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»Ich war tief berührt von der Einigkeit«

Interview der Woche von Lukrezia Jochimsen, Yvonne Ploetz,

Jahresende 2010 - Zeit, um sich an einige wichtige Momente des Jahres zu erinnern. Yvonne Ploetz, im Februar gerade 25 Jahre alt und Studentin, kam neu in die Fraktion DIE LINKE. Sie nahm - zuhause im Saarland - den Platz von Oskar Lafontaine ein. War das eher Last oder auch Lust? Darüber denkt sie nach. Zusammen mit Luc Jochimsen. Sie, die erfahrene Medienfrau und kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, ist deren älteste Abgeordnete. Im Sommer stieg Luc Jochimsen in den Ring: Als linke Frau für das höchste Amt im Staat. Zwei Frauen, zwei Politikerinnen, die fast ein halbes Jahrhundert trennt. Im Gespräch mit Gisela Zimmer erzählen sie von Wünschen und Visionen und geben Ein- und Ausblicke.

Wir haben jetzt Jahresende, Dezember 2010 und müssen zunächst einmal elf Monate zurückgehen. Yvonne, da war für Sie der Einstieg, das erste Mal im Bundesparlament, hier im Reichstag. Können Sie sich noch an das Gefühl erinnern?

Yvonne Ploetz: Das war für mich eine wahnsinnig aufregende Zeit. Ich stand auf einmal vor einem Berg von Herausforderungen und wusste gar nicht, damit umzugehen. Das war auf einen Seite total interessant und spannend. Auf der anderen Seite irgendwie bedrohlich. Ich hab niemals damit gerechnet, nach zu rücken. Da kam auf einmal ein Anruf von Oskar Lafontaine: „Komm mal bitte vorbei". Dann stand das im Raum, du wirst wahrscheinlich nachrücken. Kurz darauf ich habe ich angenommen. Was noch ganz lustig war: Ich habe damals, vor 11 Monaten, getwittert, dass ich das Mandat annehme, und das war aber noch bevor Oskar die offizielle Pressekonferenz gab. Ich wusste nur nichts von dieser Pressekonferenz. Laut Meldung war’s eigentlich schon offiziell und da stand dann in jedem Artikel genau das drin. Ich dachte mir: Superstart! Das hat ja richtig Spaß gemacht. Und dann habe ich halt angefangen, irgendwie mein Leben neu zu sortieren, habe mir Strukturen geschaffen, habe mich eingewöhnt, hatte einen wahnsinnig herzlichen Empfang in der Fraktion. Seitdem macht mir das richtig Spaß hier.

Yvonne war damals gerade mal 25 Jahre alt, inzwischen ist sie 26 geworden. Hat man ein Gefühl dafür, Frau Jochimsen, wie das ist, wann man noch so jung ist, wenn man Studentin ist und plötzlich in die ganz große Politik einsteigt?

Luc Jochimsen: Also, ich glaube, das ist völlig unanhängig vom Alter. Mann, Frau hat kein Gefühl, was das heißt, wenn man in die große Politik einsteigt. Auch nicht, wenn man 50 Jahre älter ist und wenn man eine lange Erfahrung der Berufstätigkeit hat. Und auch dann nicht, wenn diese Berufstätigkeit, wie in meinem Fall der Journalismus ist, der sich mit der Politik in diesem Feld pausenlos auseinandergesetzt hat. Weil es ist dann eben doch eine ganz andere Geschichte. Es gibt eigene Regeln. Es gibt eine andere Kommunikation. Und es gibt vor allen Dingen in unserem Fall als Mitglieder der Linksfraktion die Tatsache, dass man eben damit fertig werden muss, von den Anderen ausgegrenzt zu werden. In seinen Inhalten abgelehnt zu werden, dass man auf Schritt und Tritt die Erfahrung macht, man ist immer die Gegenstimme. Oft ist man die einzige Gegenstimme. In großen Fragen, wie der Kriegsfrage zum Beispiel. Und von daher glaube ich, ist es für jeden neu und vollkommen anders, den Schritt in die Politik zu tun, unabhängig vom Alter.

