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»Aufwertung der Sozial- und Erziehungsdienste mehr als überfällig«

Nachricht von Jutta Krellmann,

Auswertung der Antwort der Bundesregierung vom 20. März 2015 auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE "Aufwertung der Sozial- und Erziehungsdienste"

 

Zusammenfassung:

Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten in der Berufsgruppe „Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege“ sind Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Ein Drittel der Beschäftigten ist über 50 Jahre alt. Ihr Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht – Tendenz steigend. Der Nachwuchs bleibt offensichtlich aus. Durch die gestiegene Teilzeitarbeit nimmt die durchschnittlich geleistete Arbeitszeit der Voll- und Teilzeitbeschäftigten zudem insgesamt ab. Das Arbeitsvolumen in Millionen Stunden sinkt bei Vollzeit und steigt bei Teilzeit.

Jeder fünfte Beschäftigte hat einen befristeten Arbeitsvertrag; nahezu doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Je jünger die Beschäftigten sind, desto höher ist der Anteil an Befristungen.

Der Anteil der Befristungen bei Neueinstellung liegt gemäß IAB mit 74 Prozent sogar deutlich über dem ohnehin schon hohen Bundesdurchschnitt von 44 Prozent. Die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Die physische und psychische Belastung der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst ist überproportional im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Besonders belastet sind Erzieherinnen in Kitas. Jede/r Fünfte arbeitet an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Personalmangel führt zu Überforderung und damit zwangsläufig zu schlechter Qualität der Kinderbetreuung. 72 % aller Fachkräfte geben an, unter übermäßigem beruflichen Stress zu leiden. Hohe Arbeitsbelastung unter ErzieherInnen sind das Ergebnis einer Studie zum Arbeitsplatz und Qualität in Kindertagesstätten. Dagegen ist die berufliche Belastung immer dann geringer, wenn gute Arbeitsbedingungen vorliegen. Berufsübergreifend wird von rund der Hälfte der Befragten am häufigsten von einem gleich bleibenden Stress bzw. Arbeitsdruck berichtet.

Kommentar von Jutta Krellmann, gewerkschaftspolitische Sprecherin der Fraktion:

„Die Arbeitsbedingungen in den Sozial- und Erziehungsdiensten sind überproportional belastend. Die Rahmenbedingungen sind unterirdisch und der Lohn reicht hinten und vorn nicht. Die Befristungspraxis in dieser Branche ist eine Schande und setzt dem ganzen noch die Krone auf. Miese Arbeitsbedingungen vergraulen Interessierte und sorgen für strukturellen Personalmangel zum Beispiel im Kitabereich. Die Bundesregierung dokumentiert es selbst: Eine Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe ist dringend erforderlich. Dazu zählt eben auch eine bessere Bezahlung. Eine gute Erziehung in der Kita gibt es nur mit guten Arbeitsbedingungen für mehr Personal. “

Ergebnisse im Einzelnen:

  • Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten in der Berufsgruppe „Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege“ sind Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Von den 1.222.425 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (Stand 06.2014) arbeiten 681.414 Beschäftigte (56 %) in Teilzeit und 1.022.633 der Beschäftigten (84 %) sind Frauen (s. Antwort auf Frage 1).
  • Ein Drittel der Beschäftigten ist über 50 Jahre. Ihr Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. 2004 waren es 110.448 (17,6 %), 2014 bereits 382.992 Beschäftigte (31,2 %) (s. Tab. 2 im Anhang).
  • Jeder fünfte Beschäftigte hat einen befristeten Arbeitsvertrag; nahezu doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Je jünger die Beschäftigten sind, desto höher ist der Anteil an Befristungen. Insgesamt ist die Anzahl der befristeten Arbeitsverträge von 163.000 (2004) auf 277.000 Beschäftigte (2013) angestiegen (s. Tab. 3 u. 4 im Anhang):
    • Unter 25 Jährige: 2005 waren 26.000 von 27.000 Beschäftigten befristet (95, 3 %), 2013 noch immer 41.000 von 48.000 Beschäftigten (85,3 %).
    • 25 – 34 Jährige: Befristungsanteil von über 50 % (2005 waren es 68,3 % und 2013 noch immer 56,4 %)
    • Die Befristungspraxis in allen Altersgruppen ist in Ost- und Westdeutschland nahezu identisch: 2013 hatten 20 % in Ost und 21,8 % in west einen befristeten Arbeitsvertrag (s. Tab. 5 im Anhang).
  • Der Anteil der Befristungen bei Neueinstellung liegt gem. IAB mit 74 % deutlich über dem ohnehin schon hohen Bundesdurchschnitt von 44 %, wovon alle Altersgruppen betroffen sind (s. Antwort auf Frage 4, Tab. 6 im Anhang):

o     Insgesamt: 88 % (2004), 74 % (2009), 66 % (2014) || Ø: 74 %

o     unter 25 Jahre: 92 % (2004), 67 % (2009), 84 % (2014) || Ø: 72 %

o     25-49 Jahre: 86 % (2004), 73 % (2009), 60 % (2014) || Ø: 75 %

o     50 +: 87 % (2004), 93 % (2009), 66 % (2014) || Ø: 73 %

 

