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Deine soziale Herkunft – deine Chancen in der Bildung – Fatale Bildungsspirale

Im Wortlaut von Rosemarie Hein,

Kommentar zum gestern veröffentlichten "Chancenspiegel" der Bertelsmann-Stiftung zur Vergleichbarkeit der Chancengerechtigkeit in der Bildung in den einzelnen Ländern

Von Rosemarie Hein, Mitglied im Bildungsausschuss und Sprecherin für Allgemeine Bildung der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

 


Da ist er wieder, der Aufschrei der Gesellschaft. Nun tönt es in aller Munde, dass in der von Schavan ausgerufenen Bildungsrepublik der Bildungserfolg maßgeblich durch die soziale Herkunft bestimmt ist. Einmal im Strudel des Aussortierens gelandet, besteht kaum die Chance, wieder herauszukommen. Die Anzahl der Bücher und der damit gemessene Bildungsgrad sowie das soziale Umfeld der Eltern bestimmen maßgeblich den Bildungserfolg ihrer Kinder. Die Befunde im „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung sind nicht neu. Zwischen PISA-Schock und Chancenspiegel, also über ein Jahrzehnt ist nicht viel passiert. Allein die Reaktionen und Gegenstrategien aus der Politik blieben aus oder waren nicht mehr als hilflose Flickschusterei. Da wurden von Bund und Ländern massenhaft Programme erfunden, die aber wenig bewirkten. Integration, Inklusion, Chancengleichheit – weit gefehlt!

Die Ergebnisse des Vergleichs der Chancengerechtigkeit zeigen erhebliche Schwankungen zwischen den einzelnen Ländern. Dabei hat sich aber keines mit Ruhm bekleckert. Zum Beispiel sind in Bayern und Baden-Württemberg die Chancen für Kinder aus reichen Akademikerhaushalten sechsmal höher auf das Gymnasium als Kinder aus Arbeiterfamilien, und das bei gleicher Leistung. Und in Nordrhein-Westphalen erhalten nur 37 von 100 Schülerinnen und Schülern mit einem Hauptschulabschluss die Chance auf eine duale Ausbildung. Und die KMK? Die versucht mit aller Kraft, den Forschern Datenmaterial zur besseren Vergleichbarkeit zur Verfügung zu stellen. Die Gründe liegen auf der Hand.

Abschieben, Aussortieren von sozial schlechter gestellten Schülerinnen und Schülern und teure Exzellenzinitiativen für die Elite, das kann die Bildungsrepublik. Wie paradox! Doch Chancengerechtigkeit gehört ganz und gar nicht zu ihren Prädikaten – gleich, ob es sich um die Chancen für einen höheren Bildungsabschluss, die Zahl der  Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Schulabschluss oder den Anteil der Kinder mit Förderbedarf in Regelschulen handelt.

Es geht dabei um nicht weniger als die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland und soziale Mindeststandards, an die sich alle Länder halten müssen. Und es geht um ein Umdenken in den Köpfen. Aber vielleicht hilft es ja, dass es nun auch die Bertelsmann-Stiftung sagt, und bewirkt endlich ein Umdenken bei den Bewahrern des konservativen Schulsystems aus dem vorvergangenen Jahrhundert. Moderne Bildung braucht Vielfalt und individuelle Förderung, braucht hohe Bildungsqualität und bessere Rahmenbedingungen für Lehrende und Lernende. Das geht am besten in einer Gemeinschaftsschule, die ohne Restriktionen und Ausgrenzung auskommt.

linksfraktion.de, 13. März 2012

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