Ich habe natürlich noch einmal in die Anfänge geschaut und dabei entdeckt, bevor Yvonne Ploetz bei den Linken gelandet ist, war sie bei der Jungen Union. War das ein Weg mit Haken und Ösen?

Yvonne Ploetz: Im Rückblick ist das für mich ein total legitimer Weg sich als 14-jährige politisch zu orientieren, sich auch noch länger zu orientieren. Ich war 14. Ich wollte unbedingt politisch aktiv werden und hatte aber nur das Angebot oder nur die Plattform bei der Jungen Union. Weil im Saarland, im ganzen ländlichen Raum, keine andere Organisation vorhanden war. Ich wollte politisch aktiv werden. Ich habe dann vier Jahre mitgearbeitet, auf meine Art und Weise mitgearbeitet. Also, ich wusste, was kann ich unterstützen, was kann ich nicht unterstützen. Mit der Zeit wurde das, was ich nicht unterstützen kann, immer mehr. Es setzte einfach eine Politisierung ein: Über Literatur, über Musik, über Schulunterricht, über Verwandte, Bekannte und Freunde. Dann war ich irgendwann 18, hatte ein Auto, einen Führerschein. Mir stand die Welt offen. Aber eben auch Politik. Und ich konnte mir selbst überlegen, in welcher Partei ich mitarbeiten will. Und damals war es dann so, dass ich mir alle Parteiprogramme bestellt habe. Ein durchaus nicht normaler Weg für junge Menschen, glaube ich, über Parteiprogramme in die Partei zu kommen. Aber das war damals so. Ich habe mir tatsächlich alle bestellt und damals fiel ganz eindeutig die Wahl auf die PDS.

Aber haben Sie damals auch damit gerechnet, dass das was Luc Jochimsen gerade beschrieben hat, dass man nicht nur ignoriert, ausgegrenzt wird, sondern dass man auch angefeindet wird, für eine Haltung, die man hat, für Ideen, für Konzepte, für die man steht?

Yvonne Ploetz: Das war mir durchaus bewusst. Man hat nur nicht die Erfahrung, wie es tatsächlich in der Realität ist. Ich hab’ ganz zu Anfang, als ich dann gewechselt bin zur PDS, genau diese Anfeindungen natürlich aus der Jungen Union gehabt. Aus diesem ländliche Raum, der sich mir angefreundet hatte, der wusste, da gibt es eine junger Frau, die will Politik machen. Macht bei uns mit und plötzlich wechselt sie zur komplett anderen Richtung und gründet dann noch einen Ortsverband und quält uns hier mit einem linken Ortsverband. (lacht). Die Anfeindungen waren durchaus da. Aber ich glaube, viele hatten geahnt, dass ich bei der Jungen Union beziehungsweise der CDU niemals eine Zukunft haben werde. Inhaltlich einfach keine Zukunft haben werde. Ich habe noch nie dazu gepasst. Ich war mit 16 eine junge Punkerin mit pinken Haaren und saß aber am Jungen-Union-Tisch.
Das passte einfach nicht. Und so war mir zwar klar, ich werde angefeindet, aber ich wusste, wenn ich mich selbst verwirklichen will, meine Ideen anbringen will, dann habe ich da einfach nur eine Chance in der PDS oder in der jetzigen Linken.

2010, Luc Jochimsen, war ja auch für Sie ein ganz außergewöhnliches Jahr. Ich glaube, es war im Sommer, als die taz schrieb, was hat diese kluge, blitzgescheite Frau sich eigentlich dabei gedacht sich als Kandidatin, für das Amt des Bundespräsidenten aufstellen zu lassen. Worüber mussten Sie denn nachdenken?

