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Körper und Selbstoptimierung werden zum Kapital

Im Wortlaut von Kathrin Vogler,

Gesundheitsüberwachung per Smartphone – nein danke!

 

Von Kathrin Vogler, Sprecherin der Fraktion für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte

Gesünder leben – wer will das nicht – und dazu ein modernes, technisches Gerät nutzen? Gerade bei jungen und erfolgsorientierten Menschen sind Fitness-Tracker wie die Apple Watch der neueste Schrei. Die kleine Uhr kann in Verbindung mit dem Smartphone so allerhand: Schritte zählen, den Puls messen, den Kalorienverbrauch erfassen... Wenn man dann seine persönlichen Ziele erreicht hat, erhält man ein positives Feedback vom System. So soll die Trägerin oder der Träger motiviert werden, im Alltag für mehr Bewegung zu sorgen. Alles gut also?Klar ist: Der Gesundheitsmarkt ist einer der größten Wachstumsfaktoren weltweit und von die

sem wollen auch IT-Unternehmen wie Apple profitieren. Die neueste Version des Apple-Betriebssystems für IPhones enthält bereits eine Art elektronische Patientenakte – die App "Health" ist auf jedem Gerät vorinstalliert und nicht löschbar. Der Konzern möchte damit in Zukunft zum größten Datensammler für Fitness- und Gesundheitsdaten werden.

Eine große gesetzliche Krankenkasse zahlt nun 50 Euro Zuschuss an Versicherte, die sich einen solchen Fitnesstracker anschaffen. Nur ein kluger Werbecoup?

Nein. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Es ist ein weiterer Schritt in eine gesellschaftliche Richtung, in der Gesundheit mehr und mehr zur Ware und gesundheitliche Selbstoptimierung zur Versichertenpflicht wird. Solidarität hat keinen Platz in so einer Gesellschaft. Privatversicherungen haben schon Tarife aufgelegt, in denen die durch Fitness-Tracker gesammelten Verhaltensdaten ihrer Kunden ausgewertet werden und in die Höhe der Versicherungsprämie eingerechnet. Der Körper und seine Selbstoptimierung werden so zum Kapital. Was droht ist ein totalitärer Gesundheitsmarkt, in dem Algorithmen das Verhalten der Menschen kontrollieren und steuern.

Eine Voraussetzung dafür ist, möglichst viele Menschen an die Benutzung solcher Geräte zu gewöhnen, ihnen sogar etwas Positives abzugewinnen. Mit der Prämie für die Apple Watch vermittelt die AOK, dass es sich bei diesem Gerät um ein Produkt zur Gesundheitsförderung handelt. Die Kasse, die sich stets "Gesundheitskasse" nennt, wirbt damit gezielt um junge, erfolgsorientierte Mitglieder, ohne dass die Versichertengemeinschaft davon einen Nutzen hätte.

Gleichzeitig vertieft eine solche Zuschusspraxis die soziale und gesundheitliche Ungleichheit. Die Apple Watch kostet mindestens 399 Euro. Ohne ein iPhone, das ebenfalls mindestens mit 399 Euro zu Buche schlägt, ist sie nicht verwendbar. Dieses Angebot kann also nur nutzen, wer mindestens 798 Euro übrig hat. Dieser Personenkreis hat ohnehin die besten Möglichkeiten, gesund zu leben. Statt also gesundheitlich benachteiligte Menschen besonders zu fördern, wirbt die AOK mit fragwürdigen Mitteln um die besser Betuchten. Bezahlt wird dies von der großen Mehrheit der Normalverdienenden, also der Beschäftigten, der Rentnerinnen und Rentner, mit ihren Zwangsbeiträgen.

Die Mittel, welche die AOK in solche obskuren Werbemaßnahmen steckt, wären erheblich besser eingesetzt, um damit Selbsthilfegruppen zu unterstützen, damit diese keine Spenden mehr von Pharmaunternehmen entgegen nehmen müssen.