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Wer schlägt hier wen?

erschienen in Querblick, Ausgabe 11,

Folgt man einer Studie von Wissenschaftlern des Berliner Instituts für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung e. V. (IaIZ), dann schlagen mehr Frauen auf Männer ein als umgekehrt. Ein Gutachten zur Evaluation der Perspektiven der Frauenhausarbeit im Freistaat Thüringen soll das belegen. Die Autoren behaupten u. a. mit Berufung auf eine amerikanische Studie von Murray A. Straus, dass die Rollen von Frauen und Männern innerhalb familiärer Gewaltkulturen geschlechtsspezifisch keineswegs so eindeutig zugeordnet werden können. So gäben mehr als 50 Prozent der Frauen zu, dass die Gewalt von ihnen ausgehen würde. An der Arbeit der Frauenhäuser wird kritisiert, dass sich diese am Postulat der Parteilichkeit orientierten und von dem Schema männlicher Täter und weibliche Opfer ausgingen. Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser wird also empfohlen, sich doch besser an einen »systemischen Ansatz« zu halten, was nichts anderes heißt, als sich an der Familie zu orientieren und die Männer in die Frauenhausarbeit einzubeziehen. Anders formuliert bedeutete dies, mit dem Gewalttäter Mann im Frauenhaus gemeinsam zu kochen und abzuwaschen, um Agressionspotenzial abzubauen…

Ende 2008 meldeten sich nun namhafte Wissenschaftlerinnen zu Wort. Sie hatten Interventionsprojekte gegen häusliche Gewalt begleitet und stellten dabei fest, dass die Gutachter ein völlig falsches Verständnis der Themen häusliche Gewalt, Frauenhausarbeit und deren professionelle Arbeitsprinzipien darstellen. So meinte Frau Prof. D. Carol Hagemann-White von der Uni Osnabrück: »Der Auftrag an das IAIZ, die Arbeit der Frauenhäuser zu evaluieren, wurde offenbar von dem Anliegen überlagert, engagierte Hilfe für Frauen insgesamt infrage zu stellen.

Hierbei überdehnen die Autoren die Tragfähigkeit ihrer wissenschaftlichen Grundlagen und vermengen Begriffe und Phänomene, statt sie zu klären.« Ansatzpunkte aus der Familiensoziologie werden mit dem Thema häusliche Gewalt in unwissenschaftlicher Weise vermischt. Mit neueren internationalen Studien soll belegt werden, dass Männer weit häufiger und merklich fühlbarer Gewalt im öffentlichen Raum erleben. Attacken von Frauen gegenüber Männern sind aber meist ein einmaliges Vorkommnis. Hingegen sind Frauen wiederholten Angriffen ausgesetzt, die sie  anhaltend ertragen müssen. Insgesamt schätzen die Spezialistinnen ein, dass die Gutachter zu wenig Kenntnis zur hiesigen Gesamtproblematik haben und durch ihr falsches Verständnis zu falschen Schlussfolgerungen kommen. Dabei besteht die Gefahr, dass damit die Existenz von Frauenhäusern fahrlässig infrage gestellt wird.
Irina Modrow

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