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Ein Rentnerehepaar als Miniaturfiguren auf einem Haufen Euro-Münzen © iStock/macgyverhh

Deutschland geizt bei der Rente

Im Wortlaut von Matthias W. Birkwald,

Die derzeit regelmäßig vorgetragenen apokalyptischen Berichte über das Ende der Finanzierbarkeit der gesetzlichen Rentenversicherung entbehren jeglicher Grundlage. Die häufig zitierten 100 Milliarden Euro an Bundesmitteln, die jährlich an die Gesetzliche Rentenversicherung gehen, werden einfach in den luftleeren Raum geworfen, sodass jeglicher Vergleichsmaßstab verloren geht. Betrachtet man die von mir bei der Bundesregierung erfragten Zahlen in gesamtwirtschaftlicher Perspektive, geizt Deutschland sogar bei den Ausgaben für seine Seniorinnen und Senioren.

Das Verhältnis der Ausgaben für Altersrenten zum Bruttoinlandsprodukt lag 2019 in Deutschland mit 9,3 Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 10,0 Prozent. Von Italien (12,7 Prozent), Frankreich (12,1 Prozent) oder Österreich (11,6 Prozent) sind wir meilenweit entfernt und auch das in der rentenpolitischen Debatte derzeit omnipräsente Schweden wendet mit 9,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts einen höheren Anteil des erwirtschafteten Wohlstands für die Absicherung seiner Rentnerinnen und Rentner auf.

Die Zahlen zeigen es deutlich:

Die Haltelinie beim Rentenniveau von 48 Prozent ist im internationalen Vergleich ein Armutszeugnis. Wir brauchen jetzt eine Debatte über ein solide finanziertes Rentenniveau von 53 Prozent. Die Qualität eines Rentensystems bemisst sich selbstverständlich nicht allein an dem Verhältnis der Ausgaben für die Alterssicherung am Bruttoinlandsprodukt. Aber die von mir bei der Bundesregierung erfragten Zahlen beweisen, dass entgegen der von Arbeitgeberseite und wirtschaftsnahen Professoren regelmäßig vorgebrachten und in der Presse publizierten Thesen die Rentenausgaben in Deutschland eben nicht unverhältnismäßig hoch sind oder gar durch die Decke gehen. Die Tatsache, dass Deutschland unter dem EU-Durchschnitt liegt, ist umso beachtlicher, da die Bundesregierung auch Leistungen anderer Alterssicherungssysteme, wie beispielsweise die Beamtenpensionen, mitgezählt hat. Werden nicht nur Altersrenten, sondern auch Erwerbsminderungs- und Hinterbliebenenrenten mitgezählt, liegen die Rentenausgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt hierzulande mit 12,0 Prozent ebenfalls spürbar unter dem EU-Durchschnitt von 12,7 Prozent. Das darf nicht so bleiben. Die Alten müssen uns mehr wert sein.

Wagt man den Blick in die Glaskugel, wie es die EU-Kommission regelmäßig in ihrem Aging-Report tut, den in Deutschland niemand zur Kenntnis zu nehmen scheint, so werden die gesamten Rentenausgaben (in einer etwas anderen Abgrenzung) trotz des demographischen Wandels bis 2045 nur moderat um zwei Prozentpunkte ansteigen und dann bis 2070 voraussichtlich konstant bleiben.[1]

Auch der neue OECD-Bericht „Pensions at a Glance“ zeigt es:

Deutschland liegt auch bei den sogenannten Bruttoersatzraten am Ende des rentenpolitisch Möglichen. Die Bruttoersatzrate beschreibt das Verhältnis der Rentenleistung zum letzten Erwerbseinkommen vor Renteneintritt. Die OECD berechnet die Bruttoersatzrate anhand des typisierten Falles, dass eine Person im Jahr 2020 ihre Berufslaufbahn begann und bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze zum jeweils geltenden Durchschnittsgehalt durchgehend beschäftigt sein wird. Deutschland liegt hierbei mit einer Bruttoersatzrate von 41,5 Prozent weit abgeschlagen hinter dem OECD-Durchschnitt von 51,8 Prozent und noch weiter hinter dem EU-27-Durchschnitt von 54,3 Prozent.


[1]The 2021 Ageing Report. Economic & Budgetary Projections for the EU Member States (2019-2070), S. 68 und Grafik S. 69.

 

 

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