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Ferien im Tarnfleck – Bundeswehr baut Camps für Jugendliche aus

Nachricht von Norbert Müller,

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht musste sich die Bundeswehr plötzlich selbst um die Rekrutierung ihres Nachwuchses kümmern. Werbekampagnen, YouTube-Serien, Schulbesuche, Karrierebüros und andere Methoden der Ansprache und Information, die sich speziell an Jugendliche richten, gehören seitdem zum Alltag der Bundeswehr. Diese neue Rekrutierungspraxis der Bundeswehr ist wiederholt auf Kritik gestoßen. Insbesondere die Ansprache und Rekrutierung von Minderjährigen in der Schule oder auf Berufsmessen wurde durch den UN-Kinderrechteausschuss dezidiert bemängelt.

Nun hat die Bundesregierung in ihrer Antwort (PDF) auf Anfrage der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag Details zu einer weiteren fragwürdigen Werbemethode der Bundeswehr eingeräumt: Seit zumindest 2012 bietet die Bundeswehr in großen Rahmen mehrtägige Feriencamps an, die unter den Namen von Ferien-, Kennenlern-, IT- oder Abenteuercamps beworben werden. Dort können sich Jugendliche mit dem vermeintlichen Soldatenalltag vertraut machen. Diese Angebote werden von allen Gattungen der Bundeswehr angeboten, also von Luftwaffe, Marine und Heer. Die größte Auswahl bietet das Heer mit Angeboten bei Panzereinheiten, Gebirgsjägern, im Sanitätsdienst oder den neu geschaffenen IT-Bataillonen. Neben Gelände- und Hindernislauf, Tarnbemalung, Übernachten im Biwak und Lagerfeuerromantik können sie je nach Camp auch in gepanzerten Fahrzeugen mitfahren. 

Pikant: Die Bundeswehr kann nicht sagen, wie viele der Teilnehmenden volljährig sind, „eine Aufschlüsselung nach dem Lebensalter wird nicht gesondert vorgenommen“, so die Bundesregierung. Und dies, obwohl der UN-Kinderrechteausschuss die Bundesregierung seit Jahren dazu anmahnt, Werbekampagnen und Schulbesuche, die sich an Minderjährige richten, einzustellen. Die Bundesregierung gibt in ihrer Antwort sogar zu, gegen die Vorgaben des UN-Kinderrechtsausschuss zu verstoßen. So heißt es weiter, es werde „grundsätzlich durch zielgruppengerechte Marketing- und Medienanalyse sowie entsprechende Werbung gewährleistet“, dass die Werbung bei den Jugendlichen ankomme. Die Analyse werde von Medienfachleuten durchgeführt. Im Fokus seien neben der Zielgruppe der 16- bis 17-jährigen auch „Lebensjüngere“, „sofern sich diese in der Berufsorientierungsphase bzw. Berufsfindungsphase befinden“, so die Bundesregierung. Beworben werden die Camps auch durch die sozialen Medien wie Facebook. Die Camps böten den Jugendlichen die Möglichkeit, „das Gespräch mit Soldatinnen und Soldaten zu suchen und erste authentische Eindrücke über den Arbeitgeber Bundeswehr für eine konkrete Bewerbung zu erlangen“. Die Teilnahme an den Camps ist für die Jugendlichen kostenlos. Für die Bundeswehr fallen laut Angaben der Bundesregierung pro Teilnehmenden und Camp Kosten zwischen 1,13 Euro und 943,33 Euro an.

Die Anzahl der teilnehmenden Jugendlichen in den Camps steigt seit 2015 stark an. 2016 nahmen 1544 Jugendliche an den Camps teil, im noch laufenden Jahr 2017 waren es bereits 2066 während es in den Jahren zuvor lediglich 959 bis 1326 Teilnehmende waren. Seit 2015 ist eine auffallende Häufung von diesen Camps in den neuen Bundesländern zu beobachten und hier insbesondere in Brandenburg und Sachsen. Die vorliegende Liste scheint aber unvollständig bzw. fehlerhaft zu sein, da weitere Camps durch die Bundeswehr zwar filmisch dokumentiert worden und bei Youtube abrufbar sind, aber auf der vorliegenden Liste nicht erscheinen. Daher ist von einer größeren Verbreitung dieser Camps auszugehen.

Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, erklärt dazu:

„Die Camps haben den Charakter von Ferienlagern und werden genauso beworben, dabei stecken knallharte Werbepraktiken von Profis dahinter, die genau wissen, wie man Kinder- und Jugendliche anspricht. Die Bundesregierung muss sicherstellen, dass sie die Kinderrechte und den Schutz von Kindern und Jugendlichen ernst nimmt und endlich diese Werbepraxen einstellen. Wir sind gespannt, welche Werbemethode sich die Strategen des Verteidigungsministeriums als nächstes ausdenken.“

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