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Entschuldigung und Bedauern

Im Wortlaut von Lukrezia Jochimsen,

Von Verantwortung in der Bundesregierung gegenüber der geschichtsvergessenen Rede ihres Kulturstaatssekretärs zum "Gedächtnis Buchenwald" kann keine Rede sein. Eine Wortlese von Luc Jochimsen.

Da ist ein renommierter Historiker in höchsten kulturpolitischen Ämtern eingeladen, eine Rede zum "Gedächtnis Buchenwald" zu halten. Er aber redet von Flucht und Vertreibung, den deutschen Opfern. Das löst helle Empörung aus, die der Redner zunächst überhaupt nicht verstehen kann, dann aber, als Forderungen laut werden, die seine Ämter zur Disposition stellen, sucht er Wege der Entschuldigung.

Der erste Weg: Er habe ja nur im Auftrag gehandelt. Als diese Auftraggeberin von dieser Schuld nichts wissen will, kommt ...der zweite Weg: Er habe ja gar nichts gewusst. Zitat: "Ich wusste nicht, dass in der ersten Reihen auch KZ-Opfer sitzen. Das tut mir leid, und ich entschuldige mich auch dafür." Darauf kam es doch gar nicht an. Selbst wenn kein einziger KZ-Überlebender anwesend gewesen wäre, war der Auftrag, zum "Gedächtnis Buchenwald" zu sprechen. Hatte er das vergessen?

Die unmittelbar Betroffenen verletzt zu haben, ist eine Sache, die man vielleicht mit der billigen Formel "Tut mir leid" aus der Welt schaffen möchte, aber der Kernverstoß, den die Rede darstellt, ist damit weder begriffen noch gar verantwortungsvoll entschuldigt. Deshalb kommt ...der dritte Weg: Es sei ihm doch nur um die Erweiterung des politischen Erinnerungsbegriffs gegangen, stellt nun der Redner fest. Wer an Buchenwald denkt, soll auch an Flucht und Vertreibung denken, die deutschen Opfer. Dann schläft es sich vielleicht besser. Man kann das eine mit dem anderen aufrechnen und hat einen "erweiterten Erinnerungsbegriff". Das nennen wir eine deutsche politische Entschuldigung von höchstem Rang. Und nun kommt der Staatsminister ins Spiel. Er bedauert. Nicht etwa die Rede seines Stellvertreters, nein, er bedauert die "Beeinträchtigungen der Eröffnungsveranstaltung" und die "politischen Missverständnisse". Das nennen wir ein deutsches politisches Bedauern von allerhöchstem Rang. Von Konsequenzen kein Wort und keines von Bestürzung und Sorge - und von Verantwortung keine Spur.

Neues Deutschland, 30. August 2006

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