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Neues statt Ostalgie!

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Gregor Gysi spricht zu den rund 140 Teilnehmenden, die zur Konferenz "Die ostdeutsche Seele" in die Räume der Deutschen Kinemathek in Berlin gekommen waren.

 

Rund 140 Gäste waren in die Deutsche Kinemathek gekommen, um gemeinsam mit Expertinnen und Experten und unter Moderation des Ost-Koordinators der Fraktion DIE LINKE, Roland Claus, über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Ost und West zu diskutieren. "Hüten Sie sich vor Ostalgie!", warnte der Filmemacher Lutz Rentner und sagte, die Ostdeutschen hätten zwei Leben in einem: eines im Osten und eines im Westen. Damit sei auch ein Erfahrungsvorsprung verbunden.

Handfeste Erfahrungsvorsprünge des Ostens stellte Gregor Gysi vor: zum Beispiel das Bildungssystem oder die Erwerbsbeteiligung von Frauen. Das Publikum war sich einig, dass die ostdeutschen Frauen in vielerlei Hinsicht näher an der Gleichberechtigung sind als die westdeutschen. Der MAGAZIN-Verlagsleiter Chris Deutschländer sprach sogar von einer Feminisierung der ostdeutschen Männer. Zur allgemeinen Erheiterung fügte er hinzu, dass sie deswegen auch bei westdeutschen Frauen so beliebt seien.

Aber nicht nur die in der DDR verlebte Zeit hat Erfahrungen bei den Menschen hinterlassen, die intensiv diskutiert wurden. Besonders auch die 23 Nachwende-Jahre ließen im Osten Räume für Neues entstehen. Das Beispiel Energiewende nannte Michael Thomas. Konversion, also Umbau und Umnutzung von Flächen oder Gebäuden, fügte Dietmar Bartsch hinzu. Zum Thema Seele sagte er, dass die Ostdeutschen den Blick nach vorn richten sollten, aber eben auch stolz auf ihre gelebte Biographie sein könnten.

Gesine Lötzsch befasste sich in ihrem Beitrag mit Kanzlerin Merkel, die nie solidarisch mit dem Osten gewesen sei. Sie sei aber zweifellos die bekannteste Ostdeutsche weltweit: noch bekannter als Luther oder Sigmund Jähn. Lötzsch fragte, warum gerade die Menschen, die Nachteile durch Merkels unsoziale Politik erleiden, ihr die Seelenverwandtschaft nicht aufkündigten.

Zwei gegensätzliche thematische Pole bildeten Katrin Rohnstock und Judith Enders. Rohnstock berichtete anhand der von DDR-Generaldirektoren in ihrem Gesprächssalon erzählten Erinnerungen über die oft geringe Wertschätzung, die Ost-Biographien im Nachwende-Deutschland erfahren. Enders stellte die dritte Generation Ost vor, die die besondere Transformationskompetenz der zwischen 1975 und 1985 in der DDR-Geborenen betont. Diese wollten mitgestalten, aktiv sein und nicht jammern. Denn im Gegensatz zu älteren Generationen seien sie aus dem Vereinigungsprozess nicht so verletzt hervorgegangen.

Im Publikum wurde diese Zukunftsorientierung freudig begrüßt. Es gehe nicht um einen „Selbstrehabilitierungsprozess“, sondern um die ehrliche Antwort auf die Frage, was wir aus den letzten 23 Jahren lernen können, so ein Kommentar.

In seinem Schlusswort fasste Dietmar Bartsch noch einmal zusammen: Die Fraktion DIE LINKE will die Erfahrungsvorsprünge des Ostens gesamtdeutsch nutzbar machen. Neues statt Ostalgie! Wir wollen auch die bislang eher unsichtbaren ostdeutschen Blickwinkel sichtbar machen. Wir wollen, so Bartsch, Verantwortung übernehmen, und zwar in Ost und West.
 

linksfraktion.de, 10. Juni 2013