Luc Jochimsen: Als das plötzlich losging mit dem Rücktritt des früheren Bundespräsidenten Köhler, die beiden Kandidaten benannt waren, Wulff und Gauck, habe ich mich gefragt, was machst du denn als Wahlfrau Jochimsen. Also, ich habe nicht im Traum an eine Kandidatur gedacht, sondern mich gefragt: Wenn es am 30. Juni jetzt darauf ankommt, was machst du dann mit deiner Stimme? Und mir war ganz klar, nachdem ich die Äußerungen von Wulff und Gauck gelesen und geprüft hatte, ich kann weder den Einen wählen, noch den Anderen. Das ist völlig ausgeschlossen. Dann habe ich mir überlegt, das bedeutet ja, dass wir als Linksfraktion, etwas Eigenes aufstellen müssen. Und ich habe mir überlegt, es wäre gut, wenn wir eine Frau aufstellten. Dann habe ich mir so überlegt, welche Frauen kenne ich eigentlich, die ich der Fraktionsführung und der Parteiführung vorschlagen kann? Da bin auch auf eine sehr gute Frau gekommen, aus dem eher kirchlichen Bereich übrigens. Dann ist Gesine Lötzsch zu mir ins Büro gekommen und ich habe, so wie ich so bin, gesagt: „Ich glaube, ich habe da eine sehr gute Frau. Überlegt euch das mal". Da hat Gesine gelächelt und gesagt,: Ja, das ist sehr interessant, aber wir wollen etwas anderes. Wir wollen dich eigentlich fragen, ob du das nicht machst?
Das war wie ein Blitz aus dem Himmel. Ich war überhaupt nicht innerlich darauf vorbereitet. Dann habe ich mich in erster Linie unendlich geehrt gefühlt, dass die eigenen Leute auf einen kommen, in einer solchen Situation. Immerhin mit einer solchen herausragenden Nominierung. Und dann hab’ ich gesagt: „Ich weiß nicht, ob ich das kann! Aber wenn ihr das wollt, dann mache ich das."
Mir ging es vor allen Dingen darum, der Bevölkerung zu zeigen, es gibt eben nicht nur dieses Duell. Es gibt nicht nur den einen Mann und den anderen Mann. Sondern es gibt eben auch noch andere Ideen für ein Präsidentenamt. Eine Person, die was mit Frieden machen will, die den Frieden und die Friedlichkeit der Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt. Eine Person, die ganz strikt mehr Gerechtigkeit einfordert. Da haben die beiden nix davon gesagt. Von Frieden haben die nix gesagt. Also, eine andere Position und - wenn man so will, - unsere linke Position überhaupt in die Diskussion einzubringen. Und im Nachhinein finde ich auch mit der Erfahrung, dass sich die Presse natürlich unendlich schwer getan hat, von ihren Vorstellungen, das sei ein politisches Drama, ein Boxkampf zweier Duellanten, ein Herausforderer und ein Champion sozusagen, wegzugehen und überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, dass es eine dritte Kandidatur gibt, erstaunlich.
Mich hat mal ein Journalist gefragt, in den Umfragen, wer Sie kennt als Kandidatin, liegen Sie bei drei Prozent. Da habe ich gesagt, ich wundere mich, dass überhaupt drei Prozent auf die Idee Jochimsen oder auf dem Namen Jochimsen kommen, so wie das verschwiegen wurde.
Von daher muss ich sagen, ich habe das zu keiner Zeit bereut und ich war auch tief davon berührt von der Einigkeit. Der Tag selbst, dieser Wahltag - ich weiß nicht, wie du das gesehen hast - der war beeindruckend. Weil, das war natürlich auch ein wirklich politisches Drama, aber wir als Delegation waren in allen Phasen sehr einig und sehr geschlossen.

Dann fragen wir Yvonne doch gleich einmal. Das war eine kurze Zeit, wo Sie Abgeordnete in Berlin waren und dann gleich in so eine Situation hineingeschmissen zu werden. Wie haben Sie den Tag wahrgenommen?

