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Ein Jahr nach Fukushima

Kolumne von Dorothée Menzner,

Von Dorothée Menzner, energiepolitische Sprecherin der Fraktion, Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit sowie im Untersuchungsausschuss Gorleben

 

Vor einem Jahr erschütterte die dreifache Katastrophe Japan. Zwei Naturkatastrophen und die nukleare, von Menschen gemachte. Die Folgen der Naturkatastrophen und das Leid, das tausende Tote und der Verlust des Zuhauses über die Menschen großer Regionen gebracht haben,  sind  gänzlich aus unserem Blick geraten. Auch dem sollte zum Jahrestag  gedacht werden.

Die nukleare Katastrophe bestimmte nach dem 11.März wochenlang die weltweiten Schlagzeilen und ließ die Menschheit den Atem anhalten. Wie heute bekannt ist, erwog die japanische Regierung um den 25. März 2011 ernsthaft eine Evakuierung Tokyos. Aber es ist ein Irrglaube dass die Lage in Fukushima im Griff sei, nur weil wir nicht Tag täglich neue Horrormeldungen lesen.

Bis vor wenigen Tagen war ich erneut 14 Tage in Japan, um mir vor Ort ein Bild zu machen und die Menschen zu unterstützen, die sich nun, aufgerüttelt von den Ereignissen in Fukushima Daichi, für einen Ausstieg aus der Hochrisikotechnologie einsetzen. Die Bewegung für einen Atomausstieg wird täglich größer und wohl erstmals haben die Menschen begriffen, dass sie sich selber engagieren müssen, wenn etwas passieren soll, denn die Regierung hat so ziemlich alles Vertrauen in den letzten Monaten verspielt. Aber der Reihe nach.

Nach Gesprächen mit deutschen und japanischen Kernphysikern ist deutlich: Die Lage in Fukushima ist nach wie vor hochgradig kritisch. Was genau in den drei Reaktoren vorgeht, in denen eine Kernschmelze stattgefunden hat, kann kein Fachmann sagen, denn die Strahlung ist viel zu hoch, als dass jemand nahe genug heran könnte um nachzuschauen.

Die akut größere Gefahr geht aber nach allgemeiner Einschätzung vom Abklingbecken in Block 4 aus, in dem rund 1500 Brennstäbe lagern. Die Tragkonstruktion ist durch die Beben der letzen Monate und die Wasserstoffexplosion im letzten März  so instabil, dass trotz provisorischer Abstützung bei einem der vielen Beben, die Japan immer noch erschüttern, ein Kollaps droht. Dann wäre, wie selbst offizielle Stellen in Japan (die eher zur Schönfärberei neigen) zugeben, eine Evakuierung Tokyos unausweichlich.

Aber selbst wenn dies alles nicht geschieht, wird Japan noch Jahrzehnte mit den Folgen des Desasters zu kämpfen haben. Die Menschen mit den gesundheitlichen und das Volk mit den ökonomischen. Das wahre Ausmaß wird erst im Laufe der nächsten Jahre deutlich werden. Nicht genug, dass die Menschen sich nicht vor den in ganz Japan erhöhten Strahlen und belasteten Lebensmitteln schützen können. Sie müssen auch noch mit ihren Steuern die enormen Kosten tragen, während über Jahrzehnte andere die Profite einsteckten. So wundert es nicht, dass inzwischen rund 80% der Japanerinnen und Japaner für einen schnellstmöglichen Atomausstieg eintreten, zumal sie täglich erleben, dass Japan sehr wohl auch ohne Atomenergie eine stabile Stromversorgung hat und das, obwohl aktuell nur noch 2 der 54 AKWs laufen.

Doch die Regierung tut sich schwer mit einem Atomausstieg. Das ist nur auf den ersten Blick unverständlich. Die Atomkonzerne sind in Japan noch mächtiger, als wir das aus Deutschland kennen, haben sie doch etwa ihre enormen Gewinne in den letzten Jahrzehnten u.a. dazu genutzt fast alle großen Medien des Landes in ihre Abhängigkeit zu bekommen. Politikern aller Parteien wurde das Ausscheiden aus der aktiven Politik mit gutdotierten Posten ökonomisch abgefedert. Ich habe noch eine zweite Erkenntnis gewonnen: Das Wirtschaftsministerium gab während meines Japan-Besuches den Hauptbeweggrund für das Festhalten an der Atomtechnik ganz unumwunden zu. Man wolle sich die Option für die Atombombe erhalten. Und dafür braucht man neben dem Schnellen Brüter in der Provinz Fukui und der Wiederaufarbeitungsanlage im Norden des Landes auch die AKWs, die das Material für die Wiederaufarbeitungsanlage liefern. 

Ein ökonomisch stark angeschlagenes Hochtechnologieland, das seit 20 Jahren in einer Rezession steckt und dem nach Fukushima weitere enorme wirtschaftliche Belastungen ins Haus stehen, mit gleichzeitig nur notdürftig gekitteten Beziehungen zu den Nachbarländern China und Korea mit Bombenphantasien der Herrschenden- ein alles andere als beruhigendes Szenario.
Es bleiben also viele Gründe, wieso es notwendig ist, weiterhin sehr genau auf Japan zu schauen und die sich erstmals in nennenswertem Umfang formierende Anti- Atom Bewegung sowie die japanische Friedensbewegung zu unterstützen. Es geht um nicht weniger als eine Rückgewinnung der Demokratie und eine Entmachtung globaler Konzerne, ihrer Kapitalinteressen und geostrategischen Ambitionen.

In dutzenden Gesprächen in Japan mit Opfern von Fukushima, Wissenschaftlern, Überlebenden von Hiroshima und Bürgerinnen und Bürgern wurde deutlich: Sie wünschen sich, dass unsere Solidarität eine praktische ist. Im gemeinsamen öffentlichen und phantasievollen Eintreten für ein Ende der Atomtechnik, die uns alle gefährdet und aus der nur wenige Profit ziehen. Zeigen wir unsere Solidarität am 11.3.2012 und beteiligen uns an den Anti- Atom Demos.