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Gute Bildung statt Mangelverwaltung

Interview der Woche von Nicole Gohlke,

Nicole Gohlke, hochschulpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, über die ideale Hochschule und die Realität an den Universitäten heute, die Wohnungsnot der Studierenden, eine Bildungskürzung namens Bologna-Reform und die Notwendigkeit, weitere Studienplätze zu schaffen


Sie sind Kommunikationswissenschaftlerin und hochschulpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag. Wie sieht die ideale Hochschule aus, an der Sie gern studiert hätten?

Nicole Gohlke: Offen, demokratisch und wissenschaftlich unabhängig! Genügend Studienplätze für alle, die studieren wollen, ausfinanzierte Hochschulen, die nicht angewiesen sind auf Kooperationen mit finanzstarken Großkonzernen sowie ein BAföG, das sozialen Ausgleich schafft. An der Hochschule entscheiden die Lehrenden, Studierenden und Beschäftigten gemeinsam, was und wie gelehrt wird. Zivilgesellschaftliche Kräfte werden in die Entscheidungen eingebunden um sicherzustellen, dass drängende gesellschaftliche Fragen wie Verteilung, Klimawandel und Frieden einen Platz haben.

Und wie sieht der Alltag an den Hochschulen für Studierende zu Beginn des neuen Semesters aus?

Vielen Studienberechtigten wird der Zugang zur Hochschule verwehrt, sie erhalten keinen Studienplatz. Die "Glücklichen" mit Studienplatz werden sich vermutlich um die Seminarplätze streiten, wochenlang auf Bücher aus der Bibliothek warten und umsonst auf einen Platz im Studierendenwohnheim hoffen. Die heutige Hochschule bietet vielerorts eher eine Mangelverwaltung als gute Bildung. Und die Hochschulen verlieren ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit: Sie forschen im Auftrag der Finanz- und Rüstungsindustrie und richten Lehr- und Forschungsinhalte an deren Interessen aus.


Die Hochschulen wurden unter dem Namen Bologna-Prozess in den vergangenen Jahren reformiert. Sie sprechen von einer neoliberalen Hochschulreform. Was meinen Sie damit?

Die Bologna-Reform ist vor allem eine krasse Bildungskürzung, eine weitere Stufe in einem ohnehin selektiven Bildungssystem. Das Studium wurde zweigeteilt; nun gibt es einen meist dreijährigen Bachelor, für den weiterführenden Master muss man sich erneut bewerben, einem Großteil der Studierenden soll die volle wissenschaftliche Ausbildung vorenthalten bleiben. Durch diese Reform ist das Studium kürzer, schneller und billiger geworden. Ein intensives und kritisches Studium ist kaum noch möglich. Das Ziel ist, die Leute für den Arbeitsmarkt fit zu machen, eine wirkliche Auseinandersetzung mit selbstgesetzten Schwerpunkten ist kaum möglich.  
 

Welche Folgen hatte die sogenannte Exzellenzinitiative der Bundesregierung?

Die federführend von der SPD und dann der Großen Koalition konzipierte Exzellenzinitiative fördert mit besonderen finanziellen Zuwendungen einzelne Leuchttürme, hat aber zum Auseinanderdriften in der Hochschullandschaft und zur Fokussierung auf Mittelweinwerbung, Ausschreibungen und Wettbewerbe beigetragen. Auch dies geht völlig an den Bedarfen des Wissenschaftssystems vorbei. Außerdem trägt sie zu befristeter und prekärer Beschäftigung an der Hochschule bei, weil die Programme ja nur eine begrenzte Dauer haben.


Inzwischen studieren viele im Schnelldurchgang auf einen Bachelor-Abschluss hin. Sind die Berufsaussichten wenigstens gut oder betrachten Unternehmen den Abschluss als eine Art Mikrowellen-Diplom?

Nicht nur, dass vielen BachelorabsolventInnen ein Praktikumsplatz angeboten wird – auch die Bezahlung von regulär eingestellten BachelorabsolventInnen lässt zu wünschen übrig: Die Einkommensdifferenz gegenüber den traditionellen Abschlüssen beträgt durchschnittlich -7,3 Prozent für FH-AbsolventInnen, -20,3 Prozent bei AbsolventInnen von der Uni. Durch die Einführung von Bachelor und Master wurde ein  Zweiklassenarbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker geschaffen. Wir möchten, dass jeder Bachelorabsolvent das Recht auf einen Masterplatz erhält, jeder Studierende soll selbst entscheiden welchen Studienabschluss er oder sie machen möchte.


