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2019 bereits 1 Milliarden Überstunden, die Hälfte davon unbezahlt

Nachricht von Jessica Tatti,

Auswertung der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Überstunden in Deutschland“ (Drs. 19/13407) von Jessica Tatti u.a. und der Fraktion DIE LINKE im Bundestag


2,02 Milliarden Überstunden machten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2018. Damit sind die Überstunden auf einen neuen Höchststand seit 2012 gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Menge der Überstunden um 1,8 Prozent zugenommen; im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre (Durchschnitt = 1,85 Milliarden Stunden) sogar um über 9 Prozent. Rund die Hälfte der Überstunden (978 Millionen Arbeitsstunden) wurde 2018 nicht vergütet. Auch im ersten Halbjahr 2019 wurden bereits knapp eine Milliarde Überstunden geleistet, davon mehr als die Hälfte (490 Millionen) unbezahlt. (Frage 1, Tabelle 3) Das Arbeitsvolumen von bezahlten und unbezahlten Überstunden 2018 würde rechnerisch ausreichen, um 1,23 Millionen Vollzeit-Arbeitsplätze zu schaffen. (Frage 13, Tabelle 40)

Überdurchschnittlich hohe Anteile von Überstunden an allen geleisteten Arbeitsstunden haben befristet Beschäftigte mit 2,1 Prozent (Durchschnitt = 1,8 Prozent; Frage 3, Tabelle 10). Beschäftigte mit Homeoffice-Nutzung haben fast doppelt so viele Überstunden (5,6 Stunden) pro Woche geleistet als Beschäftigte ohne (2,9 Stunden); in der Altersgruppe der 18 bis 39 Jährigen sind es sogar 6,5 Überstunden pro Woche im Vergleich zu 2,7 ohne. (Frage 6, Tabelle 20 ff.)

Ein Drittel der Beschäftigten mit mehr als zwei Überstunden in der Woche geben als Grund an, die Arbeit in der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit nicht zu schaffen. Insgesamt entstehen 80 Prozent der Überstunden aus betrieblichen Zwängen – vier Prozentpunkte mehr als 2015. (Frage 14)

Im Jahr 2018 haben Unternehmen rechnerisch 34,2 Milliarden Euro an Lohnkosten durch Nichtbezahlung von Überstunden gespart. 1)  

„Es ist fahrlässig, dass die Überstunden mit jedem Jahr weiter ansteigen ohne, dass die Bundesregierung einen Anlass zum Handeln erkennt. Sie liefert die Beschäftigten damit weiterhin der Arbeitshetze und Überlastung aus. Die Bundesregierung legt die Hände in den Schoß, während Arbeitgeber auf Kosten der Gesundheit ihrer Beschäftigten Milliardenbeträge einsparen, indem jede zweite Überstunde unbezahlt bleibt. Das ist Lohndiebstahl! Es ist nicht hinnehmbar, dass die einen bis zum Umfallen schuften, während andere unfreiwillig in der Teilzeitfalle stecken oder überhaupt keine Arbeit mehr finden. Die Wochenhöchstarbeitszeit muss endlich reduziert werden, um diesen Missbrauch von Überstunden zu stoppen. Wenn die Arbeit in der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit nicht zu schaffen ist, sind die Arbeitgeber in der Pflicht zusätzliches Personal einzustellen", kommentiert Jessica Tatti die Zahlen.

Anmerkung zu den Zahlen der Bundesregierung:

In der Antwort der Bundesregierung auf unsere Kleine Anfrage 19/05174 „Überstunden und Mehrarbeit in Deutschland“ hatte die Bundesregierung noch 2, 1 Milliarden Überstunden auf Basis der Zahlen des IAB für 2018 angegeben. In der aktuellen Antwort wurde die Zahl für 2018 auf 1,98 Milliarden herunterkorrigiert. Obwohl die Überstunden von 2017 zu 2018 relativ gestiegen sind, liegen sie absolut unter den zuletzt vermeldeten Zahlen. Die Gründe dafür legt die Bundesregierung in ihrer Vorbemerkung dar: „Im August 2019 gab es eine Generalrevision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen des Statistischen Bundesamtes. In diesem Zusammenhang hat das IAB seine Arbeitszeitrechnung weiterentwickelt und datenbedingte bzw. methodische Änderungen vorgenommen. Dies führt dazu, dass aktuelle Zeitreihen von früheren Veröffentlichungen abweichen.“

Im Gegensatz zum IAB werden beim Mikrozensus Privathaushalte nach den in der vergangenen Woche geleisteten Überstunden befragt. Bis 2016 ist von einer Untererfassung der Überstunden auszugehen, da die Angaben zu den Überstunden freiwillig waren. (Vgl. BT-Drs 18/9595): „Auswertungen aus dem Mikrozensus sind daher eher für Strukturanalysen geeignet (z.B. nach Geschlecht, Alter etc.).“ und „Im Gegensatz dazu (Mikrozensus) ermittelt das IAB die Überstunden über das ganze Kalenderjahr hinweg und ist aufgrund der umfassenden Abbildung der Überstunden unter Einbeziehung anderen Quellen eher für konjunkturelle Analysen geeignet.“


1)  Auf Basis der durchschnittlichen Arbeitskosten je geleistete Stunde 2018 (35,00 €/h) laut Statistischem Bundesamt.

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