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»Die Ostdeutschen haben diese Republik verbessert«

Nachricht von Susanna Karawanskij,

Fotostrecke auf Flickr

Mehr als 120 Menschen jeden Alters waren zur Ostdeutschland-Konferenz ins plüschige Ambiente des CK Ballhaus gekommen, um bei Wein und Bier über (ost-)deutsche Spannungsverhältnisse zu diskutieren. Einleitend stellte der Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch klar, dass es für DIE LINKE existenziell sei, weiter am Osten dranzubleiben. Wir wollen im Osten Volkspartei bleiben, so Bartsch. Doch dabei müsse der Blick nach vorn gehen und dürfe sich nicht auf Geschichte reduzieren.

Susanna Karawanskij, Ost-Koordinatorin der Linksfraktion, moderierte zwei lockere Frage-Antwort-Runden zwischen Podium und Publikum zum Thema Selbstbewusstsein und gekränkter Ost-Seele sowie Spannung zwischen Metropolen und ländlichen Räumen.

"Verdammte Hacke, ich bin 1990 nicht vom Baum gefallen", sagte die Parlamentarische Staatssekretärin und Ost-Beauftragte der Bundesregierung Iris Gleicke zu Beginn, und spielte damit auf die fehlende Anerkennung ostdeutscher Biographien in der gesamtdeutschen Bundesrepublik an. Die Ostdeutschen haben diese Republik verbessert, so Gleicke, weil gerade die Ost-Frauen mit ihrem Selbstbewusstsein viele Debatten bereicherten, beispielsweise beim Paragraphen 218 oder der Frauenerwerbsarbeit.

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer wendete ein, dass es eben kein Kollektivsubjekt 'Ostdeutsche' oder 'Westdeutsche' gebe. Doch auch er stimmt Gleicke zu, dass der ostdeutsche Erfahrungsschatz dauerhaft marginalisiert werde. Lederer spricht von einem "verschissenen Shitstorm", den er immer dann zu spüren bekomme, wenn ihm Ossi-Interessenvertretung vorgeworfen werde – beispielsweise bei der Volksbühne, während sein Engagement im Berliner Westen als selbstverständlich gelte.

Auf eine Frage aus dem Publikum, wie man denn die Tatsache verändern könne, dass nur zwei Prozent aller gesamtdeutschen Eliten Ostdeutsche seien, gab sich Lederer ernüchtert: Eliten reproduzierten sich eben selbst und vielen Ossis fehlten bestimmte Kulturtechniken, um in westdeutschen Eliten mitzuhalten. Iris Gleicke sagte, dass sie eine Ost-Quote jedenfalls ablehne.

In der zweiten Runde erzählte die aus Hoyerswerda stammende feministische Bloggerin Nadine Lantzsch von ihrem Besuch eines DDR-Museums und stellte fest, dass es diese institutionalisierten Orte für Westdeutsche gar nicht gebe. Die DDR, das Ostdeutsche hingegen befände sich wie kulturelle Artefakte im Museum. Anders als ihre Eltern aber hatte sie nie das Bedürfnis, sich für die rassistische Gewalt von 1991 in ihrer Heimatstadt rechtfertigen zu müsse. Der ostdeutsche Rechtsextremismus ziehe sich durch alle Schichten, die rassistischen Denkmuster in DDR und BRD hätten sich ja auch nicht viel genommen, so Lantzsch

Die Autorin Sabine Rennefanz zeigte sich genervt von einfachen Ost-West-Zuschreibungen. Andererseits sei aber im Osten auch Heimat verloren gegangen. Wie viele Zeitungen bildeten heute noch Ost-Diskurse ab, fragte Rennefanz? Ostdeutschland komme doch nur bei Negativ-Schlagzeilen vor. Die Ostdeutschen als ‚abgehängt‘ zu bezeichnen, sei jedoch auch nur ein Ausdruck von Denkfaulheit. Allein die ostdeutsche Herkunft reiche als Gemeinsamkeit für Politik nicht aus, sondern wichtig sei auch eine Idee für die Zukunft.

Susanna Karawanskij betonte, dass die Linksfraktion den Osten in die Zukunft denkt. Politik für Ostdeutschland ist bei uns unauflösbar mit antirassistischer und feministischer Politik verwoben, sagte Karawanskij. Nur dann könne es gleichwertige Lebensverhältnisse geben.

Am Abend trug die Rapperin Pyranja ihre Songs vor. Bei "Made in GDR/Museum im Kopf" waren selbst die ältesten Gäste begeistert.