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Zukunft gesucht - Ausbildung für Benachteiligte

erschienen in Clara, Ausgabe 9,

Vom mühsamen Weg junger Leute, nach einem »Fehlstart« das Berufsleben

zu meistern, und von einem Meister, auf dessen Steine sie bauen können.

Jeden Tag fährt Hubert Protzel 48 km von Schwarzenberg, seinem Wohnort, nach Chemnitz zum »Verein zur beruflichen Förderung und Ausbildung e. V.« (VBFA), einem überbetrieblichen Ausbildungsträger. Er ist Meister, Lehrausbilder für Bauberufe und Lebensberater seiner Azubis, Vater und Freund als Ersatz für Verlorenes oder gar nicht erst Vorhandenes. Hubert Protzel bildet die erste Generation von Lehrlingen aus, deren Eltern nach der Wende größtenteils keinen Job mehr bekamen. Was das bedeutet, lässt seine enorme Leistung nur vage erahnen.

Die Anforderungen unserer Gesellschaft an ihre jungen Mitglieder sind hoch: Sie sollen möglichst unauffällig durchs Leben pirschen und perfekt funktionieren. Dazu gehört eine Superbildung mit blendendem Sozialverhalten und ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Das ist übertrieben? Ganz und gar nicht. Nur genau diese Anforderungen erfüllen Meister Protzels Schützlinge eben nicht. »Ich war ein schlimmer Junge«, sagt Sebastian Marchl lächelnd zur Begrüßung. Mehr sagt er erst einmal nicht, aber sein Blick fordert heraus, mehr über ihn erfahren zu wollen. Kaum zu glauben, dass der 20-Jährige mit den sanften Gesichtszügen schon mit dem Gesetz in Konflikt kam. Die »schiefe Laufbahn« war ihm vorbestimmt, denn um Jungs wie Sebastian reißt sich niemand, schon gar nicht Ausbildungsbetriebe. Die bevorzugen Abiturienten - oder Schüler mit gutem Realschulabschluss. Daran war bei Sebastian vor vier Jahren nicht zu denken. Am wenigsten glaubte der Schüler einer Förderschule an sich selbst. Eine ausgeprägte Lese- und Rechtschreibschwäche waren sein Handicap, aber nicht das einzige. Seine sehbehinderte Mutter und ein abwesender Vater konnten ihn nicht aus dem Strudel einer »Nullbock-auf gar-nichts-Haltung« ziehen. Immerhin, den Hauptschulabschluss hat er nachgeholt. Im August hat Sebastian nach dreijähriger Berufsausbildung seine Abschlussprüfung zum Hochbaufachwerker geschafft, zwar nicht mit der gehofften Punktzahl - aber immerhin. Sein Meister ermutigt ihn weiterzulernen, um sich von der untersten Ebene der Bauberufe zum Maurer zu qualifizieren.

Hubert Protzel kennt das Potenzial seiner Jungs, das häufig irgendwo brachliegt. Und da bleibt es auch, wenn sich keiner kümmert. Seit 12 Jahren ist er Lehrausbilder im VBFA und beobachtet, dass sich der Schulfrust bei den Jugendlichen verstärkt und ihre Bereitschaft, selbst etwas erreichen zu wollen, abnimmt. Der Meister weiß, dass die ihm anvertrauten jungen Leute die Anforderungen der Wirtschaft nicht erfüllen - wie auch, wenn sie oft weder im Elternhaus noch in der Schule Lebensgrundlagen vermittelt bekamen. Ihre Chancen für eine berufliche Perspektive sind äußerst gering. Von einer Entspannung auf dem Ausbildungssektor - wie im Sommer in vielen Medien gepriesen - kann daher keine Rede sein. Zwischen dem Angebot von betrieblichen Ausbildungsplätzen und Jugendlichen, die einen zu Beginn des Ausbildungsjahres unterschriebenen Lehrvertrag in der Tasche haben, besteht nach wie vor eine große Differenz.