Yvonne Ploetz: Für mich war es eine wahnsinnige Erleichterung, dass Luc kandidiert hat. Weil auch ich vor der Frage stand, mich entscheiden zu sollen zwischen Wulff und Gauck, die ich beide nicht unterstützen konnte. Dann wurde auf einmal Luc nominiert. Ich kannte sie vorher eigentlich kaum. Da war dann deine Vorstellungsrede. Ich war so was von begeistert. Von deiner souveränen und idealistischen, kämpferischen Art, einfach die linke Politik jetzt über diese Kandidatur in den Mittelpunkt zu stellen.
Ja, und dann war dieser Wahltag. Ich saß mit dabei, das war für mich ein historisches Ereignis, einfach an so was teilnehmen zu dürfen. Mich hat ebenfalls diese Geschlossenheit der Fraktion gefreut, weil ich damit nicht gerechnet habe. Diese drei Wahlgänge waren für mich eine riesengroße Erfahrung. Ich bin wirklich froh, dass ich dabei war.

Wissen Sie eigentlich inzwischen, von wem Sie die Stimme mehr bekommen haben im ersten Wahlgang?

Luc Jochimsen: Zwei Stimmen mehr! Nein, ich weiß es nicht. Und ich habe mir auch überlegt, ich mache mich auf keine mentale Suche. Ich freue mich über diese Stimmen. Ich habe immer gesagt, mein größtes Glück wäre, wenn ich drei Stimmen mehr bekäme. Aber ich bin ja Realistin, kenne dieses politischen Lager und Stichwort Ausgrenzung und wie das alles so läuft. Mir hat Oskar Lafontaine sofort gesagt nach dem ersten Wahlgang, du wirst nie herausfinden, wer die beiden Stimmen abgegeben hat. Also, ich weiß es nicht und ich habe mich auch nicht auf die Suche begeben.

Yvonne, in der Politik sich zu engagieren, das verändert auch das persönliche Leben. Wie viel Zeit bleibt noch für so schöne private Dinge wie Judosport oder Chinesisch lernen?

Yvonne Ploetz: Sehr wenig leider im Moment. Ich habe eben diese Doppelbelastung. Ich will mein Studium zu Ende bringen. Ich schreibe gerade meine Magisterarbeit. Glücklicherweise studiere ich Politikwissenschaften, da ergeben sich ständig Synergieeffekte. Die Magisterarbeit werde ich zum Thema Jugendarmut schreiben. Das heißt, das ist ein Thema, das ich auch hier in die Politik total gut einbringen kann. Ansonsten versuche ich mir Freiräume zu schaffen. Normalerweise arbeite ich bis tief in die Nacht, weil ich im Anschluss an die Mandatsarbeit eben noch die Magisterarbeit schreiben muss. Deshalb versuche ich immer zwischendurch stundenweise etwas Auszeit zu bekommen. Mal zum Schwimmen, zum Joggen, zum Kochen, zum Freunde treffen. Für Judo selbst bleibt sehr wenig Zeit. Zweimal die Woche zum Training a’ zwei Stunden, das schaffe ich einfach nicht. Ich habe jetzt den braunen Gürtel. Habe vor 14 Jahren angefangen. Mir fehlt das einfach, so mindestens zweimal die Wochen einen Mattenabdruck im Gesicht zu haben. (lacht dabei) So sadistisch sich das jetzt auch Anhören mag. Aber das macht Spaß.
Ich habe mir überlegt, Judo, wäre das nicht etwas für alle Politikerinnen und Politiker? Ich finde, dass jeder mal reinschnuppern sollte, weil es einfach eine Lehre davon ist, wie man auf einem sanften Weg zu seinem Ziel kommen kann, ohne dabei den Gegner zu verletzen. Vielleicht sollte sich das jeder Mal kurz ansehen.

Ist das überhaupt ein Tribut, den man zahlen muss, dass die schönen Dinge des Lebens hinten angestellt werden müssen?

