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Mehr als zwei Drittel gehen krank zur Arbeit

Nachricht,

Auswertung der Antwort der Bundesregierung (PDF) auf schriftliche Fragen im März 2020 (Arbeitsnummern 196-198) von Jutta Krellmann u.a., Fraktion DIE LINKE im Bundestag

Zusammenfassung: 

Präsentismus beschreibt die Problematik, dass Beschäftigte zur Arbeit gehen, obwohl sie krank sind. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland geben an, mindestens einmal im Jahr krank zur Arbeit zu gehen (68,6 Prozent).  Befragte geben durchschnittlich an etwa vier Mal im Jahr krank zur Arbeit zu gehen, an etwa zwölf Tagen. Nur ca. 16 Prozent blieben ausschließlich zuhause und jeder Fünfte ging bei Krankheit immer arbeiten (21 Prozent).

In bestimmten Branchen, besonders in systemrelevanten Berufen, ist Präsentismus stärker verbreitet wie in Bauberufen (4,6 Mal, 13,2 Tage), in der Landwirtschaft (4,1 Mal, 13,5 Tage), in Sozial- und Erziehungsberufe (4,1 Mal, 11,2 Tage und in Gesundheitsberufen (3,9 Mal, 10,9 Tage). Die Problematik ist stärker in Branchen verbreitet, in denen die physische Präsenz am Arbeitsplatz erforderlich ist.

 

Quelle: BIBB/BAuA 2012 

 

Mögliche Ursachen für Präsentismus sind die generelle Einstellung der Beschäftigten zur Arbeit, die betriebliche Unternehmenskultur, die Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung, konjunkturelle Faktoren und die Angst um den Arbeitsplatz Präsentismus geht mit Produktivitätsverlusten einher, die oftmals höher sind, als die Kosten, die entstehen, wenn erkrankte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause bleiben und sich auskurieren. Denn gehen sie trotzdem zur Arbeit, laufe sie Gefahr, ihre Krankheit zu verschleppen und zu verschlimmern.

 

Jutta Krellmann, Sprecherin der Fraktion für Mitbestimmung und Arbeit, kommentiert:

 

„Niemand sollte krank zur Arbeit gehen. Arbeitgeber haben die Pflicht, dass zu verhindern. Die Corona-Krise zeigt uns deutlich die Gefahren von sogenanntem Präsentismus. Viele schleppen sich aus Pflichtgefühl krank zur Arbeit, weil die Kollegen sonst die viele Arbeit nicht schaffen. Es trifft gerade  die Beschäftigten, auf die wir in der Corona-Krise am stärksten angewiesen sind. Schon vor der Krise war in vielen Betrieben und Einrichtungen die Arbeitslast entschieden zu hoch. Viel zu wenig Personal, musste immer mehr, in immer weniger Zeit leisten. Dieser Druck muss endlich runter, er gefährdet Gesundheit und Sicherheit. Entlastung bringen gute Tarifverträge und mehr Mitbestimmungsrechte für Betriebsräte. Sie müssen auch über eine Mindestpersonalbemessung mitentscheiden können. Beides brauchen wir besonders in Pflege und Handel, wo Beschäftigte derzeit unglaubliches leisten.“

 

Ergebnisse im Einzelnen: 

• In folgenden Branchen ist Präsentismus vor allem zu beobachten, laut Erwerbstätigenbefragung von Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und Bundesanstalt für Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin (BAuA) 2012 (BIBB/BAuA 2012), Angaben: krank zur Arbeit pro Jahr im Durchschnitt (s. Fragen 196 u. 197):  

o Gesamt: 3,7 Mal, 11,5 Tage

o Bauberufe: 4,6 Mal, 13,2 Tage

o Landwirtschaft: 4,1 Mal, 13,5 Tage

o Sozial- und Erziehungsberufe: 4,1 Mal, 11,2 Tage

o Gesundheitsberufe: 3,9 Mal, 10,9 Tage

• Präsentismus ist stärker in Branchen verbreitet, in denen die physische Präsenz am Arbeitsplatz erforderlich ist, laut Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB).

• Mögliche Ursachen für Präsentismus laut IAB sind:

o die generelle Einstellung der Beschäftigten zur Arbeit, 

o die betriebliche Unternehmenskultur, 

o Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung,

o konjunkturelle Faktoren, 

o Angst um den Arbeitsplatz.

• Anteil der Beschäftigen/Präsentismus (s. Frage 197): 

o 68,6 % geben 2016 an mindestens einmal krank zur Arbeit, laut IAB-Beschäftigtenbefragung 2017,

o 36 % geben an krank zur Arbeit gegangen, bzw. zuhause geblieben zu sein (BIBB/BAuA 2012),

o 16 % blieben nur zuhause, 21 % gingen bei Krankheit immer zur Arbeit (BIBB/BAuA 2012).

• Volkswirtschaftlicher Schaden durch Präsentismus (s. Frage 198):

o Präsentismus geht (…) mit Produktivitätsverlusten einher. Diese Verluste können oftmals höher sein als die Kosten, die entstehen, wenn erkrankte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause bleiben und sich auskurieren. Denn gehen sie trotzdem zur Arbeit, laufe sie Gefahr, ihre Krankheit zu verschleppen und zu verschlimmern (IAB 2020).

o Die Bundesregierung ist sich der Problematik des Präsentismus bewusst. Arbeitgeber sind aufgefordert, im Rahmen des Arbeitsschutzes und des betrieblichen Gesundheitsmanagements, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Beschäftigte gesund und sicher arbeiten können bzw. bei Erkrankungen der Arbeit fernbleiben. 

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