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Zeitlos glücklich!

erschienen in Clara, Ausgabe 41,

Viele Menschen beklagen die Arbeitsverdichtung und den Termindruck in ihrem Erwerbsleben. Sie fühlen sich gehetzt, gedrängt, abgeschlagen und müde. Die Zunahme von Burn-out und Depressionen sind Indizien dafür. Zwar ist die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeitdauer von 1992 bis 2012 um 2,5 Stunden gesunken, zur Normalarbeitszeit kam aber immer mehr Nachtarbeit, Schichtarbeit und Wochenendarbeit. Die Anzahl unbezahlter Überstunden nahm im selben Zeitraum ebenfalls zu.

Ein Drittel der Väter und ein Fünftel der Mütter sagen, dass ihnen nicht genügend Zeit für Kinder und Familie bleibt. Der Wunsch nach mehr Zeit dafür ist bei Paaren, die 30 Stunden und mehr wöchentlich arbeiten, verbunden mit dem Wunsch nach durchschnittlich weniger Erwerbsstunden. Frauen in der sogenannten kleinen Teilzeit wünschen sich dagegen eine Aufstockung ihrer Erwerbsarbeit.

Mehr eigene Zeitsouveränität im Beruf ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Denn noch immer sind es Frauen, die in hohem Maße für Kinderbetreuung und Haushaltsführung verantwortlich sind. In den Jahren 2012/2013 verbrachten Erwachsene durchschnittlich 24,5 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit. Dazu zählt Haushaltsführung, die Betreuung von Haushaltsmitgliedern, die Unterstützung von Personen in anderen Haushalten, ehrenamtliches und freiwilliges Engagement. Frauen mit Kindern verbringen jede Woche sieben Stunden weniger mit Erwerbsarbeit und 15 Stunden mehr mit unbezahlter Arbeit.

Die ideale Arbeitskraft

Es gibt leider noch immer eine Norm der idealen Arbeitskraft. Die arbeitet in überlanger Vollzeit, ist ständig präsent und flexibel einsetzbar und hat keine sozialen und familiären Verpflichtungen. Andere Arbeitszeitkonzepte in Anlehnung an vollzeitnahe Teilzeit könnten helfen, diese Norm zu brechen. Zusammengefasst wird diese Forderung als »Arbeitszeitverkürzung bei vollem Personal- und Lohnausgleich«. Die Fraktion DIE LINKE wünscht sich mehr Personal in den Bereichen, die einen sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft voranbringen. Die bislang ins Private gedrängte Carearbeit und schlecht bezahlte Erwerbsarbeit – zum Bespiel im Pflege- und Gesundheitsbereich – muss aufgewertet und umverteilt werden.

Linke Vorstellungen für mehr Zeitsouveränität ganz unmittelbar sind sozialpolitische Maßnahmen wie die Stärkung sozialer Dienstleistungen und der öffentlichen Daseinsvorsorge durch Aufstockung der Finanzierung und des Personals. Und andererseits die Begrenzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 40 Stunden, dazu die Einführung des Rechts auf Teilzeit sowie das Rückkehrrecht auf Vollzeit, die Möglichkeit von Auszeitregelungen und eine stärkere Kontrolle von Überstunden und Arbeitszeitgesetzen durch unabhängige Arbeitnehmervertretungen. Wichtig dabei wäre, den Beschäftigten nicht nur flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen, sondern sie auch zu befähigen, die entstandenen zeitlichen Freiräume tatsächlich für sich, die Familie, die Partnerschaft oder das Ehrenamt nutzen zu können.

Die Verteilung von Erwerbsarbeit, unbezahlter Hausarbeit, Kindererziehung- und Betreuung sowie Pflege soll in der Gesellschaft und zwischen den Geschlechtern fair verteilt werden. Auf diese Weise kann jeder Mensch am Zeitwohlstand partizipieren und eigenständig über seine Zeit entscheiden. Eine Voraussetzung, mit der sich das Recht auf Zeit für Bildung, Muße, gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe sowie für politisches und gesellschaftliches Ehrenamt durchsetzen lassen kann.