Luc Jochimsen: Nicht unbedingt. Da bin ich in einer glücklichen Situation als kulturpolitische Sprecherin und als eine Person, die sich um Theater, Bildende Kunst, Musik, Museen, Büchereien gekümmert hat. Das ist auch meine Welt, das ist auch mein Leben. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als Abends ins Theater zu gehen. Also, ich kann vor mir und den Anderen immer sagen: Ich muss ins Theater gehen, ich muss in Museen gehen, ich muss wissen, wie die kulturelle Situation und die kulturelle Szene ist. Also, da habe ich ein ganz großes Glück.

Sie haben vorhin gesagt, Yvonne, dass der Anruf von Oskar Lafontaine – und na klar, man freut sich - aber da ist natürlich auch ein Mann, der bundesweit für Furore gesorgt ha. Der immer in der ersten Reihe stand und nun ist man Nachrückerin. Und dann wird gleich gesagt, ja nun soll sie mal in seine Fußstapfen treten. War das auch ein stückweit Last?

Yvonne Ploetz: Oskar Lafontaine ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit für die Linke sowohl in Deutschland als auch international. Es war für mich sehr schwer, gerade für eine Person, die für so wichtig erachtet wird, nachzurücken. Also, jemand ersetzen zu sollen, den man nicht ersetzen kann! Ich glaube aber, dass das gar nicht meine Aufgabe ist. Ich denke meine Aufgabe ist es, eigene Akzente zu setzen. Natürlich oft mit dem Rat von Oskar. Ich bin jung. Ich will einfach ein Sprachrohr sein für junge Menschen. Ich denke, das ist eine Alterskohorte, die in der Politik gar keine Lobby hat. Ich spreche ganz gern auch von der Jugendverdrossenheit in der Politik. Die Umkehrung von der so genannten Politikverdrossenheit der Jugend,. Das ist genau das, was ich als meine Aufgabe erachte. Nicht Oskar Lafontaine zu ersetzen.

Nächstes Jahr, 2011, schauen wir auf 100 Jahre Internationalen Frauentag. Sie haben schon gesagt, Frau Jochimsen, zwischen ihnen und Yvonne liegen knapp 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert. Kann Yvonne in ihrem Selbstverständnis davon profitieren, was Sie in den 70-er und 8-0er Jahren als Journalistin für die Frauen, für die Frauenbewegung auf den Weg gebracht haben? Kann sie die Früchte ernten? Oder muss nicht doch jede Generation neu antreten?

Luc Jochimsen: Es gibt ja dieses großartige Bild, das wir alle auf Schultern anderer stehen. Das bedeutet, dass man aufbaut auf etwas, was vorher geschaffen wurde. Das man gleichzeitig aber auf den Schultern der anderen natürlich wieder was Eigenes schaffen und erkämpfen muss. Es wäre ein Missverständnis zu glauben, die Gleichberechtigung von Frauen sei einmal geschaffen und abgeschlossen. Das ist ein Prozess wie die Emanzipation von Menschen überhaupt ein ständiger Prozess ist. In den sich weiter entwickelnden Gesellschaften stellen sich immer wieder neue Probleme. Auch die der Emanzipation und der Gleichberechtigung.
So lange man sich nicht hat Scheiden lassen können, gab es für Frauen bestimmte Außenbedingungen des Lebens: in der Ehe, im Kloster, in Dienstverhältnissen. Seitdem sie studieren können, hat sich etwas verändert. Trotzdem bleibt natürlich immer wieder die neue Aufgabe. Ich denke, Yvonne kann davon profitieren, was wir gemach, gedacht, publiziert haben. Und auch das war ja schon dank großartiger, kämpferische, opferbereiter Frauen vor uns. Das ist ja nicht vom Himmel gefallen in meiner Generation, sondern das geht ja weit zurück und wir mussten es allein neu definieren und Yvonne muss es auch neu definieren und auch neu leben.

Und wie definiert und lebt Yvonne das neu?

