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»Pferde-Lasagne«: Hintergründe zum Skandal

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Angesichts der Meldungen zum Pferdefleischskandal bekommt man den Mund gar nicht mehr zu, geschweige denn eine Fertig-Lasagne überhaupt hinein. Verschiedene Fertiggerichte wie Lasagne, Gulasch, Tortellini und andere weit verbreitete Produkte sind betroffen, große Handelskonzerne wie Lidl, Aldi, Edeka, Real und so weiter sind involviert – verteilt über ganz Deutschland, ja ganz Europa. Man gewinnt den Eindruck, dass der Skandal ungeheure Dimensionen umfasst. Man gewinnt den Eindruck, dass zigtausende Tonnen Pferdefleisch europaweit illegal als Rindfleisch verarbeitet und verkauft wurden.

Kleine Mengen, große Wirkung

Allerdings sind die eigentlichen Mengen an Rohprodukten wie etwa Hackfleisch oder Gulaschfleisch gar nicht so groß: In einer handelsüblichen Lasagne mit Rindfleisch sind gerade einmal 8 – 12 Prozent Rindfleisch enthalten. Bezogen auf eine 400-Gramm-Packung sind das 50 Gramm Hackfleisch. Wenn von diesen 50 Gramm mehr als ein Gramm aus Pferdefleisch besteht und dieses nicht als solches deklariert ist, gilt das europaweit als Betrug. Die Ware muss vom Markt. Konkret heißt das, dass theoretisch das Fleisch dreier Schlachtpferde reichte, um eine Million 400-Gramm-Packungen Fertig-Lasagne illegal zu machen. Hinzu kommt, dass nicht in allen Proben der jeweils beanstandeten Fertiggerichte wirklich Pferdefleisch vorhanden ist. Trotzdem wird üblicherweise eine komplette Charge aus den Regalen genommen. Die Dimension der eigentlichen Betrügereien bleibt unklar. Was in diesen Relationen vielleicht vernachlässigenswert wirkt, bleibt aber doch Betrug, an dem sich namentlich einzelne Fleischgroßhändler eine goldene Nase verdienen. Dazu weiter unten mehr.

Rolle von Pferdefleisch in der Fleischindustrie

Pferdefleisch spielt in der gesamten Fleischindustrie eine völlig untergeordnete Rolle. Das wird schon deutlich, wenn man die Zahlen an Tieren vergleicht, die in den verschiedenen EU-Ländern gehalten beziehungsweise geschlachtet werden. In Deutschland beispielsweise gibt es einen Gesamtbestand an großen und kleinen Pferden, Ponys und Eseln von gerade einmal 450.000. Von diesen werden die allerwenigsten geschlachtet.  Laut amtlicher Statistik waren es 2011 rund 12.000 – im Vergleich zu Rindern (3,3 Millionen) und Schweinen (59,7 Millionen) eine verschwindend geringe Zahl. In Polen, Rumänien und Frankreich sind die Verhältnisse nicht grundlegend anders. Auch dort ist im Vergleich zu den herkömmlichen landwirtschaftlichen Nutztieren der Pferdefleischanteil verschwindend gering.

Die 10.000 bis 12.000 in Deutschland geschlachteten Pferde kommen auf ein Gesamt-Schlachtgewicht, das in den Handel kommt, von gerade einmal 3000 Tonnen, aus Rumänien sind lediglich 1000 Tonnen statistisch erfasst. In den meisten EU-Ländern wie zum Beispiel Polen sind die Mengen unter der Erfassungsgrenze von 1000 Tonnen. Die meisten Pferde werden in Italien geschlachtet, aber auch dort kommt lediglich eine Menge von 6000 Tonnen zusammen – eine Menge, die gegenüber den über fünf Millionen Tonnen an Fleisch allein aus Rinder- und Schweineschlachtungen allein in Deutschland kaum von Belang ist. Und in dieser Auflistung sind noch nicht einmal die Millionen Tonnen an Geflügel- oder Schaffleisch enthalten.

Preise und Strukturen am Schlachthof und in der Fleischindustrie

Wie sieht der Handel mit Rind- und Pferdefleisch aus? Wie konnte es zum Betrug mit Pferdefleisch in der Fleischverarbeitung kommen?

