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Welcome United – zwischen Krieg und Kreisliga

Im Wortlaut,

Beim Regionalligisten SV Babelsberg 03 gibt es die erste reine Flüchtlingsmannschaft Deutschlands: Welcome United 03.

Foto: Martin Plenz

 

 

Von Paul Schwenn

23 Spieler stehen auf dem Platz. Einer muss runter, denn beim Fußball spielen elf gegen elf. Lautstarke Diskussionen in den verschiedensten Sprachen, Arabisch, Französisch, Deutsch. Ein bisschen chaotisch sieht das aus, aber jeder hier brennt auf seinen Einsatz. Mitten in Brandenburg, genauer gesagt in Babelsberg, findet ein besonderes Fußballspiel statt: Welcome United 03 gegen Inter Hoppegarten – das Spiel zweier Flüchtlingsmannschaften.

Der Gastgeber, Welcome United, ist die dritte Mannschaft des Regionalligisten SV Babelsberg 03. Gegründet im letzten Jahr, kicken in diesem Team Spieler aus mehr als zehn verschiedenen Nationen, die Woche für Woche hart trainieren und ab Sommer 2015 sogar in der Kreisliga um Punkte spielen werden. Damit werden sie das erste reine Flüchtlingsteam einer deutschen Fußballmannschaft im regulären Ligabetrieb sein.

Nachdem Trainer Zahirat Juseinov, genannt Hassan, einen seiner spielbegierigen Schützlinge zurück auf die Bank geschickt hat, rollt der Ball, das Spiel beginnt. Die Spieler sind konzentriert, sauberes Kurzpassspiel, wenige Ballverluste. Der Siegeswille der beiden Mannschaften ist für jeden auf der Sportanlage am Karl-Liebknecht-Stadion spürbar. Die Partie ist hart umkämpft, eine strittige Szene jagt die nächste. Die „Nulldreier“ sind spielbestimmend. Immer gefährlicher tauchen die Babelsberger Angreifer vor dem gegnerischen Tor auf. Dann endlich: Nach einem schnellen Konter gehen die Gastgeber verdient in Führung. Noch vor der Halbzeit baut Babelsberg die Führung auf 2:0 aus. Durch einen Elfmeter kommt Inter Hoppegarten in der zweiten Hälfte noch mal ran. Nach 90 Minuten ist es vollbracht. Die Spieler reißen die Arme in die Luft. Die Zuschauer am Spielfeldrand jubeln ihrer Mannschaft zu.

Einer der bejubelten Torschützen heißt Johnson Ejike, ein kleiner bulliger Spieler, eiskalt vor dem Tor. Vor vier Jahren kam die Nummer 9 von Welcome United aus Nigeria nach Deutschland. In seinem Heimatland war der 34-Jährige Politiker. Nach der Präsidentschaftswahl im Jahr 2011 eskalierte die Gewalt im Land, und Johnson Ejike musste fliehen. Eltern und Geschwister blieben in Afrika. Heute wütet die islamistische Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria. „Jeder lebt in Furcht, ich bin froh, dass meine Familie Boko Haram noch nicht zum Opfer gefallen ist“, sagt Johnson Ejike. Seit seiner Ankunft in Deutschland war ihm klar: „Ich muss Fußball spielen, wie zu Hause auch.“

Als Ejike in Potsdam die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfe, Manja Thieme, kennenlernt, wird aus diesem Wunsch in kürzester Zeit Realität. Thieme, die dieses Anliegen nicht das erste Mal hört, hat eine Idee. Warum nicht den Verein kontaktieren, den sie seit Jahren wegen seiner antirassistischen und toleranten Haltung schätzt und liebt: den SV Babelsberg 03. „Ich schrieb der Geschäftsstelle eine E-Mail, in der ich von dem Anliegen der Flüchtlinge berichtete“, erzählt sie. Prompt wurde Thieme zum persönlichen Gespräch eingeladen. Dort teilte ihr der Verein mit, dass er nicht nur einen Trainingsplatz zur Verfügung stellt, sondern die fußballbegeisterten Flüchtlinge gleich als offizielles Team in den Verein integrieren will.