  • Die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. 2004 waren es noch 26.142 Beschäftigte (4,2 %), 2009 35.090 Beschäftigte (4,9 %) und 2014 bereits 90.614 Beschäftigte (7,4 %) (s. Antwort auf Frage 7).
  • Die physische und psychische Belastung in der Berufsgruppe „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege“ ist überproportional im Vergleich zu anderen Berufsgruppen:

Physische Belastungen
(s. Antwort auf Frage 32, Tab. 46)

Umgebungsbedingte Belastungen (s. Antwort auf Frage 31, Tab. 47)

Psychische Belastungen
(s. Antwort auf Frage 32, Tab. 48)

Zwangshaltung (43,2 % zu
12,5 % andere Berufe)

Arbeit unter Lärm (53,0 % zu 14,3 % andere Berufe)

Verfahren verbessern/Neues ausprobieren (44,1 % zu 23,9 %)

Arbeit im Stehen (62,8 % zu 51,8 % andere Berufe)

Belastungen durch Arbeit unter Lärm (71,2 % zu 63,1 % andere Berufe)

Verschiedene Arbeiten gleich- zeitig betreuen (77,7 % zu 60,0 % andere Berufe)

schwere Lasten heben und tragen (30,9 % zu 20,5 % andere Berufe)

Umgang mit mikrobiologischen Stoffen (27,8 % zu 12,4 % andere Berufe)

Konfrontation mit neuen Aufgaben (43,0 % zu 33,7 % andere Berufe)

 

 

Arbeiten an der Grenze der Leistungsfähigkeit (19,1 % zu 16,5 % andere Berufe)

 

Besonders belastet sind ErzieherInnen in Kitas. Jede/r Fünfte arbeitet an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit (s. Antwort auf Frage 33, Tab. 49). Dieser Personalmangel führt zu schlechter Qualität der Kinderbetreuung und Überforderung (s. Antwort auf Frage 38).

  • 72 % aller Fachkräfte geben an, unter übermäßigem beruflichen Stress zu leiden. Hohe Arbeitsbelastung unter ErzieherInnen sind das Ergebnis der AQUA-Studie (Arbeitsplatz und Qualität in Kindertagesstätten): Die berufliche Belastung ist dann geringer, wenn gute Arbeitsbedingungen vorliegen. Berufsübergreifend wird von rund der Hälfte der Befragten am häufigsten ein gleich bleibender Stress bzw. Arbeitsdruck berichtet (s. Antwort auf Frage 39).
  • Durch die gestiegene Teilzeitarbeit nimmt die durchschnittlich geleistete Arbeitszeit der Voll- und Teilzeitbeschäftigten insgesamt ab. Durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Stunden im Wirtschaftsbereich „Erziehung und Unterricht“ (s. Antwort auf Frage 8, Tab. 11):
    • Insgesamt: 32,0 (2004); 31,5 (2009); 31,5 (2013)
    • Vollzeit: 38,4 (2004); 39,0 (2009); 39,0 (2013)
    • Teilzeit: 21,1 (2004); 21,2 (2009); 22,4 (2013)
    • Männer: 36,5 (2004); 35,5 (2009); 34,7 (2013)
    • Frauen: 31,2 (2004); 30,7 (2009); 30,8 (2013)
    • Ost: 34,5 (2004); 33,7 (2009); 33,9 (2013)
    • West: 31,3 (2004); 30,9 (2009); 30,8 (2013)
  • Das Arbeitsvolumen in Millionen Stunden sinkt bei Vollzeit und steigt bei Teilzeit (+ 13 %) im Wirtschaftsbereich „Erziehung und Unterricht“ (s. Antwort auf Frage 9, Tab. 12):
    • Vollzeit: 1.943 (2004); 1.853 (2009); 1.928 (2013)
    • Teilzeit: 608 (2004); 784 (2009); 868 (2013)
    • Insgesamt: 2.551 (2004); 2.637 (2009); 2.795 (2013)
  • Die meldepflichtigen Arbeitsunfälle haben sich in der Zeit von 2005 bis 2013 mehr als verdoppelt: von 4.476 (4.134 Frauen und 342 Männer) auf 10.645 (9.510 Frauen und 1.135 Männer) (s. Antwort auf Frage 34).
  • Die Hälfte der ErzieherInnen verdient laut WSI-Lohnspiegel weniger als 2.420 €[1]. Diese Information findet sich in der Antwort auf die Kleine Anfrage nicht, da der Kita-Bereich nicht explizit ausgewiesen wird. Stattdessen verweist die Bundesregierung auf den durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst (ohne Sonderzahlungen) im gesamten Wirtschaftszweig „Erziehung und Unterricht“ im Vergleich zu den vier am stärksten von Frauen und Männern dominierten Berufen (s. Antwort auf Frage 13 bis 14, Tab. 35 u. 36):

