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Foto: picture alliance/SvenSimon/FrankHoermann
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Der Wirecard-Skandal: Wir haben als Erste gewarnt

Im Wortlaut von Fabio De Masi,

Das Wirecard-Fiasko ist eine Blamage für den deutschen Finanzplatz. Fast 2 Milliarden Euro fehlen in der Bilanz des Megakonzerns. Während die Finanzaufsicht gepennt hat, hat sich der größte Skandal in der Geschichte der Deutschen Börse ereignet.

Im Jahr 2018 feierten alle das erste deutsche Börsenwunderkind Wirecard. Der Konzern verdrängte gerade die Commerzbank aus dem Deutschen Aktienindex. Wirecard ist ein FinTech Unternehmen. Diese wickeln Zahlungen ab, sammeln dabei unsere Daten und nutzen Technologie, um abzuschätzen, wie hoch das Risiko ist, dass Zahlungen von Kunden ausfallen. Im selben Jahr noch winkten die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young den Jahresabschluss des Unternehmens durch. Bei Wirtschaftsprüfern gibt es starke Interessenkonflikte, denn sie werden von den sie beauftragenden Unternehmen selbst bezahlt.

Doch schon 2016 gab es erste Vorwürfe gegen das Unternehmen. Englische Leerverkäufer schrieben im Zatarra-Bericht von aufgeblähten Bilanzen und Tricksereien. Wirecard wurde groß mit der Abwicklung von Zahlungen für besonders riskante Geschäfte: Pornos und Onlinewetten. Weil sich bei einer automatisierten Freigabe des Zahlungsverkehrs legale Pornographie von illegaler Kinderpornographie von den Computerprogrammen nicht unterscheiden lässt, lehnen andere Zahlungsdienstleister diese Branche komplett ab. Bei Onlinewetten sind Kunden häufiger säumig, sodass auch das Online-Glücksspiel als sehr riskant gilt. Das Prinzip Wirecard war aber: Je mehr Umsatz, desto geringer das Risiko von ein paar faulen Äpfeln. Wie ein Schneeballsystem.

Die negative Berichterstattung der Leerverkäufer hatte fallende Kurse des Konzerns zur Folge. Die Finanzaufsicht BaFin reagierte prompt und erstattete Anzeige – allerdings gegen die Leerverkäufer. Im Jahr 2019 dann berichteten Journalisten der Financial Times über Unstimmigkeiten in der Finanzbuchhaltung im Asiengeschäft des Weltkonzerns. Nun teilte die BaFin auch gegen die Journalisten aus. Diese würden angeblich mit den Leerverkäufern kooperieren. Denn letztere machen Profite, indem sie auf fallende Kurse wetten und profitieren von der negativen Berichterstattung. Bis heute konnte jedoch nicht nachgewiesen werden, dass Journalisten Spekulanten vorab über ihre geplante Berichterstattung informiert hätten.

Wirecard wurde von der Aufsicht nicht genauer ins Visier genommen und sprach selbst von einer üblen Kampagne, die gegen sie geführt werde. Die Finanzaufsicht BaFin reagierte unüblich scharf, indem sie ein kurzzeitiges Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien verhängte. Leerverkäufer konnten so keine Gewinne mit den fallenden Kursen mehr machen.

Wirecard sah sich wiederum falscher Kritik ausgesetzt und beauftragte das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG, einen Bericht über das Asiengeschäft zu schreiben. Dieser Bericht fiel allerdings anders aus, als geplant: KPMG stellte fest, dass die Herkunft von etwa einer Milliarde Euro in der Bilanz nicht nachweisbar war. Die Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek schönten dieses Ergebnis jedoch vor ihren Anlegern. Seitdem wird gegen beide wegen Irreführung ermittelt.

Die Linksfraktion hat als einzige Fraktion im Bundestag frühzeitig mehrere kritische Anfragen zu den Vorwürfen gegen Wirecard und der Rolle der BaFin gestellt. Eines ist klar: Eine Finanzaufsicht muss Leerverkäufe untersagen dürfen. Denn große Investoren können auch gesunde Unternehmen platt machen und sicher haben einige Leute mit den schlechten Nachrichten über Wirecard Geld verdient. Aber dennoch ist es Aufgabe der Finanzaufsicht, in alle Richtungen ermitteln.

Im Juni 2020 folgte dann der große Knall: Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young stellten fest, dass fast 2 Milliarden Euro in der Bilanz von 2019 der Wirecard AG fehlten. Angeblich seien diese auf Treuhandkonten in Asien hinterlegt. Das war aber nicht nachzuweisen. Gegen Markus Braun und Jan Marsalek liegt jetzt ein Haftbefehl vor. Markus Braun ist auf Kaution frei, Jan Marsalek hat sich abgesetzt.

Die Wirecard AG hat Insolvenz angemeldet. Viele Kleinanleger haben ihre Ersparnisse verloren. Außerdem stehen über die Commerzbank und die KfW-Bank, die beide Anteile an der Wirecard AG halten, Millionen Euro Steuergelder im Feuer.

Viele Fragen sind noch offen. Die Befragung der BaFin im Finanzausschuss war nicht befriedigend. Zum Beispiel hat die Finanzaufsicht die Wirecard AG gemeinsam mit der Bundesbank als Technologiekonzern eingestuft. Wäre das Unternehmen als Finanzholding eingestuft worden, so hätte die BaFin bessere Informationen über das Unternehmen erhalten. Diese Tür hat sich die Aufsicht aber selbst zugemacht. Mittlerweile gäbe es Überlegungen, die Wirecard AG doch als Finanzholding einzustufen. Rechtlich hat sich aber nichts verändert. Es bleibt daher fraglich, warum die BaFin nicht früher gehandelt hat.

Auch gesetzlich muss sich etwas ändern. Wir brauchen bessere und strengere Kontrollen von Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Diese sind in einem ständigen Interessenkonflikt, weil sie häufig von den gleichen Unternehmen bezahlt werden, die sie kontrollieren sollen und diese außerdem beraten. Das Haftungsprivileg, wonach Wirtschaftsprüfer nur mit 1 Millionen bzw. 4 Millionen Euro haften, gehört reformiert.

Außerdem brauchen wir eine Finanzaufsicht, die auf die digitalen Geschäftsmodelle der neuen Finanzkonzerne passt. Die Finanzaufsicht muss sich umfassend für Unternehmen zuständig fühlen, die Finanzgeschäfte machen. Es muss auch Konsequenzen an der Spitze der BaFin geben. Der Finanzminister muss eingreifen und die Rolle des Finanzministeriums in diesem Skandal gehört lückenlos aufgeklärt!