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Ob Homo oder Hetero - Linke braucht das Land

Interview der Woche von Barbara Höll,

Die Demonstration zum Christopher Street Day am 7. Juni in Dresden bildet in diesem Jahr den Auftakt der alljährlichen bundesweiten Aktionen für Akzeptanz und Toleranz gegenüber Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Transgender. Barbara Höll, Sprecherin für lesbische und schwule Lebensweisen der Fraktion DIE LINKE., demonstrierte mit.

»Einheit in Verschiedenheit - Selbstverständlich tolerant?!« war das Motto des diesjährigen Christopher Street Days in Dresden. Die Fernsehbilder von CSD-Demonstrationen erinnern mehrheitlich an Karneval in Rio mit viel nackter Haut. Der Titel hier lässt nun eher auf eine Protestveranstaltung unzufriedener Ostdeutscher schließen. Sie haben am 7. Juni in der sächsischen Landeshauptstadt mitdemonstriert. Worum ging es?

„Karnevalisierung“, „Party, Party, Party“, „Schaulaufen“. So ist häufig die Außenwahrnehmung vieler Heteros. Aber es geht um Gesellschaftkritik, nur eben anders artikuliert. Der sächsische CSD ist etwas Besonderes. Unter den Demonstrierenden waren besonders viele Transsexuelle und Transgender, die für ihre Rechte stritten. Sie sind eine Minderheit in der Minderheit. Gemeinsam mit mir war Klaus Sühl vor Ort, der bei der Dresdner Oberbürgermeisterwahl tags darauf ein beachtliches Ergebnis für DIE LINKE erzielte. Er sprach sich für eine weitergehende Akzeptanz - und eben nicht nur Toleranz - aus.

Am gleichen Tag besiegte Tschechien die Schweiz im Auftaktspiel zur diesjährigen Fußball-EM. Homosexualität und Fußball: Was fällt Ihnen dazu ein?

Der Männerfußball ist eine Domäne der geballten Heterosexualität, in der Homophobie zum Grundkonsens gehört. Leider. Kein bedeutender Spieler traut sich zum Coming Out, obwohl doch statistisch etwa 5-10 % von Ihnen auch schwul sind. Der Trainer des FC-Köln rückte zuletzt Schwule in die Ecke von Kinderschändern. Es gibt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Dass sich der DFB-Präsident, Theo Zwanziger, der Problematik von höchster Stelle angenommen hat ist höchst erfreulich. Wenn es im Männerfußball ein solch liberales Verhältnis gebe wie im Frauenfußball, wäre vieles anders.

Die Wählerinnen und Wähler im bayerischen Bodenmais haben kürzlich ihren altgedienten CSU-Bürgermeister durch einen 23-jährigen Schwulen ersetzt. Ist die moralische Unterwanderung des Abendlandes überhaupt noch aufzuhalten?

Man sollte die Situation in Bodenmais nicht überbewerten, aber es stimmt: Es bewegt sich etwas. Lesben und Schwule haben an Akzeptanz gewonnen. Keine Politikerin und kein Politiker kann es sich heute erlauben, Homosexuelle grundweg abzulehnen. Aber Homophobie ist subtil. Sie beginnt im Elternhaus - „Wie, Du bist lesbisch?“- und geht weiter über die Schule - „Schwuli“. Die Aufklärungsarbeit muss gesellschaftlich noch stärker verankert werden. Junge Menschen dürfen im Coming-out nicht allein bleiben.

Mit welchen Problemen wenden sich Lesben und Schwule in Ihrem sächsischen Wahlkreis an Sie?

Es sind die Fragen des alltäglichen Lebens. Schülerinnen und Schüler haben keinen Ansprechpartner während ihres Coming-Out. Schwule möchten wissen, wo sie Informationen zu HIV und Aids bekommen. Es gibt Beschwerden über Diskriminierungen am Arbeitsplatz. Dann haben wir in Sachsen das Problem, dass die Landesregierung noch immer nicht das Lebenspartnerschaftsgesetz vollständig in Landesrecht überführt hat. Und dann die Nazis: Sie pöbeln, drangsalieren und schlagen Lesben und Schwule.

Aus dem Bundestag hört man aktuell kaum etwas zu den Fragen gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. Haben die Damen und Herrn schon alle Hausaufgaben gemacht?

Schön wäre es! Die große Koalition meidet dies Thema, denn insbesondere bei der CDU gibt es starke Aversionen, aber auch bei vielen Sozialdemokraten sind die Vorbehalte spürbar. Es wäre ja gar nicht so schlimm, wenn es nicht explizit behandelt würde, sondern als Querschnittsthema mitbehandelt würde. Aber dies geschieht nicht. Wir schlagen uns tapfer. Doch auch wir müssen lernen, dieses Thema in allen Bereichen mitzudenken. Sexuelle Vielfalt ist eine gesellschaftliche Realität, die uns alle angeht.

Sie haben die Bundesverfassungsrichter kürzlich scharf kritisiert, weil diese in einem Urteil homosexuellen Beamten, die in eingetragener Lebenspartnerschaft leben, den für Mann-Frau-Ehen vorgesehenen „Verheiratetenzuschlag“ verweigerten. Manch einer wird nun sagen: Jetzt können die schon heiraten und sind immer noch nicht zufrieden.

Das perfide ist doch, dass das Verfassungsgericht behauptete, die Ehe diene der Kinderaufzucht und es sei normal, dass ein Partner arbeite und der andere, nämlich die Frau, sich um die Kinder kümmere. Eine solche Annahme geht an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Dies ist antiquiert. De jure wurden damit Homosexuelle zu Bürgerinnen und Bürger 2. Klasse. Es geht auch anders: Auf Anregung der LINKEN hat der Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses am 26. Mai die Gleichstellung so genannter verpartnerter Beamtinnen und Beamten im Besoldungrecht beschlossen. Erst wenn eine Gesellschaft aufhört, von Lesben und Schwulen als den anderen zu sprechen, haben wir wirklich etwas erreicht.

Stichwort Rot-rot in Berlin: Wird Klaus Wowereit erster schwuler Bundeskanzler?

Die Probleme der SPD sind leider ganz andere. Ob Homo oder Hetero, was wir benötigen, ist eine wirklich linke Politik in diesem Lande.

linksfraktion.de, 9. Juni 2008

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