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»Tief menschlich geblieben«

Nachricht von Lothar Bisky,



Ohne Lothar Bisky hätte es DIE LINKE in ihrer heutigen Form vermutlich nicht gegeben. Lange Jahre hatte er die ostdeutsche PDS geprägt – von 1993 bis 2000 und von 2003 bis 2007 war er ihr Vorsitzender. 2007 nutzte er die Gunst der Stunde und formte gemeinsam mit Oskar Lafontaine bei der Fusion von WASG und PDS eine neue LINKE. Damit wurde ein neues Kapitel der LINKEN im wiedervereinigten Deutschland aufgeschlagen.

"Sein Anteil an der Entstehung der neuen Linken kann nicht hoch genug bewertet werden. Er hinterlässt eine schmerzliche Lücke", sagte Oskar Lafontaine anlässlich der Nachricht über den Tod seines politischen Weggefährten. Beide führten von 2007 bis 2010 die neu gegründete Partei DIE LINKE. "Wir haben gemeinsam für eine einige und starke LINKE gekämpft", so Lafontaine. "Viele werden sein politisches Erbe weiter tragen."

Auf "dickes Fell" verzichtet

Wie sehr der Verlust schmerzt, machte Petra Pau in einem Interview im Deutschlandradio Kultur deutlich: "Was Lothar Bisky vor 1990 geleistet hat, das habe ich in den letzten Jahren immer wieder von seinen ehemaligen Studenten und heute zum Teil weltberühmten Filmemachern gehört. Und was er seit 1990 sowohl im Land Brandenburg für die Verankerung von Demokratie und des Parlamentarismus geleistet hat, aber vor allen Dingen auch für die PDS und DIE LINKE, das lässt sich kaum beschreiben."

Petra Pau sagte, das Wesen und die Art Lothar Biskys seien untypisch für einen Politiker gewesen. Er habe auf ein "dickes Fell" verzichtet: "Er ist die ganze Zeit ganz tief menschlich geblieben." Für viele sei er dadurch zu einer moralischen Autorität geworden.

Jenseits von politischen Einstellungen betonen viele Politikerinnen und Politiker in ihren  Beileidsbekundungen den außergewöhnlichen Charakter Lothar Biskys: "Auch wenn wir für unterschiedliche politische Ziele eingetreten sind, habe ich an Lothar Bisky seine Kollegialität, seine Verbindlichkeit und seine Liebe zur Kultur geschätzt", erklärte Außenminister Guido Westerwelle (FDP). "Mit Lothar Bisky verliert die Linke eine profilierte Persönlichkeit, einen über die Parteigrenzen hinweg geachteten und geschätzten Menschen", kondolierte SPD-Chef Sigmar Gabriel. "Sein unabhängiger linker Geist zeichnete ihn zeitlebens aus." Bisky sei "immer fair und an ehrlichen Diskussionen interessiert“ gewesen, sagten die beiden Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir. Mit seinem Politikstil habe Bisky versucht, "Brücken zu bauen".

Doch das stieß nicht immer auf Gegenliebe. Als die Abgeordneten des Bundestages 2005 Lothar Bisky als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten in vier Wahlgängen durchfallen ließen, hat ihn das tief getroffen. Mit seinem Engagement in der SED mochten sich die Abgeordneten der anderen Fraktionen nicht anfreunden. Die Fraktion DIE LINKE ließ das ihr zustehende Amt ein Jahr lang unbesetzt, bis es Petra Pau 2006 übernahm. Nachtragend oder zornig sei Lothar Bisky dennoch nicht gewesen, sagt Petra Pau, habe jedoch stets Respekt gegenüber unterschiedlichen Biographien eingefordert.

Die Politik ließ ihn nicht mehr los

Wie schwierig sich Biographien manchmal entwickeln, wusste Lothar Bisky aus eigener Erfahrung. Der am 17. August 1941 in Zollbrück im Kreis Rummelsburg/Hinterpommern Geborene wuchs als Flüchtlingskind in einfachen Verhältnissen in Schleswig-Holstein auf. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft und einer gerechteren Gesellschaft ging er mit 18 Jahren in die DDR. 1963 trat er in die SED ein. Er studierte Philosophie und Kulturwissenschaften und begann eine wissenschaftliche Karriere. Von 1986 bis 1990 war er Rektor und Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam und setzte sich dabei immer wieder für kritische Studenten und ihre Filme ein. In den DDR-Aufbruchszeiten bat er die Studentinnen und Studenten darum, ihm das Vertrauen als Rektor auszusprechen – was sie taten, Bisky aber viel Ärger einbrachte. Am 4. November 1989 sprach Lothar Bisky vor 500.000 Menschen auf dem Alexanderplatz und legte anderen DDR-Amtsinhabern nahe, es ihm nach zu tun und sich demokratisch legitimieren zu lassen.

Nach der Wende ließ ihn die Politik nicht mehr los. Zunächst war er von Oktober 1991 bis Anfang 1993 PDS-Landesvorsitzender in Brandenburg, dann wuchsen die Aufgaben. Er war ihnen gewachsen – als Mensch mit einem "höchstanständigen Charakter, mit großer Toleranz, mit tiefem Mitgefühl, mit einem tiefsinnigen Humor und mit größter Bescheidenheit", wie ihn Katja Kipping und Bernd Riexinger beschreiben. Er konnte vermitteln, Streitigkeiten schlichten und war, erinnert sich Dietmar Bartsch, "ein unheimlich toller Ratgeber".

Aus engen Wegen werden große Straßen


Auch international erwarb sich Lothar Bisky vielseitigen Respekt als Vorsitzender der Europäischen Linken und seit 2009 als Abgeordneter im Europaparlament, wo er bis März 2012 auch Vorsitzender der Fraktion GUE/NGL war. "Er war unglaublich tolerant, wollte aus jedem das Beste herausholen, um etwas Gemeinsames und Friedliches aufzubauen", sagte Francis Wurtz, Politiker der kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), der Lothar Bisky seit 20 Jahren kannte. "In all den Jahren habe ich seine tiefe Menschlichkeit bewundert, die er insbesondere auch den Menschen entgegengebracht hat, die es an Menschlichkeit ihm gegenüber fehlen ließen", sagte Francis Wurtz. "Ich glaube, dass er auch deshalb bei so vielen Menschen respektiert war. Das weiß ich auch von vielen Kolleginnen und Kollegen aus dem Europäischen Parlament."

Mit dem italienischen Linken Fausto Bertinotti verband Lothar Bisky eine enge Freundschaft. "Dieser Verlust ist sehr groß für die ganze große Welt, zu der Lothar gehörte: die Arbeiterbewegung, die europäische Linke, seine Partei", trauerte Bertinotti. "Für mich, für uns handelt es sich dabei um einen Verlust, mit dem wir uns nicht abfinden können, um den Verlust eines Genossen, den wir sehr zu schätzen wussten, und um den Verlust eines Freundes, den wir sehr lieb hatten. Ohne ihn hätte die Partei der Europäischen Linken, ein noch nicht eingelöstes Versprechen, gar nicht entstehen können. Wir sind enge Wege gemeinsam gelaufen. Wir glaubten beide daran, dass diese engen Wege große Straßen werden konnten, die zur Emanzipation unserer Völker führen."

linksfraktion.de, 14. August 2013