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Den 9. November darf man nicht vertrinken

Im Wortlaut von Petra Pau,

Petra Pau, Vizepräsidentin des Bundestages und Mitglied des Vorstandes der Fraktion DIE LINKE, erinnert an die wechselvolle Bedeutung des 9. November in der deutschen Geschichte

Der 9. November gilt als historisch. Was haben Sie eigentlich an dem Abend gemacht, als 1989 die Mauer geöffnet wurde?

Petra Pau: Diese Frage hat einen Bart. Sie wird mir seit Jahren gestellt. Noch mal in Kurzfassung: Ich bin schlafen gegangen und habe mich tags darauf gewundert.

Worüber?

Als ich in Berlin-Mitte aus der S-Bahn stieg, um zur Arbeit zu gehen, gingen andere in Richtung West-Berlin weiter. Das machte mich stutzig.

Sie haben die Wende in der DDR verschlafen?

Nein, ich habe sie erlebt. Der 9. November, die Öffnung der Grenze, hat zwar manches gewendet, das war aber nicht die Wende.

Was war dann die Wende?

Darüber streiten sich die Geister. Fakt ist: In der DDR gärte es zunehmend. Die da oben konnten nicht mehr, und die da unten wollten nicht mehr. Eine klassische Situation, mit weltbewegenden Folgen.

Und wie haben Sie die Wende erlebt?

Ich habe das einmal so beschrieben: "Es war eine Zeit, in der öffentliche Belange öffentlich ausgehandelt wurden, in der Bewegung in scheinbar unverrückbare Machtverhältnisse kam, in der Journalisten ihre gewonnene Freiheit in den Dienst der Aufklärung stellten, in der die Opposition regierte und die Regierung opponierte, in der die Bürgerschaft hoch interessiert war, in der das Politische ungeahnte Urständ feierte."

Das klingt nach Stuttgart 21 oder nach Anti-Atom-Protesten im Wendland.

Das ist sehr übertrieben. Aber es brodelt wieder, das stimmt.

Trotzdem war der 9. November 1989 ein Schlüsseldatum. Gelegentlich wird angeregt, daraus einen Feiertag zu machen. Was spricht dagegen?

Die Frage ist ernst gemeint?

Ich stelle sie.

Nehmen wir den 9. November im deutschen Kalender: 1918 begann die November-Revolution, verbunden mit den Namen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. 1923 versuchte Hitler, die Weimarer Republik weg zu putschen. 1938 wurde mit faschistischen Pogromen gegen Jüdinnen und Juden getestet, ob die Mehrheit der Deutschen den geplanten Holocaust duldet. Und fünfzig Jahre später, 1989, wurde die deutsch-deutsche Grenze geöffnet. Kann man das alles zusammen feiern? Man darf es nicht.

Was ist Ihnen der wichtigste all dieser Termine?

Der 9. November 1938. Ein Volk, eine Religion, eine Kultur, alle Jüdinnen und Juden sollten ausgerottet werden. Und Millionen wurden es auch - im Namen einer nationalistischen Leitkultur. Das darf man nicht an Einheits-Bier-Tischen wegtrinken.

Die Idee einer deutschen Leitkultur feiert dennoch Urständ.

Das ist schlimm und gefährlich. Ich halte es mit dem Ressortchef Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl. Er schrieb: "Leitkultur ist eine Kultur des Zusammenlebens. Sie heißt Demokratie. Sie heißt Rechtsstaat. Sie heißt Grundrechte." Mehr nicht und nicht weniger.

Trotzdem ist die Debatte aktuell.

Und sie wurde aufgeheizt. Durch Sarrazin, durch fast alle Medien und durch zustimmende Reaktionen aus der Bundespolitik, jüngst von Seehofer. Dabei wurde allen Deutschen mitgeteilt, Muslime an und für sich seien dumm, faul und gefährlich. Man müsse sie fern halten oder härter an die Kandare nehmen.

Zurück zum 9. November.

Wir sind beim 9. November. Bevor 1938 die Synagogen brannten, wurden Jüdinnen und Juden systematisch diffamiert und ausgegrenzt.

Ich wollte Sie nach dem 9. November 2010 fragen.

"Gleis 17" ist eine Gedenkstätte am Bahnhof Berlin-Grunewald. Von dort aus wurden tausende Jüdinnen und Juden in Konzentrationslager und Gaskammern transportiert. Preußisch korrekt nach Fahrplan der Deutschen Reichsbahn, deren Gewinn sich übrigens pro Kopf der Todgeweihten berechnete.

Sie sind gebeten worden, beim Gedenken am "Gleis 17" als Vizepräsidentin des Bundestags zu sprechen.

Wichtiger ist, dass sich dort seit Jahren bei Wind und Wetter Schülerinnen und Schüler sowie Polizeianwärterinnen und –anwärter gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde treffen, um die Geschichte wach zu halten. 

Interview: Rainer Brandt

linksfraktion.de, 8. November 2010

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