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Untersuchungsausschuss Gorleben: Ein unbelehrbarer Professor

Nachricht von Dorothée Menzner,

Bericht aus der 46. Sitzung des 1. Untersuchungsausschusses (Gorleben).

Mit dem aktuellen Beschluss zum Atomausstieg ist noch nichts zu Verbleib des Atommülls geregelt, der aus dem bisherigen Betrieb und dem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke bis 2022 anfällt. Dies soll in einem eigenen Endlagergesetz bis Ende des Jahres geschehen. Wie man ein Endlager sicher nicht auf die Agenda heben sollte, kann man derzeit im Untersuchungsausschuss Gorleben lernen. Die Wissenschaftler und Ministerialen, die den Auswahlprozess mitbetrieben haben, gehen daraus fast alle beschädigt hervor.

Einer, über den sich heute Spott und Hohn ergießen müsste, wäre das Ganze nicht so tragisch, ist der Zeuge, der diese Woche vor dem Untersuchungsausschuss Gorleben befragt wurde. Professor Klaus Kühn war der Mann, der Jahrzehnte lang verantwortlich war für den wissenschaftlichen Bereich der ASSE II. Heute steht der Name ASSE für das größte deutsche Umweltdesaster: das niedersächsische Atommülllager für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll, in dem 125.000 Fässer eingelagert sind, droht wegen massivem Laugenzutritt einzustürzen. Zuletzt wurde dort im April 2011 stark erhöhte Radioaktivität gemessen.

Bereits zwei Mal musste Klaus Kühn vor dem ASSE-Untersuchungsausschuss in Hannover aussagen. Am gestrigen Donnerstag wurde er nun zu Gorleben befragt, denn das Salzbergwerk ASSE bei Wolfenbüttel galt immer als Prototyp für Gorleben. Dies allerdings bestreitet Kühn vehement: es sei wohl prototypische Forschung in der ASSE betrieben worden, doch die Salzstöcke ASSE und Gorleben würden sich schon allein darin unterscheiden, dass in Gorleben nie ein Bergwerk betrieben wurde wie in der ASSE. Gorleben gilt nach wie vor als „unverritzt“. Die Vorzüge des Salzes als Endlagermedium streicht Kühn auch heute noch gern heraus. Allerdings habe er selbst nie in Gorleben geforscht. Doch in den Jahren des Moratoriums hat Kühn als Experte im Auftrag der Industrie „Gutachten“ mitverfasst, die für eine Weitererkundung Gorlebens plädierten. Zum Auswahlverfahren kann er nur erinnern, dass 1977, als Niedersachsen Gorleben auf den Tisch brachte, viele sehr überrascht waren. Allerdings seien damals andere Kriterien wichtig gewesen, weil ein Nationales Entsorgungszentrum (NEZ) geplant war und die Wiederaufbereitung im Vordergrund stand, weniger das Endlager selbst.

Die Vorgänge in der ASSE spielen auch für Gorleben eine Rolle, weil hier wichtige Erfahrungen mit dem Salz gemacht wurden. Doch Anfang der 1990er Jahre war Kühn mit seiner Forschung in der ASSE am Ende. 1992 wurden die Großversuche mit HAW (High Active Waste, hochradioaktiven Abfällen) abgebrochen, was Kühn und sein Team sehr bedauerten. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits Zig-Millionen an Forschungsgeldern hineingeflossen waren konnten sich damals nach Kühns Darstellung das Bundesumweltministerium (BMU) und das Bundesforschungsministerium (BMFT) über die Restfinanzierung nicht einigen. Offensichtlich war die Industrie an den Kosten nicht beteiligt.

Hätte man 1992 die Versuche mit hochradioaktivem Müll und Wärmeeinwirkung auf das Salz weiterbetreiben können, hätte man vielleicht Erkenntnisse über die Eignung von Salz als Endlagermedium erhalten. In den Niederlanden hat man diese Versuche – wenn auch in kleinerem Stil, so doch über viele Jahre – durchgeführt. Eine Forschungsgruppe um den Niederländer Den Hartog kam zu dem Ergebnis, dass hochradioaktive Strahlung und Wärme im Salz einen Prozess der Radiolyse und kleine kettenartige Explosionen auslösen können. Die Niederlande setzt seither nicht mehr auf Salz als Endlagergestein.

Für Klaus Kühn, auch landläufig als „Salzpapst“ bezeichnet, ist das nicht nachvollziehbar. Auf Nachfrage von Dorothée Menzner, Obfrau der Fraktion DIE LINKE im Untersuchungsausschuss Gorleben, behauptet Kühn, der Niederländer Den Hartog und die anderen internationalen Wissenschaftler seien widerlegt. Das will er bereits selbst 1983 getan haben, also viele Jahre bevor Den Hartog geforscht hat. Es ist widersprüchlich, dass Kühn dennoch den gescheiterten Großversuch von 1992 so bedauert. Und es macht ihn als Wissenschaftler zusätzlich unglaubwürdig, dass er heute noch nicht einmal in der Lage ist, zuzugeben, dass der Bereich der Radiolyse-Wirkung von HAW im Salz noch nicht zu Ende erforscht ist.

Als Beweis, dass Salz noch nicht „out“ sei, will Kühn zunächst das US-amerikanische Forschungsprojekt Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) anführen. Doch auf Nachfrage der LINKEN-Abgeordneten Johanna Voß ist schnell geklärt, dass die Amerikaner dort große Probleme mit Laugenzuflüssen hatten und das Atommülllager nicht als Vorbild taugt: Dort werden nur schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus überwiegend militärischer Nutzung gelagert. Auch vom WIPP liegen keine Erfahrungen mit Wärmeentwicklung und Strahlung von hochradioaktivem Müll vor.

Man kann sich vorstellen, dass ein mit dem ASSE-Desaster fulminant gescheiterter Professor wie Klaus Kühn nicht besonders auskunftsfreudig ist. War er es doch, der viele Jahre lang den GAU schöngebetet hat und auf den sich die Politik verlassen hat. Doch dass er in seiner Situation nach wie vor dazu neigt, so wenig wie möglich Fehler einzugestehen, sondern vielmehr die Spitzenstellung der Forschung, die Deutschland (und damit implizit er) im Endlager-Bereich einst hatte, hoch zu halten, das macht vor dem Untersuchungsausschuss ein wirklich jämmerliches Bild. Seine offensichtliche Unbelehrbarkeit ist erschütternd. Noch heute würde er in der ASSE forschen, wenn man ihn denn ließe, auch mit hochradioaktiven Stoffen.

Man ist erinnert an Dürrenmatts „Physiker“, dem Drama, in dem es um die moralische Verantwortung der Wissenschaft geht. Doch während die Physiker in der Komödie ihre Geisteskrankheit nur vorspielen, um die Welt vor dem Verderben zu bewahren, offenbart Klaus Kühn eine Unerschütterlichkeit, die so unbedarft daher kommt, dass einem ganz bange werden kann. 

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