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Brennstäbe auf Gasblase

Nachricht von Dorothée Menzner, Kornelia Möller,

Im Untersuchungsausschuss Gorleben berichteten der Geologe Kleemann und der Historiker Tiggemann über die Probleme des geplanten Endlagers mit Gasvorkommen unter dem Salzstock – die Regierungen seit 25 Jahren vertuscht haben.

Der eher unscheinbar wirkende Historiker Anselm Tiggemann zündete am Donnerstag vor dem Untersuchungsausschuss Gorleben eine Bombe. Die hatte die Form eines brisanten Dokuments von 1976, das Tiggemann auf hartnäckige Nachfragen von Dorothée Menzner, Obfrau der Fraktion DIE LINKE im Untersuchungsausschuss, hervorkramte. Es beweist, dass bereits 1976 konkrete Hinweise auf größere Gasvorkommen unterhalb des Salzstocks Gorleben vorlagen. Tiggemann zitierte ausführlich aus einer streng vertraulichen Kabinettsvorlage der niedersächsischen Landesregierung unter Ernst Albrecht von 1976, die wir hier sinngemäß wiedergeben: „Nachdem es im benachbarten Lenzen zu zwei Gas-Explosionen gekommen war, wurden auf DDR-Seite 1969 zwei von drei Bohrungen in 2000 m Tiefe abgebrochen. Nach dem Brand seien vom Bundesgrenzschutz keine weiteren Aktivitäten beobachtet worden. Auf Nachforschung von Ministerialrat Stuhr hätten die westlichen Gasbohrfirmen Preussag und Brigitta Elverat gesagt, dass mit großer Wahrscheinlichkeit Gas in 3.500 m unter Gorleben zu erwarten sei. Die Gasfirmen wollten aber vorerst auf eine Ausbeutung verzichten.“

Der Text wird in vollem Umfang dem Untersuchungsausschuss zu den Akten gereicht. Tiggemann beschrieb auch, in welcher Hektik der Interministerielle Arbeitskreis geriet, als er im Dezember 1976 erstmals von den Gasproblemen erfuhr und unter großem Zeitdruck nach belastbaren Informationen suchen musste. Nach der Gorleben-Standortbenennung wechselte die Zuständigkeit in Niedersachsen vom Wirtschaftsministerium zum Sozialministerium. Und als Ende 1977 in einer Bestandsaufnahme dokumentiert wurde, was man über den Standort Gorleben wusste, fand Tiggemann keine Belege, dass man die Gasfrage weiter bearbeitet habe. Dem Wunsch der Wirtschaft, diese Frage durch Bohrungen zu klären, verweigerte sich die Landesregierung.

Geologe wusste nichts vom Gas

Zuvor hatte der Zeuge Ulrich Kleemann, der bis vor kurzem als Geologe für das Bundesamt für Strahlenschutz tätig war, und mit den Gegebenheiten in Gorleben vertraut ist, auf Nachfrage der Fraktion DIE LINKE erklärt, dass die durch DIE LINKE nun wiederentdeckten Hinweise auf Gasvorkommen auf der DDR-Seite des Salzstocks ihm bislang nicht bekannt waren. „Ich nehme die Gasproblematik sehr ernst“, sagte Kleemann. Er brachte die mögliche Gasblase unterhalb des Salzstocks in einen Zusammenhang mit einer tektonischen Störungszone, über die man ebenfalls noch nicht viel wisse. Auf die Frage, warum man in all den Jahren nicht danach geforscht habe, obwohl es doch in unmittelbarer Nähe sogar Gas gefördert habe, musste Kleemann passen. DIE LINKE haben bereits Aktenbestände zu den Gasvorkommen West und Ost angefordert. Es liegt nahe, dass hier über Jahre grob fahrlässig gehandelt wurde. Es übersteigt die Vorstellungskraft, wenn sich nun herausstellt, dass alles Gerede über Sicherheit in Gorleben unter falschem Vorzeichen stand. Will man wirklich über 100 Grad heiße Brennstäbe über einem Gasfeld einlagern?

Dorothée Menzner und Kornelia Möller, die beide der Sitzung beiwohnten, sind entsetzt über die Skrupellosigkeit, mit der das damalige Kabinett Albrecht diese bedrohlichen Tatsachen vom Tisch gewischt hat. 25 Jahre lang wurde das Thema geheim gehalten und nie weiter nach einer möglichen großen Gasblase unter Gorleben geforscht. Menzner und Möller fordern daher: „Jetzt muss endlich Schluss sein mit dem Alibi-Atommüllprojekt Gorleben. Da die Entsorgung der Deutschen Atomkraftwerke ungelöster ist denn je, müssen die Atomkraftwerke mangels Entsorgungsnachweis sofort abgeschaltet werden“.
 

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