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Die Erwartungen sind sehr hoch

Im Wortlaut von Gesine Lötzsch,

Foto: Uwe Steinert

 

 

Von Gesine Lötzsch, die am 22. September in Berlin-Lichtenberg zum vierten Mal das Direktmandat errungen hat

Eine solide Wahlauswertung ist für mich noch gar nicht möglich. Die Eindrücke sind noch zu frisch. Die Zahlen muss man sich sehr genau anschauen und keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich kann hier nur über meine Wahlkampfimpressionen schreiben.

"Wahlkampf 2.0" war in Berlin-Lichtenberg unsere Forderung an uns selbst. Und so haben wir es auch gemacht. Der Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern auf der Straße prägte unseren Wahlkampf an über 100 Infoständen und auf Kinderfesten. Wir waren morgens, mittags und abends auf den Straßen. Unsere vielen Kinderfeste waren ein echter Anziehungspunkt für junge Familien. Unsere Aktionen waren frisch und lebensfroh. Ich kann mich an keinen Wahlkampf in diesem Jahrtausend erinnern, an dem so viele Genossinnen und Genossen mit solcher Leidenschaft bis zum Wahlsonntag gekämpft haben. Paul, unser jüngster Unterstützer, war erst 13 Jahre alt. Er verteilte so freundlich und offensiv unsere Flugblätter, dass man gar nicht glauben wollte, dass es sein erster Wahlkampf war.

Wir haben in Gesprächen mit den Bürgerinnen und Bürgern viel Zustimmung erlebt, aber es wurden auch sehr hohe Erwartungen an uns formuliert: Die Menschen wollen nicht länger auf einen Mindestlohn und Rentengerechtigkeit warten. Sie erleben, wie ihre Renten von steigenden Mieten und Stromkosten aufgefressen werden. Die Ungeduld und die Frustration ist bei vielen Menschen groß. Nicht wenige haben die Geduld verloren und sind zur AfD oder in das Nicht-Wählerlager abgewandert. Darüber müssen wir nachdenken.

Eine erste Lehre aus dem Wahlkampf ist für mich, dass wir komplexe Widersprüche einfacher erklären müssen. Dafür müssen wir uns in Zukunft mehr Zeit nehmen. Im Sinne von Albert Einstein: Wir müssen die Dinge so einfach wie möglich erklären, aber nicht einfacher.

Eine zweite Lehre ist, dass Menschen unseren Finanzierungsvorschlägen skeptisch gegenüberstehen. Es gibt einfach nicht den zwingenden Zusammenhang, dass eine Milliarde Euro Mehrforderung der LINKEN zu einer Million mehr Wählerinnen und Wählern führt. Im Gegenteil, wir haben offensichtlich ein finanzpolitisches Glaubwürdigkeitsproblem.

In Lichtenberg habe ich zum vierten Mal das Direktmandat für DIE LINKE gewonnen. Lichtenberg, aber auch Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick sind keine Selbstläufer. Prenzlauer Berg schon gar nicht. Wir müssen in Ost-Berlin genauso um jede Stimme kämpfen, wie in jedem anderen Wahlkreis unserer Republik. Uns wird nichts geschenkt.

Die, die uns ihre Stimme gegeben haben, erwarten jetzt sehr viel von uns. Auch wenn wir jetzt Oppositionsführer sind, wird es nicht leichter, unsere Forderungen durchzusetzen. Doch wir müssen in dieser Legislaturperiode liefern. Die Menschen wollen Ergebnisse sehen. Dazu müssen unsere Forderung so klar, so plausibel und so logisch sein, dass selbst die Kanzlerin keinen Grund findet, unsere Vorschläge abzulehnen. 

 

linksfraktion.de, 24. September 2013