Skip to main content
Foto: Rico Prauss

»Wir brauchen eine umfassende Strategie zur digitalen Alphabetisierung«

Im Wortlaut von Dietmar Bartsch,

Digitalisierung, Erwerbsarbeit und soziale Modernisierung

Foto: Marc Darchinger

 

 

Von Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Eine Studie des Weltwirtschaftsforums Davos, nach der durch die Digitalisierung bis zu fünf Millionen Erwerbsarbeitsplätze verloren gehen könnten, hat es in die Schlagzeilen geschafft. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt in einem Papier aus dem Jahr 2015 zu einem Nettoarbeitsplatzverlust. Dieser soll in Deutschland 60.000 Arbeitsplätze in der Industrie betreffen. In ihrem Buch „Arbeitsfrei. Reise zu den Maschinen, die uns ersetzen werden“ haben Constanze Kurz und Frank Rieger bereits 2013 anschaulich die Veränderungen in der Erwerbsarbeitswelt beschrieben.

Die Debatte um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt ist nicht neu. Es gibt sicherlich auch Menschen, die Zweifel an den jeweiligen Studien haben. Das sei ihnen unbenommen. Automatisierung, der Einsatz von Robotern, der 3D-Druck und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz sind jedoch nicht aufzuhalten. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie tatsächlich die Erwerbsarbeit und letztlich unser Leben verändern werden. Ob am Ende wirklich die prognostizierten Arbeitsplatzverluste eintreten, ist da fast zweitrangig. Die Herausforderungen der Digitalisierung anzunehmen, ist eine Aufgabe, der sich Politikerinnen und Politiker stellen müssen, zumal wenn es ihnen um eine soziale Modernisierung geht.

Die Davos-Studie geht davon aus, dass das Wegbrechen der Jobs vor allem den Gesundheits-, Energie- und Finanzsektor sowie Bürotätigkeiten betreffen wird. Die prognostizierte Entwicklung könnte vor allem Frauen treffen. Nun kann sich daraus sicherlich eine Debatte über den Stellenwert von Erwerbsarbeit in der Gesellschaft und über neue soziale Sicherungssysteme ergeben. Auch ich halte eine solche Debatte für zwingend notwendig. Zugleich ist Politik schon heute aufgefordert, konkrete Vorschläge zu unterbreiten, wie auf die Folgen der Digitalisierung für die Erwerbsarbeit reagiert werden kann, wie soziale Gerechtigkeit gewahrt beziehungsweise hergestellt wird.

Aus der Geschichte wissen wir einerseits, dass Maschinenstürmerei nichts nützt. Andererseits lehrt sie uns, die sozialen und gesellschaftlichen Folgen technischer Entwicklungen aufmerksam zu analysieren und verantwortungsvoll zu gestalten. Wofür und gegen wen es im Grunde geht, hat uns Heinrich Heine bereits 1844 ins Stammbuch geschrieben, als er die schlesischen Weber sagen ließ:

“Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der den letzten Groschen von uns erpreßt

Und uns wie Hunde erschießen läßt.”

Ich habe kürzlich, vor allem im Hinblick auf Click- und Crowdworker, den Vorschlag eines Mindesthonorars unterbreitet. DIE LINKE debattiert an verschiedenen Stellen, wie ein solches Mindestentgelt aussehen kann. Dabei geht es zum einen um die Frage der sozialen Absicherung der Beschäftigten in solchen neuen Arbeitsformen, zum anderen aber auch darum, das sogenannte Outsourcing zu erschweren. Aus meiner Sicht ist auch zu prüfen, ob die Crowd- und Clickplattformen nicht als „Verleiher“ in einem Leiharbeitsverhältnis anzusehen sind. Das würde ganz andere und neue Regulierungsmöglichkeiten eröffnen.

Doch wir dürfen dabei nicht stehen bleiben. Wir brauchen eine umfassende Strategie zur digitalen Alphabetisierung. Wer versteht, wie etwas funktioniert, kann viel besser damit umgehen. Wer programmieren kann, kann sich viel besser den Veränderungen, die das Internet mit sich bringt stellen. Das verlangt neben einer anderen Bildungspolitik auch die Möglichkeit umfassender Weiterbildung. Ein Leben lang. Dass mittlerweile die Ausstattung der Schulen mit Hard- und Software durch Konzerne stattfindet, ist meines Erachtens der falsche Ansatz. Schulen, Lernende und Lehrende, dürfen nicht auf proprietäre Software, deren Nutzungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, festgelegt werden, sondern sollten den selbstbestimmten Umgang mit Hard- und Software lernen.

Es muss auch darum gehen, Frauen zu ermuntern, in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) umfassender tätig zu werden. In diesen Fächern ist der Anteil von Frauen in der Ausbildung, beim Studium und im Erwerbsleben immer noch zu gering. So lag der Frauenanteil unter den 3,7 Millionen MINT-Fachleuten im Jahr 2014 bei 14 Prozent. Der Anteil weiblicher Studierender im Bereich Informatik liegt bei 22 Prozent. Es ist gut, dass es den „Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen“ gibt, wir müssen aber gemeinsam schauen, ob die darin vorgesehenen Möglichkeiten ausreichend sind, Frauen für MINT-Studiengänge und Berufe zu motivieren, und ob es notwendig ist, seine Laufzeit über den 31. August 2017 hinaus zu erweitern.

Digitalisierung und ihre Veränderungen auf Leben und Erwerbsarbeit werden wir in der LINKEN weiter im Blick behalten und Vorschläge zu ihrer Gestaltung machen.

Auch interessant