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Wenn es ums Überleben geht

erschienen in Clara, Ausgabe 9,

Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sind zwei wirklich heiße Themen -

für die man kühle Köpfe braucht.

Es riecht nach trockenem Gras und warmer Erde. Nach Sommer. Das ist nicht unwichtig für den Anfang, denn hier ist man mitten auf dem Gelände einer großen Kläranlage in der thüringischen Stadt Hildburghausen. »Regenüberlaufbauwerk für 2675 Kubikmeter« steht am Eingangstor. Zwei kräftige Männer in knallorangefarbenen Hosen sind gerade mit einem großen Güllewagen vorgefahren. Zeitgleich mit Eva Bulling-Schröter aus Bayern und Bodo Ramelow aus Thüringen. Warum die beiden Abgeordneten sich an einem heißem Julitag mit dem Wasser- und Abwasser-Verband Hildburghausen (WAVH) beschäftigen, mit Einleitwerten, Vorflutern, Wärmepumpen, Klärschlamm, Kompressoren, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist: Die ostdeutsche Wasserwirtschaft muss für sich eine neue Perspektive entwickeln. Die könnte in der Dezentralisierung und kreislauforientierten Abwasserversorgung liegen. Und sie kann damit beispielgebend für die ganze Republik sein, denn ökologisch und sozial verträgliche Alternativen zur klassischen Siedlungswasserwirtschaft sind gefragt. Vor allem dort, wo durch Abwanderung und demografische Entwicklungen dünn besiedelte Gebiete ent-stehen oder bereits entstanden sind, wo städtischer und ländlicher Raum zersiedelt wird oder schon ist. Im Osten ist aus der kompakten »durchgeplanten DDR-Stadt« schon längst ein »Siedlungsbrei« geworden, häufig geprägt durch Leerstand in der Innenstadt, anarchische Stadtumbau- und Rückbauprozesse, neues Wohneigentum an den Rän-dern, deren Ästhetik mit riesigen Gewerbegebieten und Einkaufszentren immer die gleiche ist.

Perspektive für ostdeutsche Wasserwirtschaft

Die beiden Bundestagsabgeordneten stehen mit dem Bürgermeister und Verbandsvorsitzenden des WAVH Steffen Harzer - der aussieht wie ein Fels in der Brandung - mit dem linken Landtagsabgeordneten Tilo Kummer und Mitarbeitern des WAVH an der Kläranlage. »Hier gibt es ja Wasserflöhe«, sagt jemand. »Könnte ’ne Einnahmequelle werden«, witzelt ein anderer.

Ursachen von
zu hohen Wasserkosten

Die umweltpolitische Sprecherin Eva Bulling-Schröter und der umweltpolitisch engagierte Bodo Ramelow sind mit einer Menge Fragen hergekommen. Gut vorbereitet und mit dem Wunsch, noch tiefer in die Materie einzusteigen, mit Praktikern darüber zu reden, was man tun kann. Und sie sind mit Ideen gekommen, die sich aus der Überlegung speisen, dass Abwasser und Klärschlamm wertvolle Rohstoffe sind oder enthalten, dass Zweckverbände Dienstleister für Menschen sein sollen, dass Bürgerinnen und Bürger in dünnbesiedelten Gebieten Angebote brauchen, die ihnen Sorgen nehmen und keine neuen aufbürden. Klingt einfach, oder? Gerade ist im Auftrag der Fraktion DIE LINKE eine Broschüre mit dem etwas sperrigen Titel »Dezentralisierung und kreislauforientierte Abwasserentsorgung - eine Perspektive für die ostdeutsche Wasserwirtschaft?« veröffentlicht worden. Die räumt mit manchen falschen Vorstellungen auf und entwickelt Vorschläge. Falsch ist die Vorstellung, hohe Wasserkosten entstünden vor allem durch überdimensionierte Kläranlagen. 80 Prozent der Kosten entstehen durch die unterirdische Infrastruktur - der Kanal ist der Kostentreiber. In zersiedelten ländlichen Räumen ein wahres Problem - lange Leitungen, wenige Anwohner.