»Klienteljugendliche«sind abgeschrieben

Nele Hirsch, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, kennt die Situation auf dem Ausbildungsmarkt nur zu gut. In den vergangenen Jahren haben sich Unternehmen massenhaft aus der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen zurückgezogen und dadurch erst dafür gesorgt, dass viele Jugendliche auf der Strecke geblieben sind. »Stattdessen haben Unternehmen immer wieder den Ausbildungsplatzmangel als Vorwand genommen, um die Frage der Aus-bildungsqualität zu vernachlässigen.« Gute Ausbildung kostet Zeit und Geld -erst recht, wenn die lückenhafte Schulbildung der sogenannten »Klienteljugendlichen« während der Berufsausbildung nachgearbeitet werden muss. Viele kleinere Betriebe - nicht nur im Erzgebirge - können sich diesen Aufwand gar nicht leisten. Deshalb sind überbetriebliche Ausbildungsstätten wie der VBFA unverzichtbar, will man die Jugendlichen aus dem Kreislauf keine Bildung - kein Beruf - keine Perspektive herausholen.

Da eine außerbetriebliche Ausbildung als Alternative zur klassischen Lehre heute für viele Jugendliche bereits Realität ist, wird es immer wichtiger, sich mit diesen Angeboten auseinanderzusetzen. Für Nele Hirsch ist entscheidend, »dass diese Ausbildungsangebote nicht zu Abstellgleisen für benachteiligte Jugendliche werden. In diesem Fall würden sie auch später auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben und stigmatisiert sein. Unsere Forderung ist stattdessen eine Ausweitung der Sozialarbeit, um allen Jugendlichen den erfolgreichen Abschluss einer gleichwertigen Ausbildung zu ermöglichen.«

Im Chemnitzer VBFA stehen den Lehrlingen neben den Ausbildern auch ein Stütz- und Förderlehrer sowie eine Sozialpädagogin zur Seite. Der Erfolg gibt ihrem Konzept recht. Mehr als 2000 Jugendliche haben seit der Gründung des Vereins in den Ausbildungsbereichen Metall, Holz, Bau, Garten- und Landschaftsbau, Elektro, Hauswirtschaft, Raumausstatter und Maler ihre Lehre erfolgreich abgeschlossen. Viele der jungen Facharbeiter haben einen Arbeitsplatz gefunden. Aber leider nicht alle. Hubert Protzel und seine Kollegen sind überzeugt, dass die überbetriebliche Ausbildung auch weiterhin erhalten bleiben muss. Sonst bleiben diese Jugendlichen auf der Strecke.
Jährlich werden regional durch die Agentur für Arbeit unterschiedliche Maßnahmen für die Berufsausbildung ausgeschrieben. Die überbetrieblichen Träger reichen daraufhin ihre Konzeptionen einschließlich finanzieller Vorstellungen ein. Durch das Regionale Einkaufszentrum (REZ) Nürnberg bei der Bundesagentur für Arbeit werden dann die Zuschläge für sogenannte »Lose« erteilt. Ein »Los« entspricht einer bestimmten Anzahl von Ausbildungsverträgen. Hubert Protzel fordert, dass bei der Vergabe dieser »Lose« bei aller Sparsamkeit ein finanzielles Limit für die Ausbildung nicht unterschritten werden darf.

Lose von der
Agentur für Arbeit

Wenn der VBFA in den nächsten Jahren keine Azubis mehr zugewiesen bekommt, muss er seine Kapazitäten weiter einschränken. Das ist Konkurrenzkampf auf dem Rücken der Jugendlichen. »Es geht bei uns um junge Menschen und nicht um ein Teilstück der Autobahn«, sagt Protzel und fügt hinzu, es sei ein volkswirtschaftlicher Irrsinn angesichts des modernen Maschinenparks in den Werkstätten, der mit Millionen Fördergeldern vom VBFA angeschafft wurde. Ebenso gravierend sind die persönlichen Konsequenzen für alle Ausbilder und Pädagogen. Bereits zweimal haben alle Kolleginnen und Kollegen auf zehn Prozent ihres Lohnes verzichtet, weil es galt, finanzielle Engpässe zu überbrücken. Leicht ist es keinem gefallen, denn die Entlohnung für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit ist eher bescheiden als üppig. Geld sei nicht alles, sagt Hubert Protzel, überzeugt davon, dass noch andere Maßstäbe in unserer Gesellschaft zählen müssen. Er hat bereits Pläne im Kopf, wie die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, überbetrieblichen Ausbildungsträgern und Agentur für Arbeit besser koordiniert werden könnte. Damit sie nicht in seinem Kopf bleiben, muss der VBFA weiter existieren können. Nele Hirsch wird ihn dabei unterstützen: »Ausbildung darf nicht von der Konjunktur abhängig sein, sie muss als Recht im Grundgesetz verankert werden.«

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