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Wir Frauen haben selbst entschieden!

erschienen in Lotta, Ausgabe 7,

Als ich 1987 meinen Sohn Janko zur Welt brachte, hatte ich nach dem Veterinärmedizinstudium nicht einmal ein Jahr im damaligen Staatlichen Institut für Epizootiologie und Tierseuchenbekämpfung, das heutige Friedrich Loeffler Institut, in Wusterhausen, Land Brandenburg gearbeitet.

Die Schwangerschaft war nicht geplant, trotzdem habe ich mich gefreut und es gab keinen einzigen Zweifel, das Kind zu bekommen. Ich wusste, im Zweifelsfall kann ich mein Kind auch allein  groß ziehen, sollte die Beziehung zu meinem Partner scheitern. Aber bestimmt konnte meine Generation „Ostfrau“ auch deshalb entspannt mit dem Thema Schwangerschaft umgehen, weil Dank kostenloser Abgabe von Verhütungsmittel und begleitet von ärztlicher Vorsorge, Familienplanung selbstverständlich war. Als 1972 in der DDR der Paragraph 218 abgeschafft wurde, war ich gerade 12 Jahre alt. Die Erleichterung meiner Mutter bekam ich trotzdem mit. Endlich und erstmals in der deutschen Geschichte war das Damoklesschwert „Strafverfolgung“ gestrichen worden. Frauen durften sich innerhalb einer bestimmten Frist eigenverantwortlich und ohne strafrechtliche Folgen für oder gegen die Austragung einer Schwangerschaft entscheiden. Für mich gehört zu den traurigen Momenten der politischen Wende, dass wir Ostfrauen uns dieses Recht haben nehmen lassen anstatt die Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs auch in Westdeutschland abzuschaffen.

Neben selbstbestimmter Schwangerschaft war es auch selbstverständlich, dass ich meine Forschungsarbeit ein „Babyjahr“ lang unterbrach, bezahlt und mit dem Wissen, danach kann ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren. Und noch etwas: Ich dachte keinen Augenblick daran, dass Kinder meine wissenschaftliche Laufbahn behindern könnten. Kinderkrippen- und Kindergartenplätze standen im Nachbardorf zur Verfügung. Heute ist beides nicht mehr vorhanden. Was mit dem Blick zurück fehlte, war ein Väter-Anteil am Babyjahr.

Mein zweites Kind, unsere Tochter, kam im September 1990 zur Welt. Dieses Mal ein Wunschkind – und trotzdem war alles anders. Um meine Chance auf Weiterbeschäftigung zu erhalten, bin ich bereits nach wenigen Monaten wieder arbeiten gegangen. Mein Mann hatte seinen Job bereits verloren. Die Welt hatte sich für uns Ostfrauen, für Familien, für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gedreht – nicht zum Besseren. Wir brauchen das Recht auf Selbstbestimmung zurück.  

Kirsten Tackmann ist seit 2005 Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE. Sie war frauenpolitische Sprecherin und arbeitet jetzt als agrarpolitische Sprecherin.

 

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