Skip to main content

Ein geradliniger Querdenker

Im Wortlaut von Dietmar Bartsch,

Foto: dpa

 

 

Dietmar Bartsch erinnert an Lothar Bisky

 

Professor Dr. Lothar Bisky kam 1989/90 als Seiteneinsteiger in die Politik. Als Wissenschaftler hatte er vor allem in der Jugendforschung gearbeitet und sich mit Massenkommunikation beschäftigt. Bis 1990 war er Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Lothar Bisky war von 1993 bis 2000 und von 2003 bis 2007 Vorsitzender der PDS/Linkspartei.PDS und zwischen 2007 und 2010 gemeinsam mit Oskar Lafontaine erster Vorsitzender der Partei DIE LINKE. Er stand an der Spitze des Landesverbandes Brandenburg unserer Partei und war Vorsitzender der Partei der Europäischen Linken. Lothar Bisky gehörte der letzten DDR-Volkskammer und dem Deutschen Bundestag an, er war Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender im Landtag Brandenburg und im Europäischen Parlament. Am 17. August würde er, der vor drei Jahren verstorben ist, 75 Jahre alt werden. Ich hatte das große Glück, mehr als zwanzig Jahre mit ihm zusammenzuarbeiten. Lothar ist mir ein guter Freund geworden. Sein Tod schmerzt bis heute, der Verlust ist spürbar bis in unsere Tage.

 

Gegen den Strom

Zweimal sei er gegen den Strom geschwommen, hat Lothar einmal festgestellt. Zunächst 1959, als er sich achtzehnjährig aus Schleswig-Holstein allein in die DDR aufmachte. Er wollte die Bräsigkeit der Adenauer-Republik nicht länger ertragen. Ein karges Landleben und das eher zufällig gelesene »Kommunistische Manifest« ließen von Chancengleichheit träumen, Abenteuerlust tat ein Übriges. Und dann 1989: Auf dem außerordentlichen Parteitag der SED/PDS sprach Lothar Bisky von der Verantwortung seiner, unserer Partei für die existenzgefährdende Krise des Landes und entschuldigte sich gegenüber dem Volk. Zugleich sah er die Chancen einer Erneuerung, wofür er sich fortan einsetzte.

Gegen den Strom braucht man Kraft und Courage. Lothar hat sie weit öfter bewiesen als in den beiden von ihm eingeräumten Momenten. An der Filmhochschule verfügte er 1986: Die Schere ist hier nicht länger Dozent! Sein Credo lautete: Wir selbst sind zuständig, Studenten sollen ermutigt und nicht entmündigt werden. Später, als deren Vorsitzender, sah er die sozialistische Partei als einen Ort solidarischen Miteinanders. Erlebt hat er sie nicht immer so. Deshalb wurde er nicht müde, gegen eine denunziatorische Kommunikation anzukämpfen, die Argumente nicht nach dem Inhalt, sondern nach ihrer Herkunft bewertet. Mit großem Eifer konzentrierte er sich auf ihm Wichtiges.

Als das Soziale unter der Schröder-Fischer-Regierung immer mehr unter die Räder geriet, die Linke zugleich zersplitterte und an Einfluss verlor, gehörte Lothar Bisky zu den Initiatoren des Zusammengehens von PDS und WASG. Der frucht- und endlosen Debatten linker Parteien Europas überdrüssig, brachten Fausto Bertinotti und er am Beginn des neuen Jahrhunderts die »Europäische Linke« auf den Weg. Zwei wichtige Aufbrüche und Herausforderungen bis jetzt.

 

Eine seltene Spezies

Im Misstrauen gegen kritische und fragende Leute sah Lothar einen Grundfehler der SED. Das hatte Konsequenzen für seinen Politikstil. Im »Spiegel« war zu lesen, er habe zu der seltenen Spezies Politiker gehört, »die zuhören konnte – mit ehrlichem Interesse an der Meinung, dem Argument des Gegenübers.« Mitunter war er zögerlich, besserwisserisch jedoch nie. Empathie und Toleranz charakterisierten den Politiker Lothar Bisky, der nichtsdestotrotz hart in der Sache sein konnte. In Potsdam hatte er in Manfred Stolpe, Regine Hildebrandt und anderen gleichgestimmte Partner, und bald machte das Wort vom »Brandenburger Weg« die Runde. Selbst das Verhältnis zum preußisch-strammen CDU-Innenminister Jörg Schönbohm war von gegenseitigem Respekt getragen, auch oder gerade wegen oft fundamentaler inhaltlicher Differenzen.

Wie weit weg das vom deutschen Alltag war, musste Lothar Bisky 2005 bitter erfahren, als ihm eine Mehrheit im Bundestag allen Gepflogenheiten zum Trotz das Vertrauen bei der Wahl zum Vizepräsidenten versagte. Noch heute bin ich sehr zornig bei dem Gedanken an diese Tage.

