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Müll ist anders

Nachricht von Agnes Alpers,

Lebensmittel aus den Containern der Supermärkte – fast frisch auf den Tisch


Einsacken: Agnes Alpers vor den Funden einer Nacht

Die Erkenntnis, dass wir in einer Überflussgesellschaft leben, ist allgegenwärtig. An kaum einer anderen Stelle als in den Abfallcontainer der Supermärkte wird das deutlicher. Es gibt Menschen, die davon leben, was sie dort finden. Statt einzukaufen, containern sie – manche aus Not, andere aus einer konsumkritischen Überzeugung heraus. Aber kann man davon satt werden ohne Ekel? Die Bundestagsabgeordnete Agnes Alpers hat sich selber in ihrem Wahlkreis Bremen auf die Suche gemacht – und ist fündig geworden.

  Als "Mülltauchen" wird das Containern auch ein wenig romantisch verklärt. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Geduld, Glück und auch ein bisschen Mut braucht. So sind auch die ersten Tonnen, die im Bremer Stadtteil Findorff angesteuert werden, gähnend leer. Die meisten sind frei zugänglich, manche stehen in Gitterkäfigen und man muss ein wenig klettern – oder das Glück haben, dass die Tür gar nicht verschlossen ist. Zufall, klammheimliche Toleranz des Containerns oder Schusseligkeit eines Mitarbeiters – wer weiß?

Ein wenig Vorsicht ist sicher angebracht und die Dunkelheit gibt zumindest ein Gefühl von Unerkanntheit. In Einzelfällen ist es schon zu Anklagen gekommen. Containern ist streng genommen Diebstahl, aber der Warenwert wird mit Nullkommanull beziffert. Jede Staatsanwaltschaft stellt ein solches Verfahren deshalb sofort ein, manchmal wird aber auch wegen Hausfriedensbruch ermittelt wie im Falle des Lüneburgers Karsten Hilsen.

Weltweit landen rund ein Drittel aller Lebensmittel im Müll
  Nach drei, vier vergeblichen Versuchen landen dann auch Agnes Alpers und ihr Team einen absoluten Volltreffer: Dutzende Salate, Gemüse, Aufschnitt, Reis, verschweißte Fleischpakete, Joghurts und vieles mehr findet sich in den Tonnen in einer Supermarkt-Tiefgarage. Die meisten Waren sind einen Tag über dem Mindesthaltbarkeitsdatum, trotzdem sind sie noch bedenkenlos essbar. Es sei denn, zwischen Burger, Brötchen und Salat wird großflächig der Kaffeesatz verstreut wie in einer anderen Tonne einer Fast-Food-Kette. Man muss gar nicht bis zu hungernden Menschen in anderen Ländern denken, um zu merken, dass hier etwas völlig aus dem Ruder läuft.
  Geschätzt wird, dass weltweit rund ein Drittel aller Lebensmittel auf dem Weg zwischen Erzeuger und Verbraucher weggeworfen wird. In den Industrieländern dürfte der Wert um die 50 Prozent betragen. In Deutschland wandern rund 20 Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich in den Abfall, einiges schon beim Erzeuger, vieles aber auch erst beim (Nicht-)Verbraucher.   Lebensmittel können uns gar nicht billig genug sein. Vor 50 Jahren wurden hierzulande noch rund 40 Prozent des Einkommens fürs Essen ausgegeben, heute sind es gerade mal zehn Prozent. Auch deshalb kostet Obst so wenig. Und es lohnt sich für einen Supermarkt gar nicht, einen Angestellten die Netze durchsuchen zu lassen, um eine schlechte Mandarine auszusortieren. Dann lieber gleich alle zehn in den Eimer!
  Bei aller Empörung über diesen Umgang mit Lebensmitteln und den globalen Auswirkungen wie Preissteigerungen durch eine Nachfrage, die durch Vernichtung entsteht – was dort in den Tonnen liegt, weckt gleichzeitig den Jäger- und Sammlerinstinkt. Darf man sich freuen über Funde, wenn sie für leckeres Essen sorgen und zeigen, dass Containern funktioniert? Im Abgeordnetenbüro steht jedenfalls am folgenden Mittag eine leckere Gemüsesuppe mit reichlich Salatbeilage auf dem Tisch – frisch aus dem Müll.   Aufgeschrieben von Lars Fischer