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PISA-Riese oder Bildungszwerg?

Im Wortlaut,

Streit um Interpretation der Ergebnisse der jüngsten Schulstudie schon vor der Veröffentlichung

Wird Deutschland heute von den Bildungsforschern der OECD in den PISA-Himmel gelobt oder bleibt der Wirtschaftsriese nach wie vor ein Bildungzwerg? Im Vorfeld der heute offiziell in Berlin vorgestellten dritten PISA-Untersuchung gab es Streit um die Interpretation der Ergebnisse. Unionspolitiker nahmen dabei vor allem den Leiter des internationalen PISA-Konsortiums bei der OECD, Andreas Schleicher, aufs Korn.

Andreas Schleicher ist Deutscher und als solcher weiß er um das Minenfeld, das auf Bildungsforscher wartet, die in Deutschland offen aussprechen, was konservative Bildungspolitiker gerne unter den Teppich kehren wollen: dass die mangelhafte Chancengerechtigkeit im hiesigen Bildungssystem vor allem etwas mit dem gegliederten und auf frühzeitige Selektion setzenden Schulsystem zu tun hat. Nach der ersten PISA-Studie vor sechs Jahren war Schleicher noch vorsichtig, vor drei Jahren wagte er sich allerdings aus der Deckung und kritisierte offen die Schulselektion in Deutschland. Prompt wurde er aus den Schützengräben der Konservativen mit allerlei Knallkörpern beworfen.

Zwischen 2004 und der vergangenen Woche herrschte dann so etwas wie ein unausgesprochener Waffenstillstand. Der wurde von Unionspolitikern und den ihnen nahe stehenden Bildungsforschern vorzeitig gebrochen. Hessens Kultusministerin Karin Wolff forderte Schleicher Ende letzter Woche vorsorglich zum Rücktritt auf und begründete dies u. a. mit Schleichers früherer Kritik am deutschen Schulsystem.

So weit wollte der für Deutschland zuständige PISA-Forscher Manfred Prenzel nicht gehen. Prenzel, der schon nach der letzten PISA-Studie als Kronzeuge für die Kultusministerkonferenz (KMK) von »Erfolgen für Deutschland« sprach und eine Debatte über die Schulstruktur ablehnte, baute sich in den letzten Tagen erneut als »Gegenpapst« zu Andreas Schleicher auf. Die Leistungen der deutschen Schülern seien nicht nur besser, es gebe auch »nachweisbare Fortschritte« bei der Chancengleichheit.

Die jüngste IGLU-Grundschulstudie sagt hier allerdings etwas ganz anderes und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warf Prenzel daher auch »Schönfärberei« vor. Die offene Flanke, in die die Bildungsorganisation dabei stößt, ist Prenzels eigenwilliges Messverfahren. Bereits 2003 hatte Prenzel anders als seine ausländischen Kollegen gerechnet. Heute verwendet er ein Verfahren, das nur den Berufsstatus der Eltern erfasst, eine Aussage über die Bildungsnähe oder -ferne des Elternhauses also nur bedingt zulässt. Der von den internationalen PISA-Forschern benutzte Index dagegen berücksichtig auch soziale und kulturelle Faktoren wie den Zugang zu Büchern im Elternhaus, eigenen Arbeitsplatz für die Schularbeiten, Computernutzung sowie Nutzung außerschulischer Bildungsangebote.

PISA-Studie

  • PISA steht für Programme for International Student Assessment) und misst die Bildungskompetenzen von 15-Jährigen. Getestet wird also die Fähigkeit von Heranwachsenden, Wissen im Alltag anzuwenden. Nicht getestet wird, ob die Jugendlichen gelernt haben, was die jeweiligen Lernpläne vorschreiben.
  • PISA wird seit 2000 im Dreijahresrhythmus von der OECD durchgeführt. Die Ergebnisse werden jeweils ein Jahr später veröffentlicht. Bei PISA 2006 wurde erstmals die naturwissenschaftliche Grundbildung getestet, 2000 stand das Leseverständnis, 2003 mathematische Kompetenz im Mittelpunkt. Beide Lernfelder wurden dieses Mal mitgetestet.
  • Laut PISA-Koordinator Andreas Schleicher sind verlässliche Aussagen über die Entwicklung des Bildungssystems eines Landes frühestens nach drei Testdurchläufen möglich. Beim Lernfeld Leseverständnis ist dies mittlerweile der Fall.
  • Beide bisherigen PISA-Studien, aber auch die beiden Grundschuluntersuchungen IGLU belegten einen großen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland.

Von Jürgen Amendt

Neues Deutschland, 4. Dezember 2007