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Apokalypse Now oder Energiewende

Im Wortlaut von Johanna Regina Voß,

Von Johanna Regina Voß, Umweltaktivistin und Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag bis 2013
 

 

 

 

Obama – und mit ihm Oettinger, Merkel und Gabriel – sehen durch das Spannungsverhältnis mit Russland die Gelegenheit, die Fracking-Technologie in Europa zu forcieren und ihr in Deutschland überhaupt zum Durchbruch zu verhelfen.  

Unterstützung kommt durch eine Kampagne aus Wirtschaftskreisen. Der Gaskonzern Exxon hat die Errichtung und den Betrieb einer Fracking-Demonstrationsanlage ins Gespräch gebracht, um die von der Bevölkerung abgelehnte Technik salonfähig zu machen. Die danach erfolgten Dementis aus der Politik waren mehr als halbherzig und nicht überzeugend.

Mit Werbung und nun mit Versorgungsängsten soll Fracking salonfähig gemacht werden. Es sind  jedoch keineswegs Befürchtungen und Ängste vor der neuen Technologie, wie die Politiker und Meinungsmacher den Bürgerinnen und Bürgern unterstellen. Und deshalb lassen sie sich auch nicht beiseite schieben. Bierbrauereien, Firmen der Mineralwasserbranche und der ökologischen Landwirtschaft, die vielen Gemeinderäte und Kreistage mit ihren einstimmigen Resolutionen gegen Fracking sowie die über 40 Bürgerinitiativen und die Energiewende-DemonstantInnen wissen nur zu gut, was da durchgedrückt werden soll. Es ist nachweisbar.

Nicht beherrschbare Risiken

In Frankreich zum Beispiel hat das Verfassungsgericht  das landesweite Fracking-Verbot im Oktober 2013 bestätigt. Der Kläger Schuepbach, ein US-Ölkonzern, hatte dagegen geklagt und bestand auf seinen Schürfrechten. Das Gericht belegte jedoch unvertretbare und nicht beherrschbare Risiken für Umwelt und Gemeinwohl. Von den USA bis Sibirien erreichen uns Berichte über katastrophale Umweltschäden und zerstörte Lebensgrundlagen.

Es gibt keine Sicherheit, wenn in 3000 oder 1500 Metern Tiefe das Gestein entlang der horizontalen, kilometerlangen Bohrung aufgesprengt wird, mit Druck von bis zu 1500 bar. Das funktioniert im Schema. Nur in der Wirklichkeit existiert kein homogenes Gestein über Kilometer hinweg. Es gibt Klüfte, Verschiebungen, mitunter alte Bohrungen, die nicht mal kartiert sind. In der Folge sind auch Erdbeben nicht selten, die den Untergrund weiter verändern, so dass Wasserwegsamkeiten entstehen können.

Dänemark hat wegweisende Lösung

Auch die Klimabilanz ist niederschmetternd. Methan ist Hauptbestandteil von Erdgas – und ein hochwirksames Treibhausgas. Der Weltklimarat IPCC nimmt für einen 20-Jahreszeitraum eine 72-mal höhere Klimagefährlichkeit von Methan gegenüber Kohlendioxid an. Andere gehen sogar von einer mehr als 100-fachen Wirkung aus. Überraschend zeigten Untersuchungen Leckagen und ungewollt entweichendes Gas von vier bis acht Prozent. Der Vorteil der geringeren CO2-Emissionen von Erdgaskraftwerken wird durch diese erheblichen Methan-Leckagen beim Fracking schon teilweise wieder zunichte gemacht. Zählt man die zahlreichen Unfälle und die noch größeren Leckagen bei Offshore-Anlagen mit 20 bis zu über 40 Prozent entweichendem Gas weltweit dazu, bricht die Theorie vom Erdgas als "Brücke" zur regenerativen Vollversorgung vollends in sich zusammen. Würden diese Zusammenhänge in die Klimabilanz von Gaskraftwerken eingehen, stünde das Erdgas beinah als Schlußlicht da hinter Kohle, vor Atom.

Dänemark hat eine wegweisende Lösung: Das Nachbarland will bis 2050 aus Öl und Erdgas aussteigen. Seit Anfang des Jahres gilt ein Gesetz, das die Installation von Öl- und Gasheizungen in dänischen Neubauten verbietet. Ab 2016 gilt das auch für den gesamten Altbestand. Ein Förderprogramm beschleunigt die Umstellung – auch in der Industrie. Konversion für die hiesige Ergasindustrie! Das muss eine unserer Forderungen sein.

Fracking trägt nicht zur Energieautonomie bei

Suggeriert wird derzeit, dass die Abhängigkeit von Gas-Importen durch Fracking wesentlich abgebaut werden könnte. Auch hier sprechen die Fakten dagegen: Das Wirtschaftsministerium hat 2010 eine Grafik veröffentlicht, die zeigt, dass mit 240 Frackbohrungen in acht Jahren insgesamt 14 Milliarden Kubikmeter Gas gefördert werden könnten. Das ergibt weniger als zehn Prozent des tatsächlichen Verbrauchs und nützt nichts in Bezug auf Energieautonomie.

Mit acht Fracking-Ingenieuren stand ich am Rande einer Veranstaltung in Salzwedel zusammen. Sie arbeiteten für Schlumberger und Halliburton, weltweit, kannten Gasfelder von USA, Kanada, Sibirien, Kasachstan, Saudi Arabien. "Gibt es irgendeine Sicherheit, wenn gefrackt wird?", wollte ich wissen. Ein einhelliges "Nein!" war die Antwort. Und: "Lieber heute als morgen aussteigen!"

linksfraktion.de, 2. April 2014
 

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