Branche

2007

2010

2013

Erziehung und Unterricht

2.895

3.136

3.236

 

 

 

 

Branchenvergleich (größerer Frauenteil)

 

 

 

Einzelhandel

1.874

1.943

2.044

Gesundheitswesen

2.627

2.894

3.037

Öffentl. Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung

2.634

2.877

3.087

Heime (ohne Erholungs- und Ferienheime)

1.937

1.995

2.140

 

 

 

 

Branchenvergleich (größerer Männeranteil)

 

 

 

Maschinenbau

3.376

3.470

3.876

Großhandel

2.986

3.160

3.432

Vorbereitende Baustellenarbeiten, Bauinstallation und sonstiges Ausbaugewerbe

2.404

 

2.524

 

2.676

 

Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen

3.568

3.822

 

4.256

 

  • 2014 mussten monatlich 25.000 Beschäftigte aus dem Bereich „Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege“ aufstockende Leistungen durch den Staat in Anspruch nehmen, wofür 146,4 Mio. Euro aufgewendet wurden. Im Bereich „Kinderbetreuung und -erziehung“ betrug im gleichen Jahr die Zahl der monatlichen Aufstocker 14.000 Beschäftigte, wofür 62,3 Mio. Euro aufgewendet wurden (s. Antwort auf Frage 18).
  • Sozial- und Erziehungsarbeit ist eine von Fachkräften dominierende Branche. In der Berufsgruppe „Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege“ arbeiten:
    • 721.000 Fachkräfte (60 %), 304.000 Experten (25 %), 113.000 Helfer (9 %) sowie rund 85.000 Spezialisten (7 %). Stärkste Zuwächse zum Vorjahr gab es bei den Helferberufen (+ 14 %, insgesamt + 5 %). (Verweis auf Nachwuchsmangel)
    • 838.000 Beschäftigte (ca. 70 %) verfügen über anerkannten Berufsabschluss, 249.000 (ca. 20 %) über einen akademischen Abschluss. Restliche 10 %: 7 % besitzen keinen beruflichen Ausbildungsabschluss, 4 % haben keine Angaben gemacht. Geringe Zunahme bei Personen mit anerkanntem Berufsabschluss (+ 40.000) (s. Antwort auf Frage 40).
  • Beschäftigung in Leiharbeit spielt in „Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege“ eher eine unbedeutende Rolle: 2014 ca. 3.000 Beschäftigte (+ 6 % zu 2013) (s. Antwort auf Frage 5).
  • Der Anteil der Niedriglohnbeziehenden ist die vergangen zehn Jahre mit ca. 13 % gleich groß geblieben. Inder Berufsgruppe „Erziehung, Sozialarbeit und Heilerziehungspflege“ waren 2013 62.000 Beschäftigte (13 %) im unteren Lohnbereich tätig, in der Berufsgruppe „Kinderbetreuung und-erziehung“ 38.000 Beschäftigte (15%). Auffallend ist auch hier die Altersgruppe „15-24 Jahre“ am stärksten betroffen, sowie die Beschäftigten in den neuen Bundesländern (s. Antwort auf Frage 16 u. 17, Tab. 16 u. 17)
  • Schlussfolgerungen der Bundesregierung: Weitere Plätze für unter Dreijährige und Ganztagsangebote in allen Altersgruppen sind erforderlich. Dazu werden weitere Fachkräfte benötigt, nicht nur quantitativ sondern mit einer hohen Professionalität. Ziel der Bundesregierung ist es, die Qualität der Kindertagesbetreuung weiter voranzutreiben.
  • Keine Erkenntnisse liegen laut Antwort vom März 2015 der Bundesregierung vor: Arbeit auf Abruf, bezahlte und unbezahlte Mehrarbeit, Höhe der AU-Tage und deren zugrunde liegende Diagnosegruppe, über die Anzahl der AU-Tage in Millionen aufgrund von psychischen Belastungen und durchschnittliche AU-Tage je 100 Versicherte aufgrund von psychischen Belastungen und deren gesamtgesellschaftliche Kosten.


[1] WSI Projekt Lohnspiegel – Arbeitspapier 26/Juli 2014

 

 

 

 

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