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Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

erschienen in Clara, Ausgabe 23,

Betrachtungen der Schlecker-Betriebsrätin Mona Frias

Schlecker ist ein Beispiel dafür, wie wichtig Betriebsräte sind. In der jetzigen Situation stehen die Telefone unserer Betriebsratsmitglieder nicht still. Wir kämpfen, für viele natürlich unsichtbar, wirklich Tag und Nacht für unsere Frauen in den Filialen. Nur ein Betriebsrat kann den Mund aufmachen, Fragen stellen und Informationen einfordern. Eine einzelne Mitarbeiterin wird das nie wagen. Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, wird nur zu oft als Druckmittel genutzt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie der Alltag in Unternehmen ohne Betriebsrat und gewerkschaftliche Organisation aussieht.

Insofern bin ich der Linksfraktion im Bundestag dankbar, dass ich auf einer Fraktionsversammlung der Abgeordneten gemeinsam mit einer ver.di-Gewerkschafterin über die Situation bei Schlecker sprechen konnte. Natürlich verbinde ich damit die Hoffnung, dass sich DIE LINKE des Themas annimmt und uns nach Kräften hilft. Wir erleben täglich, wie wichtig es ist, sich wehren zu können. Was Herr Schlecker und die Geschäftsführung mit der Belegschaft abgezogen haben, gehört in die finsteren Kapitel des deutschen Einzelhandels. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfuhren als Letzte, wie es um das Unternehmen steht, und werden weiterhin mit Informationen kurz gehalten.

Von Betriebsfrieden kann man wahrlich nicht sprechen, weil die Geschäftsführung die Belegschaft gleichgültig behandelt. Schon seit Jahren arbeiten die Frauen in den Filialen zwar nach Tarif, nur fehlen die Stunden in der Arbeitszeit. Mit diesen und anderen Tricks konnte Anton Schlecker auf Kosten der Belegschaft in derzeit etwa 6000 Filialen sein Vermögen aufbauen. Es waren sogar mal gut 10000 Filialen, aber durch unternehmerische Fehlentscheidungen und, wie wir nun wissen, Selbstüberschätzung und soziale Inkompetenz ging es mit dem Unternehmen Schlecker seit Jahren bergab. Die Stimmung in der Belegschaft blieb über einen langen Zeitraum schlecht, niemand kümmerte sich um die Belange der Frauen an ihren Arbeitsplätzen oder hatte mal Zeit, mit ihnen zu reden. Das ging so weit, dass viele Frauen nur zögerlich oder oft gar nicht wagten, sich an den Betriebsrat zu wenden. Wenn es so weit kommt, kann ein Unternehmen nicht sozial gerecht arbeiten und zukunftsorientiert schon gar nicht.

Aus der Erfahrung mit Lidl und dem Umgang mit der Belegschaft hätte Schlecker doch lernen müssen! Nun erleben wir hautnah, dass es dem Unternehmen schlecht geht, wenn es den Mitarbeitern schlecht geht. Für die reine Gewinnmaximierung waren die Zustände in den Filialen offensichtlich egal. Die Firmenphilosophie »Wir sind Händler aus Leidenschaft« konnten wir in der Zeitung lesen, nicht aber im Alltag am Arbeits-platz erleben.

Nun muss nach neuesten Meldungen die Hälfte der Belegschaft gehen, das sind über 13?000 Arbeitsplätze. Wir sind traurig, wütend und sehr zornig, wie mit Schicksalen unserer Kolleginnen gespielt wurde. Der Betriebsrat ist, entgegen gesetzlicher Regelungen, natürlich wieder nicht informiert worden. Ob und wie lange es Schlecker als Unternehmen geben wird, weiß niemand. Anton Schlecker hat einen Spruch nicht verinnerlicht: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Die soziale Marktwirtschaft kann auf das Unternehmen Schlecker als funktionierendes Beispiel nicht verweisen. Mitbestimmung? Nein. Gleichstellung von Mann und Frau? Nein. Faire Bezahlung? Nein. Dass so etwas in Deutsch-land möglich ist, finde ich schade. Fest steht, dass sich in jedem Fall bei Schlecker und in der Gesellschaft zum Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer etwas ändern muss. Die politischen und sozialen Rahmenbedingungen lassen einen Teil der Bevölkerung durch die Gesetze, die das gesellschaftliche Leben regeln, im Stich. Ich erwarte von den Politikerinnen und Politikern, dass sie Gesetze machen, die für alle einen sozial gerechten Alltag möglich machen. Nicht nur bei Schlecker.

Mona Frias (46) ist Betriebsrätin bei Schlecker in Berlin. Seit 1995 arbeitet sie für die Drogeriekette und kämpft dort für die Rechte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

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