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Respekt und Realität

Im Wortlaut von Katrin Kunert,

Jetzt im September 2016 finden in Rio de Janeiro die 15. Paralympischen Spiele statt, das Olympia des Behindertensportlers könnte man sagen. Es ist ein großartiges Sportfest mit tollen Athletinnen und Athleten, mit herausragenden, bewundernswerten Leistungen. 4.300 Sportlerinnen und Sportler aus 170 Ländern werden in Brasilien an den Start gehen und um die Medaillen kämpfen. Sie alle verdienen unseren Respekt.

Ihre Leistungen sind mindestens genauso hoch zu bewerten wie die der Nicht-Behinderten, wenn nicht sogar höher. Denn der Aufwand, den sie für ihren Sport betreiben müssen, geht oftmals weit über das hinaus, was Sportlerinnen und Sportler ohne Beeinträchtigung leisten, sowohl finanziell als auch zeitlich. Der spezielle Rennrollstuhl, die individuelle Prothese, der Guide für die Blinden, all das kostet extra. Zudem sind auch in Deutschland viel zu wenige Sportstätten wirklich barrierefrei – das bringt lange Fahrzeiten zum Training mit sich. Und trotz all dieser Hindernisse gehen in Rio 155 deutsche Athletinnen und Athleten in 22 Sportarten an den Start.

Allerdings mit deutlich weniger Aufmerksamkeit bedacht als diejenigen, die die Olympischen Spiele selbst bestritten haben. Von den olympischen Wettbewerben in Rio haben die öffentlich-rechtlichen Sender rund 320 Stunden berichtet, für die Paralympics sind 75 Stunden eingeplant. Wirklich begründet ist dieser offensichtliche Unterschied nicht. Selbstverständlich geht es um Einschaltquoten, also um öffentliches Interesse. Aber gerecht ist es nicht

Zwar sind die Medaillenprämien für die Paralympics inzwischen an die olympischen angeglichen worden, aber für Platzierungen im Endkampf bekommen die Behinderten nichts. Gerecht ist das nicht. Ähnliches gilt für die Sportförderung, für die Trainerausbildung und, wie bereits gesagt, für Hallen und Plätze. Das ist nicht gerecht, aber Realität.

Wir freuen uns an den sportlichen Erfolgen der Athletinnen und Athleten, die in Rio bei den Paralympischen Spielen an den Start gehen. Dies ist allerdings nur ein Aspekt ihrer bewundernswerten Leistungen. Die Ungleichheit von olympischem und paralympischem Sport lässt sich realistisch weiterhin nicht leugnen. Aber die Sportlerinnen und Sportler, die Medaillen oder ganz persönliche Ziele erreichen, setzen sichtbare Zeichen für eine behindertengerechtere, inklusive Gesellschaft, die uns hoffentlich alle auch ein klein wenig nachdenklich stimmen.

Katrin Kunert, für DIE LINKE Mitglied im Sportausschuss des Bundestages

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