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Tröglitz – miteinander, füreinander

Im Wortlaut,

Ex-Bürgermeister Markus Nierth (r.) und seine Frau auf der Kundgebung für Solidarität und gegen Fremdenhass am 4. April 2015 in Tröglitz

 

 

Von Wulf Gallert, Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Landtag von Sachsen-Anhalt

Über die Entwicklung in Tröglitz ist schon viel geschrieben und geredet worden, allerdings erst, als der ehrenamtliche Bürgermeister mit der Begründung zurücktrat, er könne sein Amt deshalb nicht mehr ausüben, weil er und seine Familie von Rassisten und Ausländerfeinden bedroht werden. Vorher hatte er sich wochenlang dafür eingesetzt, im Ort einen offenen Dialog darüber zu führen, wie die zu erwartenden 40 Flüchtlinge in dem Ort mit fast 3 000 Einwohnern in Zukunft - geplant war ein halbes Jahr später - empfangen und integriert werden können.

Vier Wochen nach seinem Rücktritt brannte ein Haus, das für diese Unterkünfte vorgesehen war und in dem noch ein einheimisches Ehepaar wohnte. Zweifellos handelt es sich bei diesem Brandanschlag um ein abscheuliches Verbrechen. Mindestens genauso bedeutsam ist aber die Frage, wie die Menschen dort vor Ort reagieren. Natürlich gibt es in Tröglitz alle Reaktionsmuster, die uns hinter vorgehaltener Hand schon seit langem, seit AfD und Pegida aber bundesweit offen entgegen schlagen: Unverhohlener Hass gegen alle Fremden, die etwas differenzierte, letztlich aber genauso zynische Kosten-Nutzen-Position bei der Auswahl von  Migrantinnen und Migränen, völliges Desinteresse gepaart mit Angst um den vermeintlich bedrohten kleinen Wohlstand, aber auch die Angst, das nächste Opfer von Mobbing oder Gewalt von Rechtsextremen zu sein. 

Daneben gibt es aber eben auch Menschen, die sich engagieren - für Humanismus, für Weltoffenheit, für Solidarität, unter anderem auch der zurückgetretene Bürgermeister und seine Frau. Er ist übrigens Mitglied der CDU-Fraktion im Gemeinderat.

Tröglitz ist vielleicht deshalb etwas so Besonderes, weil sich die politische Auseinandersetzung, die wir zurzeit auf europäischer, Bundes- und Landesebene führen, in einem Dorf zuspitzt. Über die Entwicklung dort müssen wir alle nachdenken. Und auch ich habe bei weitem noch nicht für alle Probleme eine Lösung. Wir sollten uns allerdings vor plakativen Positionen bewahren, dazu zählen:

Erstens: Man kann eine solche Situation vermeiden, wenn die Bevölkerung nur ehrlich und transparent darüber aufgeklärt wird, dass Flüchtlinge demnächst in ihrer Nachbarschaft leben. Das ist hier getan worden. Man hätte es vielleicht noch besser machen können, aber das hätte das Problem tendenzieller Ausländerfeindlichkeit und der Inaktivität der Mehrheit der Einwohner nicht gelöst.

Zweitens: Das Dorf Tröglitz liegt zwar in einer Region mit immer noch relativ hoher Arbeitslosigkeit. Dem Dorf selbst sieht man dies aber nicht an. Gepflegte Vorgärten und sanierte Häuser bestimmen das Bild. Immer wieder sagen die Einwohner, dass sie gern dort leben. Das Bild der ostdeutschen Tristesse kann nicht als Kulisse für die Vorgänge in Tröglitz herhalten, wie es überregionale Medien gerne behaupten.

Die wenigen Genossinnen und Genossen, die es vor Ort gibt, haben sich schon lange vor der überregionalen Öffentlichkeit stark engagiert. Allein - sie waren zu wenige. Und von den anderen Parteien war in dieser zugespitzten Situation ohnehin kaum etwas zu hören.

Wir können von außen unterstützen, aber wir können die Auseinandersetzung in einer solchen Gemeinde nicht von außen führen. Über die Situation in Tröglitz entscheiden letztlich die Menschen in diesem Ort.

So bedrückend die Vorgänge waren, die zum Rücktritt des Bürgermeisters geführt haben, so erschreckend der Brandanschlag auf alle gewirkt hat, es gibt trotzdem Hoffnung für Tröglitz, weil die Zahl derjenigen, die sich gegen die Dominanz von Hass und Fremdenfeindlichkeit wehren, langsam - möglicherweise für uns zu langsam - steigt. Wir werden diese Entwicklung begleiten und unterstützen, und wir können uns dabei daran orientieren, dass es auch dort in der Region erfolgreiche Beispiele beim Kampf um die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft gibt, nämlich der Wahrung der Würde eines jeden Menschen - egal, woher er kommt.