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„Wir haben ein ungerechtes Bildungssystem“

Von Nicole Gohlke, erschienen in Klar, Ausgabe 29,

Was sich in Kita, Schule und Uni ändern muss, erklärt Nicole Gohlke im Interview.

In Ihrer Heimat Bayern hat es kürzlich ein erfolgreiches Volksbegehren gegen Studiengebühren gegeben. Vor ein paar Jahren noch undenkbar, wie kam es zu diesem Stimmungswandel?
Nicole Gohlke: Weil es all die Jahre eine Protestbewegung von Schülerinnen und Schülern, Studentinnen und Studenten und anderen politischen Akteuren wie DIE LINKE gab, die an dem Thema gearbeitet hat.

Es hieß ja immer, Studiengebühren seien für eine bessere Lehre …
… grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Studierende nicht in die Situation kommen sollten, für eine gute Lehre zahlen zu müssen. Aber selbst das Versprechen, Studiengebühren würden die Lehre verbessern, wurde gebrochen. Stattdessen wurde das Geld zweckentfremdet. Hochschulen stopften damit ihre Haushaltslöcher oder hielten die Gelder zurück, legten sie auf die hohe Kante.

Nun hört man Begründungen, wonach mit der Schuldenbremse das Geld knapp würde, sodass man wieder Studiengebühren einführen müsse, nicht nur in Bayern …
Bei allen Diskussionen um knappe Kassen muss man an das Kernproblem ran, und das ist die massive Einnahmeproblematik in Deutschland. Steuern für Unternehmen und Spitzenverdiener wurden massiv gesenkt – auch deswegen entstanden so unfassbar große Schuldenberge. Würde endlich ein gerechtes Steuersystem geschaffen und Reichtum umverteilt werden, bliebe genug Geld für eine gute Ausbildung und ausfinanzierte Bildungsinstitutionen.

Probleme gibt es ja nicht nur im Bereich der Hochschulen …
Leider. Uns als DIE LINKE geht es nicht nur um die Hochschulen, denn die sind nur ein Teil eines viel größeren Problems: dem nicht vorhandenen sozial gerechten Zugang zur Bildung. Bildungschancen werden in Deutschland quasi vererbt, sind eine Frage des Geldbeutels der Eltern und ihrer Ausbildung.

Was heißt das konkret?
Etwas überspitzt formuliert zeigen Studien folgendes: Arbeiterkind bleibt Arbeiterkind, und Akademikerkinder werden später Akademiker. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber die bestätigen eher die Regel. Wir haben ein extrem selektierendes Bildungssystem.

Wie funktioniert diese Selektion?
Das fängt schon in der Kita an: Kinder aus armen oder bildungsfernen Schichten gehen eher nicht in die Kita. Dabei weiß man aus Untersuchungen, dass die frühkindliche Bildung bereits eine wichtige Etappe in der Bildungsbiografie ist.

Was muss sich ändern?
Jede und jeder muss einen Anspruch auf einen gebührenfreien Kita-Platz bekommen. Und natürlich muss auch das Schulsystem reformiert werden, denn es ist grundsätzlich vom Gedanken der Auslese durchdrungen. Die Kinder werden einfach viel zu früh unterteilt – obwohl jeder weiß, dass sie sich ganz unterschiedlich entwickeln und manche einfach später durchstarten.

Was schlägt DIE LINKE vor?
Kinder sollen so lange wie möglich gemeinsam lernen und gefördert werden.  
Deswegen unser Modell, eine Schule für alle und zwar mindestens bis zur 10. Klasse.

Aber senken die schlechten Schüler nicht das Niveau der guten?
Vom Modell der Gemeinschaftsschule profitieren auch die guten Schüler. Man könnte fast sagen, die Defizite der anderen Schülerinnen und Schüler machen sie noch besser, weil sie etwa soziale Kompetenzen erlernen, wenn sie anderen beim Lernen helfen.

Nicole Gohlke ist hochschulpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

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