Was sind die sozialen Konsequenzen der Hochschulreform?

Durch die krasse Verschulung, Prüfungsdruck und ständiger Anwesenheitspflicht hat sich der Studienalltag extrem verändert. Mehr als zwei Drittel aller Studierenden müssen neben dem Studium arbeiten – sie können Job und Studium nur noch schlecht miteinander verbinden. Eine Konsequenz ist, dass viele die Hochschule ohne Abschluss verlassen, die StudienabbrecherInnenquote lag 2010 bei 28 Prozent (Studienanfänger von 06/07). Bachelor und Master wurden unter anderem eingeführt, um genau diese Quote zu senken. Auch in diesem Punkt hat die Reform komplett versagt.
 

Studiengebühren wurden in einigen Bundesländern im Zuge der Reformen eingeführt, nun sind sie nach anhaltenden Protesten bald überall wieder abgeschafft. Ist damit das Problem der Chancengleichheit beim Hochschulzugang vom Tisch?

Der erfolgreiche Kampf gegen Studiengebühren ist dem langen Atem der Studierendenproteste zu verdanken. Endlich wurden auch in Bayern die Studiengebühren mithilfe eines Volksbegehrens abgeschafft. Damit ist das Problem der Chancengleichheit noch nicht gelöst: Die Chance für  Kinder aus akademischen Elternhäusern ein Studium aufzunehmen ist sechsmal höher als von Kindern aus sogenannten bildungsfernen Familien. Um das zu ändern, brauchen wir eine Ausbildungsförderung, die ihrem Namen gerecht wird. Das BAföG muss zum Leben reichen, durchschnittlich 436 Euro im Monat sind einfach zu wenig. DIE LINKE fordert eine sofortige Erhöhung um zehn Prozent, die Abschaffung der Altersgrenzen und eine Rückkehr zum Vollzuschuss, damit sich junge Menschen nicht verschulden müssen. Dies wäre ein Anfang.

Was bedeutet die Abschaffung der Studiengebühren für die Finanzierung der Hochschulen?

Die Abschaffung der Studiengebühren ging in den meisten Bundesländern mit einer Kompensationszahlung an die Hochschulen einher. Nur so kann es funktionieren – die Studierenden sollen nicht für ihr Studium bezahlen müssen, sie sollen aber auch nicht unter schlechteren Bedingungen studieren, wenn die Gebühren abgeschafft werden.
 

In vielen Universitätsstädten herrscht Wohnungsnot, dazu steigen die Mieten. Was wurde versäumt und was kann nun gegen diese Situation unternommen werden?

Seitens der Politik gab es viel zu wenig Initiativen, um Mietsteigerungen tatsächlich einzugrenzen. Mietobergrenzen wären ein geeignetes Instrument um steigenden Mieten etwas entgegenzusetzen, die Politik hätte viel mehr Einflussmöglichkeiten auf die Mietensituation als sie derzeit nutzt. Für die Studierenden ist die Lage besonders prekär, sie sind auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen: Studierende haben im Monat durchschnittlich ungefähr 830 Euro zur Verfügung, 20 Prozent aller Studierenden sogar weniger als 600 Euro. Davon müssen Lebensmittel, Kleidung, Lehrmittel, öffentliche Verkehrsmittel und natürlich die Miete bezahlt werden. Dabei ist die Miete der mit Abstand größte Kostenpunkt. DIE LINKE fordert in einem ersten Schritt den Bau von mindestens 25.000 Wohnheimplätzen und den BAföG-Mietsatz an die tatsächlichen Mietkosten anzupassen.
 

Die Zahl der Studienanfänger ist 2012 aber wieder leicht gesunken. Entspannt sich die Situation an den Hochschulen bald wieder?

Zwar ist die Zeit der doppelten Abiturjahrgänge ab dem Wintersemester 2014 vorüber, allerdings ist absehbar, dass die Studierneigung weiter steigen wird. Es entscheiden sich immer mehr junge Menschen für ein Studium, und das sollte seitens der Regierung unterstützt werden, anstatt es zu verhindern. Wir brauchen auch zukünftig mehr Studienplätze und nicht weniger. Wir fordern die Schaffung von mindestens 600.000 zusätzlichen Studienplätzen bis zum Jahre 2015.

linksfraktion.de, 9. April 2013
 

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