmen als Vorwand für Repressalien an LSBTI* Menschen verwenden. Peru, Kolumbien und Panama verhängten Ausgangssperren nach Geschlecht. An bestimmten Tagen durften nur Männer, an anderen nur Frauen auf die Strasse. Dies führte zu einem massiven Anstieg von Gewalt gegen Transmenschen. Darüber hinaus gehen viele Trans Frauen, insbesondere in Lateinamerika, der Sexarbeit nach. Sie trifft die Krise besonders hart. Die Kunden bleiben weg, aus Angst vor Ansteckung, aber auch wegen der Ausgangsbeschränkung. Staatliche Hilfen, so sie denn überhaupt existieren, greifen in den seltensten Fällen für Sexarbeiterinnen.

Viele, insbesondere junge LSBTI* Menschen, müssen mit ihren homo- und transfeindlichen Familien unter einem Dach leben. Schwule und lesbische Paare und deren Eltern können sich nicht mehr sehen, weil die Lockdown-Ausnahmen sie entweder zu einem Coming Out gegenüber den staatlichen Stellen zwingen würde, aber auch, weil die Ausnahmen von vornherein nur für verheiratete Paare gedacht sind. Auch in dieser Krise wäre es besser, wenn die  Gesellschaften und Staaten nach intersektionalen Gesichtspunkten handeln würden, um auch die Ärmsten und Ausgegrenzten zu schützen. Die Annahme, dass alle unterstützt und geschützt werden, wenn sich Verordnungen an der Mehrheit ausrichtet, stimmt eben nicht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn Maßnahmen die Schwachen und Diskriminierten mitdenken, dann helfen sie der gesamten Gesellschaft.

Ich hoffe, dass wir als LSBTI* Bewegung aus unseren bisherigen Ausgrenzungserfahrungen soviel gelernt haben, dass wir in diesen Zeiten dem »Ich zuerst« unsere Solidarität entgegensetzen. Es braucht Solidarität über Identitäts-, Staats- und Kontinentsgrenzen hinweg. Vielleicht lässt sich so auch langfristig etwas an den bestehenden Herr(!)schafts- und Machtstrukturen ändern.

Julia Ehrt ist Programmdirektorin von ILGA World  (weltweiter Dachverband der Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen-, Trans- und Intersexorganisationen)
 

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