Kostentreiber liegen unter der Erde

Und natürlich gibt es auch überdimensionierte Kläranlagen. Einer wie Ramelow sagt, es sei den Menschen trotzdem nicht zuzumuten, dass sie dafür büßen müssen, in solch dünnbesiedelten Gebieten zu leben. Das Solidarprinzip, sagt eine wie Bulling-Schröter, müsse auch hier gelten. Von dem will sich die Thüringische Landesregierung gerade verabschieden, indem sie per Landesgesetz den Anschlusszwang aufheben will. Und an dieser Stelle muss mit einem zweiten Irrtum aufgeräumt werden. Vom Anschlusszwang würden in diesem Falle nicht die Bürger befreit, sondern die Verbände. Die könnten dann sagen: »Da oben, diese kleine Siedlung auf dem Berg, das kostet zu viel Geld und Aufwand, sie an die Ver- und Entsorgung anzuschließen. Das lassen wir mal.« Und dann müssten die da oben auf dem Berg sehen, wo sie bleiben. Andernorts ist es genau umgekehrt. Da müssen die Menschen, ob sie wollen oder nicht, Anschlussgebühren bezahlen. Auch wenn sie sich längst für eine Einzellösung entschieden haben. In Brandenburg wurde für die Durchsetzung dieser Art des Anschlusszwanges erst kürzlich Polizeigewalt eingesetzt.

Insellösungen, Einzel- oder Zentralanlagen

»Wir nicht«, sagen die Männer vom WAVH, »wir suchen nach Lösungen für die Menschen, ohne aus den Augen zu verlieren, dass wir wirtschaften müssen.« Aber sie sind ja nicht der einzige Verband in der Region und es bleibt dabei, dass ein solches Gesetz die Bürger allein ließe. Eva Bulling-Schröter und Bodo Ramelow reden davon, Angebote für Insellösungen zu schaffen, um den Bürgern teure und schwer zu wartende Einzellösungen zu ersparen. Da, wo es möglich ist. »Was können wir auf Bundesebene für euch tun«, fragt die bayerische Abgeordnete, »sollten wir eine Anfrage an die Bundesregierung zu Pflanzenkläranlagen stellen, zum Kostenvergleich bei der Nutzung von Einzelanlagen, Insellösungen und Zentralanlagen?« Eine gute Idee, man braucht Fakten und Argumente. Bodo Ramelow sagt das Wort »Trendsetter«. Im Angesicht von Kubikmetern Klärschlamm. Seltsam. Hier im Osten, sagt er, stünde man durch die sinkenden Bevölkerungszahlen vor solch hohen Herausforderungen, da ließen sich neue Wege gehen. »Der Osten kann aus der Schwäche Stärke machen«, sagt er und das findet Zustimmung. Wer jetzt schon Probleme löst, die andere erst in einigen Jahren bekommen, ist wahrhaftig fortschrittlich. Und bürgernah dazu, wenn es Lösungen sind, die pragmatisch und nachhaltig zugleich sind. »Könnt ihr denen, die Einzelkläranlagen haben, weil es anders nicht geht, nicht so ein Rundum-Sorglos-Paket anbieten, für Wartung und Pflege«, fragt die Abgeordnete. »Und ist es möglich, kleinere Ortschaften für Gruppenkläranlagen zusammenzufassen, wenn die Strecken der Kanalisation verträglich lang sind?« All das, sagen die Leute vom WAVH Hildburghausen, kann man diskutieren und überlegen. Sie signalisieren, dass mit ihnen ein Partner gefunden wäre, mit dem sich in die Zukunft überlegen lässt. Das ist mehr als ein Anfang. Vielleicht. Jemand spricht das Thema »differenzierte Abwasserabgabe, abhängig vom Zustand der Gewässer« an. Darüber kommt man ins Diskutieren. Eine Idee ja, nicht schlecht, aber realisierbar? Eva Bulling-Schröter, seit elf Jahren Umweltpolitikerin, weiß, dass fast alle Ideen und Vorschläge erst mal unrealisierbar scheinen. Davon darf man sich nicht schrecken lassen.

»Trendsetter« Ostdeutschland

Die Sonne brennt auf das riesige Becken, in dem der schwarze Klärschlamm wabert. Hunderte Q-Tipps liegen oben drauf und malen ein wildes Muster. Eine Kreuzspinne baut das Haus ihres Lebens. Noch einmal kommt man auf die Themen überproportional hohe Abwassergebühren in dünnbesiedelten Gebieten, geringe Auslastung der Anlagen, die daraus entstehenden technischen Probleme, umdenken, neu denken, handeln.
»Unsere Wasserbroschüre«, sagt Eva Bulling- Schröter, »zeigt Modelle auf, wie die Siedlungswirtschaft mit dünnbesiedelten Räumen umgehen kann. Da ist beispielsweise das Konzept ›eco-san‹ beschrieben, bei dem es um ökologische Sanitärtechniken geht und darum, Abwasserinhaltsstoffe als nachwachsenden Rohstoff zu betrachten.«
»Abwasser als Energiequelle«, sagt Bodo Ramelow, »das ist doch ein kluger Gedanke und wäre eine ökologische Umorientierung.« Der breitschultrige Bürgermeister nickt. Die Männer vom WAVH stimmen zu. Klingt einfach, oder?

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