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#JeSuisCharlie – Der harte Kampf für die Freiheit

Nachricht,

Foto: Flickr.com/ valentinacala (CC BY-SA 2.0)
 

Der Angriff auf die Freiheit

Die Nachricht sickert ein wie durch Watte. Ein Attentat. Zwölf Tote. In der Redaktion von Charlie Hebdo. Nur langsam erreichen die Worte den Verstand. Jemand hat die gesamte Redaktion auslöschen wollen. Und es scheint beinahe gelungen. Charb, Cabu, viele von denen, die Woche für Woche mit scharfem Witz und mutiger Feder entwaffnend, demaskierend und mit brüllendem Lachen der meist viel groteskeren Wirklichkeit den Spiegel vorhielten, sind tot. Ihre Ermordung war eine Hinrichtung. Monströse Gewalt gegen die Kraft des Lachens, Maschinengewehre gegen Zeichenfedern. Es ist grotesk.

Kurz darauf fluten hasserfüllte Kommentare die sozialen Netzwerke. Die Fronten sind schnell klar. Allah ist groß, soll gerufen worden sein. Der Staat mit seiner verdammten laschen Einwanderungspolitik sei Schuld. Und jetzt kommen sie, die Moslem-Terroristen, und schlachten uns alle ab! Pegida-Freunde in Deutschland entdecken plötzlich die Pressefreiheit als hohes Gut, wollen sie gegen die "ISIS-Terroristen" verteidigt sehen. Gestern hieß es noch: "Lügenpresse!"

Unsere Waffe: die Freiheit des Gedankens, des Wortes des Bildes

Dann stehen die ersten Menschen in Paris auf der Place de la République, strecken Fäuste in den Himmel, darin Stifte. Unsere Waffe, ja. Die Freiheit des Gedankens, des Wortes, des Bildes – erkämpft auch von Charlie Hebdo, damals, gegen die Zensur in der frühen V. Republik. Überall in Frankreich versammeln sich Menschen, getroffen, bewegt, entschlossen, ihre Freiheit, la liberté zu verteidigen. Erster Teil der Trias im Wahlspruch der Französischen Republik, wird der Angriff auf sie gleichbedeutend mit dem Angriff auf die freiheitliche Gesellschaft, auf die Grundwerte des Zusammenlebens.

Bis mittags bereits drei Anschläge auf muslimische Einrichtungen

Keine vierundzwanzig Stunden nach dem Attentat fordert Marine Le Pen, deren rechtsextreme Partei Front National bei den Europawahlen im Mai letzten Jahres fast ein Viertel der französischen Wählerstimmen erhielt, eine Volksabstimmung über die Wiedereinführung der Todesstrafe. Bis zum Mittag gab es bereits drei Anschläge auf muslimische Einrichtungen. Präsident Hollande fordert seine Bürgerinnen und Bürger auf, zusammenzustehen. Die Polizei versucht mit Hochdruck, die geflüchteten Attentäter zu fassen. Der Terrorabwehrplan wurde auf die höchste Stufe heraufgesetzt, für ein ganzes Departement mit fast 12 Millionen Einwohnern. Das Militär wird zur Unterstützung der Polizei eingesetzt, Grundrechte werden eingeschränkt.

Die Herausforderung, »Charlie« zu sein, ist groß

Am Abend überbieten sich Zeitungsredaktionen darin, Bilder ihrer Titelseiten des nächsten Tages um die Welt zu schicken – Hommagen an Charlie Hebdo, Abdrucke alter Titelseiten und Karikaturen. #JeSuisCharlie, #IchBinCharlie, wird zur Solidaritätsparole auf Twitter, Facebook, Straßen und Plätzen.

Die Solidarität und das Mitgefühl angesichts dieses monströsen Grauens sind gut und wichtig. Doch die Herausforderung, »Charlie« zu sein, ist groß. Haben wir den Mut, die Entschlossenheit, immer wieder unsere Finger in die Wunden unserer Gesellschaft zu legen? Charb und seine Kolleginnen und Kollegen sind nicht zurückgewichen vor den Drohungen, den Feinden der Freiheit. Als ihre Redaktionsräume vor drei Jahren brannten, zeichneten sie weiter, ohne Abstriche, ohne Zugeständnisse in der Schärfe, der Überspitzung.