Der SV Babelsberg ist zugegebenermaßen eher ein kleiner Stern am Fußballhimmel. Noch vor einigen Jahren spielte der Verein in der zweiten Bundesliga. Mittlerweile dümpelt die erste Elf im Mittelfeld der Regionalliga Nordost vor sich hin. Kontrahenten sind Vereine mit ruhmreicher Vergangenheit wie der FC Magdeburg oder BFC Dynamo Berlin, aber auch der VFC Plauen oder ZFC Meuselwitz und damit nicht nur sportliche Leckerbissen. Was der Verein allerdings vielen Bundesligaclubs voraus hat, ist seine einzigartige Fankultur. Die Anhänger setzen sich gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus ein. Antifa- Fahnen und „Refugees Welcome“-Transparente bestimmen das Bild der Nordkurve des Karl-Liebknecht-Stadions. Kein Wunder also, dass die Fans das neue Projekt Welcome United unterstützten und spontan die Trikots für den Vereinszuwachs bezahlten. Das blau-weiße Vereinsemblem prangt nun auf der Brust der Sportsfreunde.

Andere Fußballvereine folgen Babelsberger Beispiel

Angefangen zu zehnt, stehen heute über vierzig Spieler im Kader. Für „jedes befreite Lachen, jede Unbeschwertheit der Jungs“ lohne sich die Arbeit mit dem Team dreifach, sagt Thieme. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, welche schweren Lasten die meisten Kicker von Welcome United auf den Schultern tragen. Viele von ihnen haben in ihrer Heimat Traumatisches erlebt: Hunger, Kriege, Vertreibung und vieles mehr. Nicht wenige bangen täglich um das Schicksal ihrer zurückgebliebenen Familienangehörigen und haben oft lebensgefährliche Fluchtwege nach Deutschland überlebt. So wie ein Spieler von Welcome United, der aus Somalia stammt und mit einem vollbesetzten Schlauchboot im Mittelmeer kenterte. „Wer nicht schwimmen konnte, musste sterben“, erzählt er. „Jetzt bin ich froh, hier zu sein, die meisten Gleichaltrigen in meinem Heimatland haben eine Waffe in der Hand.“

Wenn die Babelsberger Ballkünstler dann voller Elan und Freude über den Platz spurten, wird klar, wie wichtig der Fußball für sie ist. Nächste Saison möchte Welcome United am offiziellen Spielbetrieb in der Kreisliga teilnehmen. „Unser langfristiges Ziel ist es, auch andere Sportvereine davon zu überzeugen, Flüchtlingen eine Möglichkeit zu geben, Sport zu treiben“, sagt Thieme. Besonders wichtig sei dabei die Rückendeckung von Fans und Vereinsführung, wie in Babelsberg eben. Immer mehr Fußballvereine folgen nun dem Babelsberger Beispiel. So startet kürzlich der Bundesligist VfB Stuttgart die Initiative „Fußball verbindet“, bei der jugendliche Flüchtlinge in der Fußballschule der Schwaben mittrainieren können.

Als die Flutlichter ausgehen und die Spieler die Kabine verlassen, ist Johnson Ejike erschöpft vom Spiel. Der Stürmer spricht Deutsch und Englisch und hat als Bindeglied zwischen Team und Trainer eine zentrale Rolle. Auf dem Platz übersetzt Ejike Ansprachen des Trainers für seine Mitspieler und gibt oft den Ton an.

Abseits des Platzes kann er seine Qualitäten kaum zum Einsatz bringen – vor allem die beruflichen. Johnson Ejike ist Politologe. In Berlin arbeitet er als Reinigungskraft in einem Museum. „Das ist nicht mein Beruf, ich kriege keine Chance, mein Können unter Beweis zu stellen“, sagt er. Selbst eine Ausbildung zum Lkw-Fahrer könne das Jobcenter ihm nicht bezahlen. Lange Zeit hat er im Flüchtlingsheim in Bad Belzig gelebt, mittlerweile ist er mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Kind in eine eigene Wohnung gezogen. Vor dem Training geht der gläubige Christ oft in die Baptisten-Kirche in Potsdam. Dort wird die Predigt für die Flüchtlinge simultan übersetzt. „Bald ist das nicht mehr nötig, ich verstehe eh fast alles“, sagt Ejike grinsend. „In der Kabine reden wir allerdings nicht über Religion oder Herkunft. Fußball ist hier alles, was zählt.

 

Der Artikel erscheint am 29. Mai 2015 in der neuesten gedruckten Ausgabe der clara, dem Magazin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag.

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