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»Ich will eine gerechtere Verteilung von Arbeit, Zeit und Reichtum zwischen Frauen und Männern«

Interview der Woche von Cornelia Möhring,

Cornelia Möhring, neue frauenpolitische Sprecherin der Fraktion, erklärt im Interview der Woche, was es für sie bedeutet, Feministin zu sein. Das Frauenplenum der Fraktion ist auch bei zahlenmäßiger Mehrheit der weiblichen Abgeordneten nötig. Schließlich ist es kein Verhinderungs- und Korrekturgremium, sondern ein Arbeitszusammenhang der weiblichen Abgeordneten. Einsetzen will sie sich für eine gerechtere Verteilung von Arbeit, Zeit und Reichtum zwischen Frauen und Männern.

Sind Sie Feministin?

Ja, ich bin eine Feministin. Dabei bedeutet feministische Politik für mich nicht Politik von und für Frauen, sondern eine emanzipatorische Politik, die die gesamte Gesellschaft im Blick hat. Feminismus ist ein Denkansatz, der alle Unterdrückungsverhältnisse in den Blick nimmt, Alternativen und Gegenstrategien entwickelt. Und das gemeinsam mit strategischen PartnerInnen jedweden Geschlechtes.

Sie sind neu im Bundestag und direkt als frauenpolitische Sprecherin der Fraktion gewählt worden: Welche inhaltlichen Schwerpunkte wird es in der Gleichstellungspolitik der Fraktion geben?

Das ist ein bisschen früh gefragt, weil das Frauenplenum noch keinen Arbeitsplan beschlossen hat. Aber sicher werden die Beseitigung der Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern, die Gleichstellung von Frauen in der Privatwirtschaft, die Abschaffung der Bedarfsgemeinschaft und die Gleichstellung aller Lebensweisen Schwerpunkte der Arbeit im ersten Jahr sein.

An welchen Themen hängt Ihr persönliches Herzblut?

Eine gerechtere Verteilung von Arbeit, Zeit und Reichtum zwischen Frauen und Männern zu erkämpfen, treibt mich an. Ich finde es unerträglich mit anzusehen, dass Frauen die Verantwortung für die »Produktion des Leben« und die Reparaturarbeiten an unserer Gesellschaft wie selbstverständlich aufgebürdet wird, sie aber an der Verteilung von Ressourcen nicht in ähnlichem Maße beteiligt werden. Entscheidungen für ein Kind führen in vielen Fällen direkt in die Armut. Prekäre Beschäftigung, ungleicher Lohn, die geringe Anerkennung von »frauenspezifischen« Berufen ebnen den Weg in die Altersarmut.

In der neuen Fraktion sind die Frauen in der Mehrheit, dennoch gibt es weiter ein eigenes Frauenplenum, mit Vetorecht zu allen Entscheidungen. Ist das denn dann noch nötig?

Das Frauenplenum ist in erster Linie kein Verhinderungs- und Korrekturgremium, sondern ein Arbeitszusammenhang der weiblichen Abgeordneten. Für diese Arbeit hat es auch eigene personelle und finanzielle Ressourcen. Diese braucht es auch künftig, unabhängig von den Mehrheitsverhältnissen zwischen den Geschlechtern.

In der Fraktion gilt Frauen- bzw. Gleichstellungspolitik als Querschnittsthema, das als Teil aller inhaltlichen Arbeitskreise von Bedeutung ist. Wie wollen Sie das Thema in den verschiedenen Bereichen weiter etablieren?

Die Zusammenarbeit von 40 Bundestagsabgeordneten im Frauenplenum bietet vielfältige Chancen, in allen thematischen Bereichen feministische Politikansätze umzusetzen. Hinzu kommt die Möglichkeit, zu arbeitskreisübergreifenden Fragen Querschnittsarbeitsgruppen zu bilden. Damit können wir auch die Männer der Fraktion frühzeitig in die Erarbeitung wichtiger gleichstellungspolitischer Initiativen einbeziehen.

Für viele junge und nicht mehr ganz so junge Frauen ist die Frauenbewegung Schnee von gestern. Für Gleichberechtigung ist jede selbst verantwortlich, feministische Forderungen scheinen überflüssig. Ist Gleichstellungspolitik eigentlich noch zeitgemäß?

Spätestens nach dem ersten Kind merken Frauen, dass individuelle Vereinbarungen über eine gleiche Verteilung von Arbeit und Freizeit nicht ausreichen. Weil sehr starke gesellschaftliche Strukturen der Frauendiskriminierung, wie z.B. geringere Frauenlöhne, dem entgegenstehen. Um diese zu beseitigen, braucht es das gezielte politische Handeln vieler Akteure - jeden Geschlechts. Also Gleichstellungspolitik.

www.linksfraktion.de, 19. Oktober 2009