»Charlie vivra«

Alle bekamen von Charlie Hebdo gleichermaßen ihr Fett ab. »Jede Woche warfen sie den Mächtigen ihren Sarkasmus an den Kopf, zeigten dem Ernst die lange Nase, das Ganze im Dienst einer anderen Gesellschaft, ein bisschen besser, ein bisschen brüderlicher«, schreibt Laurent Joffrin, Herausgeber der Zeitung Libération, in seinem berührenden Leitartikel «Charlie vivra», »Charlie wird leben«: »Wenn wir heute mit weniger Vorurteilen, weniger Zensur, weniger Korsetts und veralteten Grundsätzen, mit ein bisschen mehr Unabhängigkeit, freiem Willen, Humor, haben wir es auch dieser Gang von donnernden und warmherzigen Lebemännern zu verdanken, die immer ein geistreiches Wort der Enthaltung vorgezogen und das mit ihrem Leben bezahlt haben.«

Die Mörder von Charb, Cabu und den anderen Redakteuren des Charlie Hebdo haben nicht Islamhasser getötet, nicht die angegriffen, die die Gefahr einer »Islamisierung« heraufbeschwören. Sie haben mit Charlie Hebdo vielmehr »die Toleranz, die Zurückweisung des Fanatismus, die Kampfansage an Dogmatismus« ins Visier genommen, schreibt Laurent Joffrin: »Die Fanatiker verteidigen nicht die Religion, die sehr liebenswürdig sein kann, sie verteidigen nicht die Muslime, die in ihrer übergroßen Mehrheit aufgebracht sind über diese widerlichen Morde.«

Entmachtung der Dokmatiker

Tim Wolff, Chefredakteur des deutschen Satiremagazins Titanic, bewog das Attentat, Grundsätzliches über Komik und Satire festzuhalten: »Komik ist zu allererst ein Mittel, dem Ernst des Lebens, der die meisten von uns bedrückt, selbst wenn nicht gerade Raketenwerfer in Redaktionsräumen abgefeuert werden, etwas entgegenzusetzen, im besten Falle seiner Herr zu werden. Und je ernster die Lage, desto wichtiger der Humor. Komik schafft Distanz zu bedrückenden Ereignissen, sie erlaubt, uneigentlich über eigentlich Unerträgliches zu sprechen – und so den Schrecken zu bekämpfen.« Das Lachen nimmt dem Ernst die Macht. Und stellt die Macht derjenigen infrage, die vermeintliche »Wahrheiten« vertreten – ein Affront, gewechselt nicht durch scharfe Replik, sondern tödliche Gewalt. Was eigentlich eine Bankrotterklärung ist, wird zur Herausforderung für die Freunde der Freiheit.

»Charlie« lebt. Und die Freiheit?

Charlie Hebdo macht weiter. Die kommende Ausgabe, kündigte Redakteur Patrick Pelloux an, soll nächste Woche mit einer Auflage von einer Million Exemplaren erscheinen. Sonst lag die Auflage bei 60.000. Pelloux hat, wie einige wenige andere, den Anschlag überlebt. »Die nächste Ausgabe kommt«, sagt er weinend im Fernsehinterview: »Ich weiß noch nicht, wie. Vielleicht schreiben wir sie mit unseren Tränen.« Charlie Hebdo lebt. Und die Freiheit? Sie muss ihre eigenen Prinzipien respektieren, wenn sie leben will: Unnachgiebigkeit in der Verfolgung der Verbrecher, Gerechtigkeit in ihrer Verurteilung vor ordentlichen Gerichten zu verdienten Strafen – so benennt Joffrin, was zur Verteidigung der Freiheit zu tun sei: »ohne Umschweife ihre Widersacher benennen: den Terrorismus und nicht den Islam, den Fanatismus und nicht den Glauben, den Extremismus und nicht ihre muslimischen Mitbürger, die die ersten Opfer des Fundamentalismus sind und solidarisch, wenn es darauf ankommt.« Der Kampf um die Freiheit ist noch lange nicht gewonnen.

linksfraktion.de, 7. Januar 2015