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Foto: Stadtratte

Covid-19 und sexuelle Minderheiten in Uganda und Südafrika 

Kolumne,

Auf den ersten Blick erscheint die Situation auf dem afrikanischen Kontinent im Vergleich zu europäischen Ländern bisher nicht so schlimm. Die Statistik spricht von mehr als 60.000 registrierten Infektionen und von über 2.200 Todesfälle aufgrund von Covid-19. Doch der Schein trügt. In den wenigen Ländern, in denen das systematische Testen begann, schnellen die Zahlen in die Höhe.

Vorbildlich ist Südafrika. Hier begannen die Tests auch in armen Regionen. Bei insgesamt 56 Millionen Einwohnern gab es bislang über 9.500 nachgewiesene Infektionen und mehr als 200 Verstorbene. Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas, in Nigeria mit knapp 200 Millionen Einwohnern, zählte man dagegen bislang nur etwa 4.000 Infektionen und 120 Todesfälle. Das glaubt niemand. Die Zahl der Infizierten wird weit höher liegen.

Fachleuten gehen davon aus, dass die wirklichen Zahlen um ein Vielfaches höher sind, und dass die Explosion von Erkrankungen schon in einigen Wochen unüberschaubar sein wird. Zahlreiche Staaten Afrikas versuchen den dortigen Lockdown mithilfe des Militär durchzusetzen. Zwei Hindernisse jedoch machen das kaum möglich. Zum einen erlauben die Wohnverhältnisse in den riesigen Townships und Slums keinerlei Selbstisolation. Zum anderen existieren nicht einmal minimale hygienische Bedingungen, es fehlt fließendes Wasser, oft teilen sich mehrere Familien eine Toilette.
 
Darüber hinaus sind in den meisten afrikanischen Ländern die Gesundheitssysteme kaum in der Lage, die Erkrankten zu versorgen. In Südafrika, einem der stabilsten Länder des Kontingents, würden landesweit maximal 3.000 Intensivbetten zur Verfügung stehen. Erwartet werden jedoch rund 500.000 Corona-Patienten, und etwa 100.000 würden eine intensive medizinische Betreuung benötigen.

Rechte in der Verfassung garantiert, aber ...

In Südafrika gibt es einen in der Verfassung garantierten Schutz auch für sexuelle Minderheiten. Trotzdem berichten lesbische Mädchen und Frauen, Vertreter und Vertreterinnen der LGBTIQ* Gemeinschaften, dass sie durch die erzwungene Heimkehr in die Familie, aus der viele zuvor geflohen waren, von häuslicher Gewalt bedroht sind. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten, weil alle sozialen Treffpunkte bis auf Weiteres geschlossen wurden. Extrem ist die Situation in Uganda. In dem ostafrikanischen Land wird schon jeder und jede mit hohen Gefängnisstrafen belegt, der oder die öffentlich sexuelle Minderheiten unterstützt. Im Parlament werden immer und immer wieder Anträge eingebracht, um die Todesstrafe für homosexuelles Verhalten einzuführen. Offiziell gibt es in Uganda derzeit nur 116 Infektionen, keine Covid-19-Verstorbene. Das Land zählt etwa 43 Millionen Einwohner. Mit den Lockdown-Vorschriften sind außerdem vermehrt Übergriffe auf Schutzeinrichtungen obdachloser LGBTIQ* Menschen zu verzeichnen. Frank Mugisha, Direktor Sexual Minorities of Uganda, berichtet, dass die Pandemie die queere Community am härtesten trifft. Am 29. März 2020 wurden 23 Bewohner eines Shelter verhaftet, weil sie angeblich die Vorschriften des Lockdown verletzt hätten. Zeugen vor Ort berichteten jedoch, dass Nachbarn die Polizei alarmiert hätten, weil es in dem Schutzhaus homosexuelles Verhalten geben würde. Auf einem Handyvideo ist zu sehen, wie der lokale Bürgermeister zwei der jungen Verhafteten schlägt, sie anschreit, um zuzugeben, dass sie homosexuell seien. Eine gute Nachricht aber doch: Auch aufgrund internationaler Proteste wurden alle 19 Verhafteten Mitte Mai freigesprochen. Große Freude der LGBTIQ+ Community im ganzen Land. 

Mehr unter: www.sexualminoritiesuganda.com

Lutz van Dijk ist deutsch-niederländischer Historiker und Autor, er lebt in Kapstadt, Buchveröffentlichungen u.a. »Afrika – Geschichte eines bunten Kontinents«, der aktuelle Roman »Kampala – Hamburg« erschien im Querverlag Berlin

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