Rindfleisch ist dem Pferdefleisch sehr ähnlich. Rein optisch ist es schwierig, an den Schlachtprodukten zu erkennen, von welchen Tieren das Fleisch stammt. Noch schwieriger ist die Unterscheidung, wenn es – wie bei der  Lasagne – um Hackfleisch geht.

Der Handel mit Pferden läuft in der Regel über Viehhändler, die bei den Pferdebesitzern die Pferde direkt kaufen und die Tiere zum „Schlachtpreis“ als Kopfpreis kaufen. Der Schlachtwert eines Pferdes ist in der Regel deutlich unter sonstigen Handelspreisen. So werden sie als Schlachtpferde regulär mit einem Euro pro Kilo Lebendgewicht gehandelt. Geschlachtet entspricht das einem Preis von zirka 2 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Demgegenüber gibt es für Rindfleisch am Schlachthof aktuell gut einen Euro mehr pro Kilo. Dabei sind in 2012 die Rindfleischpreise deutlich gestiegen (10 Prozent allein 2012). Durch die illegale Umdeklaration konnte das Pferdefleisch locker seinen Wert um die Hälfte steigern.

Die andere Seite des Schlachthofes

Auf der anderen Seite des Schlachthofes stehen der Fleischhandel und die Verarbeitungsindustrie. Gerade die industrielle Fleischverarbeitung, die von der Platzierung im Lebensmittelhandel abhängt, ist in der Radfahrerposition ("Nach oben buckeln, nach unten treten"). Dem ständigen Preisdruck des als Oligopol strukturierten Lebensmitteleinzelhandels wird über möglichst kostengünstigen Einkauf der Vorprodukte beziehungsweise Rohstoffe wie zum Beispiel Hackfleisch begegnet. Offene Grenzen, ein hoher Konkurrenzdruck und vergleichsweise geringe Transportkosten vereinfachen die Geschäfte. Wenn Region und Herkunft keine Rolle spielen, ist innerhalb der EU der Fleischhandel problemlos. Die in Irland produzierte Lasagne konnte rumänisches Pferdefleisch beinhalten, das auf dem Weg über Frankreich und Irland irgendwann zu Rindfleisch wurde. Die Lasagne findet sich dann als Fertigprodukt multinational agierender Handelskonzerne in halb Europa in den Verkaufstheken.

Eigenkontrollen verstärken, staatliche Kontrollen verbessern

Die Verarbeitungsindustrie, ob als Lasagne-Fabrik in Irland oder als Konservenherstellung in Brandenburg, wirkt als Flaschenhals. Probleme an dieser Stelle verursachen durch die Streuung in den Einzelhandelskonzernen riesige Auswirkungen und sind kaum noch einzuholen. Wenn die Verarbeitungsbetriebe die Herkunft des Fleischs nicht kontrollieren (können), haben dubiose Fleischhändler weiter leichtes Spiel. Daher ist eine wichtige Forderung der LINKEN an dieser Stelle umzusetzen: Die Haftung und Eigenkontrolle in den Produktionsbetrieben muss mit staatlichem Druck effizienter werden. Dazu müssen die Daten der Eigenkontrollen der Produzenten den Behörden zugänglich sein. Risikobasierte staatliche Kontrollen für international agierende Lebensmittelproduzenten müssen verbessert werden und unter Kontrolle des Bundes kommen. Völlig unterschiedliches Agieren in den Mitgliedsstaaten der EU oder allein auf Ebene der Bundesländer wird den multinationalen Strukturen in Verarbeitung und Handel der Lebensmittelwirtschaft schon längst nicht mehr gerecht.

Regionale Strukturen stärken

Weiterhin bleibt eine weitere wichtige Forderung der LINKEN umzusetzen, den regionalen Faktor in der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung systematisch zu stärken. Nicht nur die Wertschöpfung bleibt dadurch näher an den Menschen vor Ort, sondern es sinken auch die Risiken illegalen oder betrügerischen Agierens. 

 

linksfraktion.de, 22.02.2013