Lothar Bisky war verlässlich und brauchte Verlässlichkeit. Seine Familie liebte er über alles, er ging mit seiner Frau Almuth durch dick und dünn. Die drei Söhne nannten sie ihre größte Bereicherung: ein Feuilletonist, ein Maler und ein Hirnforscher. Letzterer verstarb fünf Jahre vor dem Vater.

Seine Studentinnen und Studenten rühmte Lothar, von ihnen sprach er mit strahlenden Augen. Letztlich seien sie es gewesen, die ihm die Augen für die Realität in der DDR geöffnet hätten. Es war für ihn wohl die größte Auszeichnung seines Lebens, als studentische Filme aus Potsdam-Babelsberg im November 1989 (!) ehrenhalber den Hauptpreis der Leipziger Dokumentarfilmwoche erhielten, die »Goldene Taube«. Als wir 2013 von Lothar Abschied nahmen, hielt Andreas Dresen eine große, eine berührende Rede. Über zwanzig Jahre Politgaleere hätten es nicht vermocht, Bisky zu verderben, sagte sein Schüler. Bis zuletzt, so der international geachtete Regisseur, sei dieser der aufrechte, integre Mensch geblieben, den sie als Studenten verehrt und geliebt hatten.

 

Klöße, Karo und Kartoffelsuppe

Lothar war ein liebenswerter Mensch, seine Marotten eingeschlossen. Zu Letzterem zählte sein Faible, sich stets mit modernster Kommunikationstechnik zu umgeben. Das konnte nerven, weil er in deren Beherrschung nicht immer topfit war. Einige seiner engsten Mitarbeiter treffe ich noch regelmäßig – seine Sekretärin und seine Referentin, seine Pressesprecherin und seinen Kraftfahrer. Über »Cheffe« habe ich von ihnen nie ein schlechtes Wort gehört. Lothar Bisky brauchte und förderte ein Klima des Vertrauens und der Freundlichkeit. So konnten sogar im politischen Getriebe Freundschaften wachsen. Legendär ist die Potsdamer »Troika«, zu der neben Bisky Heinz Vietze und der so früh verstorbene Michael Schumann zählten. Die drei lebten eine neue politische Kultur, geprägt durch Geist und Leidenschaft. Gemeinsam haben sie gekämpft und gelacht, mitunter wie Hunde gelitten und wie Kesselflicker gestritten.

Lothar brachte Einsatz und Abstand gut unter einen Hut. Ihn habe, war in einem Porträt zu lesen, eine »gewinnende Mischung aus Sarkasmus und Melancholie« charakterisiert. Gelegentlich hat er das Politikgetriebe, all die Konferenzen und Kampagnen, Grabenkämpfe und Sonntagsreden, die »Welt der belegten Brötchen« genannt. Welch eine Marter für einen Schöngeist und Genießer! Dabei ging es ihm nicht um das Extravagante. Von Thüringer Klößen mit Gänsebraten (in dieser Reihenfolge!) wusste er ebenso zu schwärmen wie von Kartoffelsuppe und Krustenbraten. Beim Havanna Club oder Single Malt Whisky durfte es dann schon etwas edler sein. Geraucht hat er das billigste Kraut, Karo. Das war seinem Image zuträglicher als seiner Gesundheit. Für seinen letztlich kaum erlebten Ruhestand standen viele Bücher bereit und vor allem unzählige Filme, die er (wieder) sehen wollte, von Kurt Maetzig, Margarethe von Trotta und Konrad Wolf, von Ken Loach und Stanley Kubrick, von Sergej Eisenstein und Andrzej Wajda und ...

 

So viele Träume

Ein begnadeter Redner war Lothar Bisky nicht. Aber nach eigener Aussage ein Schildbürger, zumindest seit er im sächsischen Schildau ein marodes Häuschen ausgebaut hatte. Wie beides zusammenpasst? Beispielsweise bei einem Streich auf dem schon erwähnten außerordentlichen Parteitag. Emotionslos hatte er einen Bericht heruntergenuschelt, die Delegierten murrten und verlangten eine gründliche Überarbeitung. Lothar zog sich zurück, änderte ein, zwei Stellen und trug selbige mit Verve vor. Großer Beifall, große Zustimmung.

Allerdings: Ein Blender war er nicht. Eher ein geradliniger Querdenker. Seine Erinnerungen, 2005 bei Rowohlt erschienen,  stellte er unter einen Filmtitel  von Heiner Carow: »So viele Träume«. Im Film befreit sich eine Frau von traditionellen Wertvorstellungen. Das mochte Lothar.

 

erschienen im Disput, Juli 2016

Auch interessant