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Ideen kann man nicht verbrennen

Im Wortlaut von Gesine Lötzsch,

Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch über Bücher, die nie vergessen werden dürfen

Gregor Gysi beim »Lesen gegen das Vergessen« am 10. Mai 2013 auf dem Bebelplatz in Berlin

 

Am Samstag jährt sich die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zum 81. Mal. Mit der Veranstaltung »Lesen gegen das Vergessen« soll ab 15 Uhr am Bebelplatz in Mitte der Literatur und ihren Ideen gedacht werden, die 1933 für immer ausgelöscht werden sollten. Die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (LINKE) moderiert die Veranstaltung. Mit ihr sprach Christin Odoj.

Die Veranstaltung »Lesen gegen das Vergessen« gibt es seit genau 20 Jahren. Elfriede Brüning, eine der letzten Zeitzeugen der Bücherverbrennung, wird aus ihrem Werk lesen. Was können die eingeladenen Vorleser und ihre Texte uns heute sagen?

Gesine Lötzsch: In jedem Jahr merken wir, dass die Veranstaltung immer aktueller wird. Es ging 1933, als die Nazis Bücher auf dem Bebelplatz verbrannten, darum, bestimmte Denkweisen für immer zu verbannen, wie uns ein 15-jähriger Schüler geschrieben hat, der sich sehr für die Lesungen interessiert. Wir müssen uns auch heute fragen, wenn wir über aktuelle Ereignisse reden und nachdenken, ob es sinnvoll ist, in die Rhetorik des Kalten Krieges zu verfallen, oder ob es nicht besser wäre, die Lehren aus dem Jahr 1933 auch umzusetzen.

Sie meinen die Ereignisse in der Ukraine.

Dieses Thema beschäftigt die Leute sehr. Es geht doch auch darum, dass erstmals seit vielen Jahren die Mehrheit der Menschen in Deutschland Kriegsangst hat. So nah dran war die Kriegsgefahr in den letzten 75 Jahren für viele nicht. Es wird also auch ein Thema auf den Lesungen sein, wie man sich dieser möglichen Kriegsgefahr entgegenstellt.

Aus welchen Werken wird denn in diesem Jahr gelesen und von wem?

Sie haben schon Elfriede Brüning erwähnt. Sie ist Zeitzeugin und das einzige noch lebende Mitglied des Bundes Proletarischer Schriftsteller. Sie hat miterlebt, wie die Bücher ihrer Schriftstellerkollegen verbrannt wurden und ihre Lesung ist jedes mal sehr berührend. Heinrich Fink, Gojko Mitić und Ursula Karusseit werden dabei sein, außerdem haben wir als Gast Beate Klarsfeld eingeladen. Wichtig ist auch, dass in diesem Jahr wieder Micha Ullman, der israelische Künstler, der das Mahnmal der unterirdischen Bibliothek geschaffen hat, kommen wird. Er hatte gesagt, er wird solange nicht mehr auf den Bebelplatz erscheinen, solange dort Events wie die Fashionweek stattfinden.

In diesem Jahr sind wieder eine Schulklasse und Studierende aus Michigan dabei. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Uns ist wichtig, Vertreter verschiedener Generationen zu den Lesungen zusammenzubringen. Es werden Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse der Gustav-Heinemann-Schule aus Steglitz-Zehlendorf lesen. Die Klasse hat sich selbst bei uns gemeldet und gesagt, sie wollen unbedingt mitmachen. Sie werden außerdem mit ihrer Soulband auftreten. Mit den Studierenden aus Michigan besteht seit vielen Jahren ein enger Kontakt. Eine Dozentin war einmal zufällig bei einer Lesung und begeistert sich seitdem für die Veranstaltung und kommt mit ihren Studenten nach Berlin. Für uns ist es natürlich immer interessant, was sich junge Amerikaner für Bücher aussuchen.

Was sagt ihnen die Literatur, die die Nazis für immer auslöschen wollten?

Schüler und Studierende haben einen ganz anderen Blickwinkel auf die Werke als jemand, der sich schon sein halbes Leben lang mit dieser Literatur beschäftigt. Heute haben viele junge Leute sogar schon Erfahrung mit Ausgrenzung, Konflikten und Konfrontationen. Sie können sich mit der Frage, wie beginnt eine Massenbewegung der Ausgrenzung und wie kann man sich dagegen wehren, besonders glaubwürdig auseinandersetzen.

Sie wissen nicht, wer welches Werk vorlesen wird?

Nein, das entscheiden die Teilnehmer selbst und es ist jedes Mal wieder eine Entdeckung.

Sie moderieren die Veranstaltung, lesen aber auch selbst. Was haben Sie gewählt?

Besonders beeindruckt mich das Fragment »Reise ins Elfte Reich« von Anna Seghers. Dort wird beschrieben, wie kompliziert es für Menschen ist, die einen Zufluchtsstaat suchen, diesen auch zu finden.

Was genau beeindruckt Sie an diesem Buch?

Weil es immer noch aktuell ist, ob und wie wir uns mit dem Flüchtlingselend auseinandersetzen. Wie und wo findet jemand Zuflucht, wie geht man dort mit ihm um und welche Vorstellung hat er von dem Land.

Wird es auch im kommenden Jahr noch eine solche Veranstaltung geben?

Ja, auf jeden Fall. Ich halte die Auseinandersetzung mit den Fragen nach freiem Denken und den Lehren aus der Geschichte in jedem Jahr für wichtig.


neues deutschland, 9. Mai 2014

 

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