Yvonne Ploetz: Ich fang Mal ganz vorne an: 1911 als Clara Zetkin die Einführung des Internationalen Frauentages forderte und ein Jahr später war der große Aufstand der Textilarbeiterinnen. Damals hat man um das nackte Überleben gekämpft. Es ging darum, Hungerlöhne abzuschaffen, Kinderarbeit zu verbieten, aber natürlich auch um die Selbstverwirklichung der Frau. Jetzt, 100 Jahre später, hat man andere Verhältnisse und andere Bedingungen. Es hat sich viel getan, es wurde viel erkämpft. Es ist so, dass Frauen - zumindest auf westlichem Standard - politisch und rechtlich relativ gleich gestellt sind. Auch Möglichkeiten haben, sich im Beruf zu verwirklichen. Aber es gibt immer noch große Mankos. Frauen verdienen immer noch weniger bei gleicher Arbeit. Sie haben immer noch das Problem, dass sie nicht in Führungspositionen kommen. Und Armut hat immer noch ein weibliches Gesicht. Ich glaube, dass wir jetzt an einer Stelle sind, 100 Jahre später, nicht nur die berufliche Gleichstellung zu fordern, sondern einfach auch Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse aufzubrechen. Und das aber nicht nur hier in Deutschland, sondern global. Ich finde es ganz wichtig, dass, wenn man Frauenkämpfe plant, organisiert und durchführen will, dass man heute immer global denkt.

Am Jahresende nimmt man sich in der Regel etwas vor, aber man darf sich auch etwas wünschen. Wenn Sie auf 2011 schauen, Frau Jochimsen, welche Vision, welchen Wunsch, welche Hoffnung haben Sie?

Luc Jochimsen: Mein großer Wunsch ist, dass wir in diesem spannenden, politischen Jahr, das uns bevorsteht, Landtagswahlen zu unseren Gunsten entscheiden. Dass wir in mehr westdeutsche Landtage und Parlamente einziehen, um diesen nach wie vor vorhandenen Antikommunismus Mal zu knacken und durch eine gute politische Arbeit vorbildhaft etwas anderes beweisen. Ich nehme mal ein Beispiel: In Hamburg hat es einen Wahlkampf gegeben in dem wurde noch gesagt, wenn diese Kommunisten in die Bürgerschaft einziehen, dann geht sozusagen die Freie und Hansestadt Hamburg zugrunde. Jetzt ist da eine Bürgerschaftsfraktion der Linken von sechs Leuten, die sich größten Respekt, selbst bei der Springerpresse - was ja wirklich etwas heißen will - einheimsen. Indem gesagt wird, wie fleißig, wie zielorientiert, wie sachlich sie sind. Sie haben den Vorsitz des Kulturausschusses, und die Kultur brennt im Hamburg. Sie legen da wirklich etwas vor. Und˝ ich glaube, jetzt bei den neuen Wahlen wird die Situation ganz anders sein. Man wird dieses „Hamburg-geht-unter" wenn ihr die Linke wählt, dieses Argument nicht mehr im Wahlkampf führen können.
Und das erhoffe ich mir für 2011. Sieben Landtage, das wäre wirklich das Allertollste, in 7 Landtagen ist die Linke vertreten. Dann beginnt eine vollkommen neue Diskussion über unsere Politik.

Yvonne Ploetz: Ich plane im kommenden Jahr eine große Kampagne zur Jugendarmut. Ich will am Ende des Jahres dafür sensibilisiert haben, dass es dieses enorme Problem einfach gibt. Und ich will eigene Projekte ins Laufen bringen. Ich will es schaffen, dass junge Menschen einfach Lust bekommen, mitzumachen, dass junge Menschen aufstehen und sagen, jetzt bewege ich mich auch, ich muss was tun, etwas ändern, damit sich etwas ändert. Das ist mein großes Ziel für 2011 und darüber hinaus.

Vielen herzlichen Dank Ihnen beiden.

Interview: Gisela Zimmer

linksfraktion.de, 27. Dezember 2010

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