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Grüne Woche: Hunger im Überfluss

Im Wortlaut von Niema Movassat,

Demo »Wir haben es satt« am 16. Januar 2016 vor dem Bundestag in Berlin, Foto: Chris Grodotzki/Campact

 


Von Niema Movassat, Sprecher für Welternährung der Fraktion DIE LINKE

Es ist eine Premiere: In diesem Jahr widmet die Grüne Woche erstmals eine Sonderschau dem Thema Hungerbekämpfung. In Halle 16, eingepfercht zwischen Bergen von Schweizer Käse und Tiroler Speck, präsentiert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) weithin bekannte, und trotzdem immer wieder erschreckende Fakten: 800 Millionen Menschen leiden weltweit an Hunger, 2 Milliarden Menschen sind mangelernährt. Das Überangebot an Essen, das bei der Grünen Woche präsentiert und verschlungen wird, steht in einem krassen Gegensatz zu dem Leid, das hinter diesen Zahlen steckt. Und es macht deutlich, dass die Agrar- und Lebensmittelindustrie, die ihre Leistungsschau auf der Grünen Woche feiert, bei einer der größten globalen Aufgaben versagt, nämlich der Nahrungsmittelversorgung aller Menschen unabhängig von ihrer Kaufkraft.

Wer den Hunger auf der Welt erfolgreich bekämpfen will, muss also mit dem etablierten Agrarsystem brechen. Genau das wagt das BMZ jedoch nicht. Zwar tönt Entwicklungsminister Müller bei jeder Gelegenheit „Eine Welt ohne Hunger ist möglich“. Doch die Ursachen des Hungers – wie ungerechte Handelsbeziehungen oder die Macht globaler Agrar- und Lebensmittelkonzerne wie Monsanto, Bayer oder der MetroGroup – packt er nicht an. Stattdessen will Müller in Kooperation mit ebendiesen Konzernen die Nahrungsmittelproduktion insbesondere in Afrika und Asien ankurbeln. Diese Strategie ist jedoch aus mehreren Gründen fragwürdig:

  1. Sie stillt den Hunger der deutschen Agrarindustrie nach neuen Märkten für ihre Produkte (Dünger, Pestizide, Saatgut, Landmaschinen etc.), anstatt die Interessen und Bedürfnissen der Kleinbauern vor Ort ins Zentrum zu stellen. Meine diesbezügliche Kritik an einem Kartoffelprojekt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in Afrika hat kürzlich eine Oxfam-Studie bestätigt.
  2. Sei verschiebt die Entwicklungspolitik von einer politischen zu einer unternehmerischen Aufgabe. Unternehmen haben an Hungerbekämpfung jedoch nur so lange Interesse, wie sich damit Geld verdienen lässt. Lokale Lösungen unter der Regie von Kleinbauern fallen damit ebenso unter den Tisch wie eine dringend notwendige Veränderung der globalen Handelsstrukturen.
  3. Durch die Zusammenarbeit mit großen Agrarkonzernen setzt die deutsche EZ nicht nur Kleinbauern weltweit unter Druck, sondern ist sogar immer wieder in Fälle von Landgrabbing (Landraub) verwickelt. Traurige Beispiele hierfür liefert regelmäßig die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG. Doch anstatt  die Finanzierung von Landgrabbing gesetzlich zu unterbinden, lobt das BMZ die DEG bei jeder Gelegenheit als zentrale Säule einer unternehmerischen EZ.

Kleinbauern produzieren nach wie vor 70 Prozent der weltweit konsumierten Lebensmittel. Sie sind der wichtigste Partner einer nachhaltigen Hungerbekämpfung. Daher gilt es, sie und deren Interessen zu stärken – in politischen Prozessen, in der Forschung, beim Aufbau lokaler und der Regulierung globaler Märkte. Wer sich vor der Aufgabe drückt, das Ernährungssystem zu demokratisieren und die Macht der Agrarkonzerne zu beschneiden, der passt gut zur Grünen Woche. Eine Welt ohne Hunger wird er so aber nicht schaffen.

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