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Zum Geburtstag – clara wird zehn!

erschienen in Clara, Ausgabe 42,

Gut, dass es Archive außerhalb der digitalen Speicherwelt gibt. Orte, an denen man Zeitschriften noch richtig in die Hand nehmen kann, darin blättert, sich festliest, über Geschichten und Fotos aus den Anfängen staunt. Die ersten Ausgaben von clara hatten noch einige Seiten weniger, waren somit etwas dünner. Auch das Papier war anders, nicht ganz so fest wie das der jetzigen Magazine, dazu wurde der Titel noch in geschwungener Schreibschrift gehalten.

Ein eigenes politisches Magazin? Herausgeberin die Fraktion DIE LINKE! Wieso eigentlich? Zeitungen, die über Politik und Parlament berichteten, gab es auch vor zehn Jahren schon zu Hauf. »Ja«, sagt Ulrich Maurer, »aber die schrieben nicht über uns, und schon gar nicht für uns. Wir wurden eher verhöhnt und ausgegrenzt.« Ulrich Maurer gehört zu den Miterfindern von clara. Er war zuständig für Medienpolitik der im September 2005 wieder ins Parlament gewählten Fraktion Linkspartei. PDS und gleichzeitig – neben Dagmar Enkelmann – parlamentarischer Geschäftsführer. So entstand die Idee »Wir über uns selbst« – und zwar im Dreiklang: mit einer eigenen Homepage, einer Boulevardzeitung in einer klaren Sprache (Klar) und mit einem Magazin, das »links«, »wahr« und »populär« ist, »ohne populistisch zu sein«. Clara eben. Gedacht für »alle Menschen, die Lust auf Hintergrundinformationen haben« und sich »Zeit zum Lesen« nehmen.

Die erste clara im Dezember 2006 wird dann auch entsprechend freudig mit einem »Voilà« von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, den beiden Galionsfiguren und Vorsitzenden der Fraktion zu der Zeit, im Editorial gefeiert. Versprochen werden »Hintergrundberichte, Reportagen und Interviews«, die »die parlamentarischen Initiativen der Fraktion DIE LINKE erläutern«. Zunächst startet clara bescheiden. Mit 1.260 Abonnenten und Abonnentinnen. Im Jahr darauf waren dann schon mehr als 6.000 dazugekommen, und heute lassen sich über 26.000 Frauen und Männer die Fraktionspublikation kostenlos und per Post ins Haus liefern. Das Magazin erscheint vierteljährlich und bundesweit, hat eine Auflage von 70.000 Exemplaren und es wird weitergereicht bei Veranstaltungen, im Freundeskreis, und manchmal wird es sogar gemeinsam gelesen. In Herne beispielsweise. Von dort kam Post, eine Gruppe von Frauen outete sich als »clara-Fanclub«. Die würde »von hinten bis vorn gelesen«, denn Themen wie Hartz IV, Bürgerversicherung, Ein-Euro-Jobs und Armutsrenten träfen sie tief in ihrem Alltag. Nachlesen kann man die Geschichten der Frauen in clara Nummer 14. Solche »wahren« Alltagsbegegnungen und die Erfahrungen von Menschen, die von den Folgen bundespolitischer Entscheidungen in ihrem privaten Leben erzählen, finden sich in jeder clara. Da ist die Hartz-IV-Empfängerin aus Thüringen, die in die vorgezogene Rente mit hohen Abzügen gezwungen werden soll und sich das nicht gefallen lässt; eine Familie aus dem reichen Hamburg, die mit ihren vier Kindern an allen Ecken und Enden knapsen muss; Künstlerinnen und Künstler, die »kein Leben wie im Film« führen, sondern auch von der »Politik verhartzt« wurden, oder Frauen und Männer, die längst in Rente sind und immer noch »früh zur Arbeit gehen, weil die Rente zum Leben nicht reicht«. Geschichten, die das Leben schreibt und ein Beleg dafür sind, dass Opposition im Parlament sich lohnt. Dass Anfragen und Anträge der Fraktion DIE LINKE im Parlament mit den Fragen und Problemen der Menschen draußen vor der Bundestagstür zu tun haben. In den insgesamt zehn clara-Jahren ziehen sich einige Themen durch fast alle Ausgaben. Der Mindestlohn gehört dazu, der Niedriglohn­bereich, Minijobs, Renten auf Sozial­hilfeniveau, alleinerziehend und arm, öffentlich geförderte Arbeitsplätze, Kitaplatzversorgung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Ganztagsschulen, Lohndumping im Einzelhandel, Pflege, Leiharbeit, Mieten und Wohnen, Hartz IV, Kinderarmut und, und, und. Aktuelle Themen seit zehn Jahren und alles Fragen von sozialer Gerechtigkeit. Fragen auch, die Antworten und Lösungen brauchen, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Clara hat über das erste Jahrzehnt ihres Erscheinens aber auch feste Rubriken entwickelt. Das doppelseitige »Foto des Monats« zählt bereits seit der dritten Ausgabe zum Standard. Die »Einblicke« berichten in Bild und kurzem Text seit clara Nummer 8 vom Unterwegssein der Abgeordneten in ihren Wahlkreisen. Seit 2010 schreiben Prominente aus vielen Bereichen regelmäßig in der »Gastkolumne« über aktuelle und gesellschaftspolitisch wichtige Ereignisse. Die Whoʼs-who-Liste reicht da von Pfarrer Friedrich Schorlemmer über die Fußballtrainerlegende Hans Mayer, den Publizisten Albrecht von Lucke, den Ökonomie- und Finanzprofessor Rudolf Hickel, den Schriftsteller Ingo Schulze, die Autorin Daniela Dahn, die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg, das DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bis hin zu Margot Käßmann in dieser Ausgabe.

Verlässlich in jeder clara erscheint seit der Ausgabe 9 auch der »Service« für die Leserinnen und Leser. Zum einen »Ihr gutes Recht« – da werden aktuelle Urteile vom Adoptionsrecht bis hin zu Krankschreibung und Internetausfall, einfach alles, was den Arbeits- und privaten Alltag betreffen kann – kommentiert und erläutert. Der zweite Service ist einer für Buchliebhaberinnen und -liebhaber. »Mit links gelesen« empfiehlt Literatur aus Politik und Gesellschaft, Sachbücher aus dem In- und Ausland.

Nicht zuletzt gab und gibt es Porträts über die Abgeordneten der Fraktion. Wer sind sie, woher kommen sie, in welchen Bereichen engagieren sie sich – sowohl vor Ort, in ihren heimatlichen Wahlkreisen, als auch im Bundestag. In der ersten clara 2006 wurden alle 53 Mandatsträgerinnen und Mandatsträger im Telegrammstil vorgestellt. Denn sie kamen aus Ost und West, waren zuvor entweder bei der WASG (Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit) oder bei der Linkspartei. PDS engagiert. In der neuen Fraktion waren sie fusioniert zu einer neuen Linken mit einer gesellschaftlichen Akzeptanz in Ost und West. Auch diese Geschichten aus der Geschichte sind schwarz auf weiß in clara nachzulesen.

Es lohnt, in alten Ausgaben zu kramen, die neuen zu sammeln. Denn die sogenannten alten Themen sind zu großen Teilen auch immer noch oder immer wieder die aktuellen Themen. Somit bleibt der »Stoff für Geschichten«, und Mut, diesen Stoff auch weiterhin auszuleuchten, machte uns in diesen Tagen ein Leser aus Rottenburg. Er bestellte sein clara-Abo auf seine neue Adresse um und schrieb, »ich finde die Themen, Inhalte und Artikel spannend« und »bin ein begeisterter Leser«.