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2011 – Der Widerstand schwillt

Kolumne von Petra Pau,

Von Petra Pau

Am 29. soll es passieren, im Februar 2011. Was anfangs nach Gerüchten roch, haben deutsche Nachrichtendienste in München (Focus), Hamburg (Spiegel) und Mainz (ZDF) seit Wochen zu Gewissheiten verdichtet. Gleichlautende Interna an die US-Botschaft werden einem FDP-Officer zugeschrieben.

Mindestens zwei Bundesminister seien auf der Flucht, heißt es - Phillip Rösler (FDP) und Norbert Röttgen (CDU). "Empörlinge schleudern sich aus der Bundeswaschmaschine", soll die taz auf Vorrat getitelt haben. Die jW plane als Aufmacher: "Proletarier, ergreift die Lücke! Jetzt!! Sofort!!!"

Gesundheitsminister Phillip Rösler wolle alsbald die Allianz-Versicherungen übernehmen. "Ich habe Bismarcks Solidar-Kitsch erwürgt und an der Börse Kopfpauschalen verbürgt." Hat Rösler angeblich Rösler gelobt. Westerwelle dementiert bislang halbherzig: "Ich bleibe, so oder so."

Auch Umweltminister Norbert Röttgen, munkelt man, zieht es in die Wirtschaft. "Wer Atommüll mehrt, darf ihn auch versilbern." Wikileaks droht bereits mit Geheimdokumenten über einen neuen Endlager-Konzern - Atom–Bridge, geschäftig in Deutschland, eingetragen in Dallas.

Neu wäre das alles nicht. Immer mehr Politiker fliehen ihrer kargen Fron: Althaus, Clement, Fischer, Glos, Koch, Merz, Müller, Schily, Schröder, von Beust. Man bot ihnen dankbar Asyl. Für's Amt fand sich Ersatz. In China fiel ein Sack um. Ein Hund bellte den Mond an. So wahr ihnen Gott half.

Doch plötzlich formiert sich eigenartiger Widerstand. Montagsdemonstranten protestieren vor dem Bundeskanzleramt. "Keine linke Chaoten", analysieren Parteienforscher überrascht, "sondern Bürgerliche, bislang brave FDP- und Unionsfinanziers". Eine völlig neue APO müpfe auf.

"Wenn die Treuesten von Bord gehen, kostet uns das Vermögen", soll Joseph Ackermann geflucht haben. Ein gewisser H.-W. Sinn ruft bei Anne Will zu Blockaden auf. Die Hotelkette Mövenpick lässt Gulaschkanonen vorfahren. Der US-Sender CNN fliegt Kriegsberichterstatter ein.

Die Lage vor dem Kanzleramt eskaliert. Renate Künast (Grüne) kommt - prompt. "Hier bin ich. Ihr könnt nicht anders", schreit sie ins Mikro. Das überschlägt sich. Die Protestanten lassen sich nicht beruhigen. Es werden immer mehr, mobilisiert über ex-studi-vz und von Stephanie zu Guttenberg auf RTL 2.

Kanzlerin Angela Merkel schickt endlich ihren Sprecher Steffen Seibert vor. Der vormals öffentlich-rechtliche ZDF-Journalist wurde jüngst regierungsamtlich, weil der vordem regierungsamtliche Sprecher Ulrich Wilhelm für die ARD wieder öffentlich-rechtlich wurde.

Seibert: "Frau Merkel häkelt bereits einen neuen Schutzschirm." Johannes B. Kerner versucht Röttgen für eine strahlende Live-Sendung im Atomlager Asse zu ködern. Sarrazin preist Rösler als "asiatische Ausnahme von der muslimischen Gefahr". Doch die so Umworbenen schweigen beredt.

Ergo schwillt der Widerstand gegen die vermeintlich Abtrünnigen. "Bis hierhin und nicht weiter", droht nun auch BILD. Pharmariesen, Bankenzentralen, Rüstungskonzerne, Energiemonopole beordern Aktionäre vors Kanzleramt. Dort skandiert der aufgebrachte Mob: "Drin bleiben! Drin bleiben!"

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