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Weniger arbeiten bei gleichem Lohn

erschienen in Clara, Ausgabe 33,

Ab nächstem Jahr will die Stadt Göteborg die Arbeitszeit der Beschäftigten in einer kommunalen Seniorenwohnanlage von acht auf sechs Stunden pro Tag reduzieren – bei vollem Lohnausgleich.

n Göteborg, mit rund 530.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Schwedens, regiert seit dem Jahr 2010 eine Koalition aus Sozialdemokraten, Grünen und Linkspartei (Vänsterpartiet). In den Verhandlungen zum Koalitionsvertrag bestand die Linkspartei darauf, einen Versuch zur Arbeitszeitverkürzung durchzuführen. Nun, gegen Ende der vierjährigen Wahlperiode, wird die Vereinbarung umgesetzt: Ab nächstem Jahr werden die 60 Angestellten der kommunalen Seniorenwohnanlage Svartedalen ihren Arbeitstag bei gleichem Lohn verkürzen dürfen. Statt bisher acht müssen sie dann nur noch sechs Stunden täglich arbeiten. Für das Projekt, das von Forschern begleitet und ausgewertet wird, sind rund eine halbe Million Euro aus dem kommunalen Etat veranschlagt.   Seitdem diese Entscheidung gefallen ist, tobt ein erbitterter Streit über dieses Modellprojekt. Die Kritik der Opposition richtet sich vor allem gegen die Linkspartei. Die bürgerliche Stadträtin Maria Rydén zürnte: „Das ist populistische Politik!“ Eine Parteigängerin Rydéns fragte: „Wie soll das Personal alle Aufgaben mit so wenig Zeit ausführen können?“ Und die liberale Stadträtin Helene Odenjung bezeichnete den Vorschlag als „Vergeudung von Steuermitteln“.    „Qualität der Arbeit wird besser“   Die Göteborger Linkspartei gibt sich gelassen. Mit diesem zeitlich begrenzten Projekt wolle man herausfinden, wie eine solche Arbeitszeitverkürzung die Gesundheit der Angestellten beeinflusse, ob dadurch mehr Arbeitsplätze geschaffen werden könnten und welche volkswirtschaftlichen Effekte sie habe. Die Hoffnungen, die Mats Pilhem, Stadtrat der Linkspartei und einer der Initiatoren, mit diesem Projekt verbindet, gehen darüber hinaus. „Wir glauben, dass die Kommune durch die Arbeitszeitverkürzung Geld einsparen kann“, sagt der 58-Jährige. Er rechnet damit, dass beispielsweise die Kosten für Krankschreibungen, die aus Stress und Überlastung resultieren, deutlich sinken. Auch dass das Pflegepersonal seltener den Arbeitsplatz wechseln wird, was ebenfalls zu Einsparungen führt, da neues Personal nicht ständig eingearbeitet werden muss. „Auch die Qualität der Pflegarbeit wird besser, weil ausgeruhte Angestellte effektiver arbeiten“, sagt er.   In der Debatte über das Göteborger Pilotprojekt geht oft unter, dass es in Schweden nicht der erste Versuch ist, den Sechs-Stunden-Arbeitstag einzuführen. Im Jahr 1989 wurde die Arbeitszeit der Angestellten des Pflegedienstes der Stadt Kiruna in Nordschweden auf 28,68 Stunden pro Woche reduziert. Erst 16 Jahre später wurde diese Entscheidung zurückgenommen, weil die Kosten für die Kommune angeblich zu hoch waren, ohne dass sich positive Effekte hätten nachweisen lassen.    Wesentlich positiver bewerten private Unternehmen in Schweden die Einführung von Arbeitszeitverkürzungen. Bereits im Jahr 2000 senkte der Autohersteller Volvo die Arbeitszeit im Werk Olofström von 40 auf 34 Stunden für rund 60 Angestellte. Seit dem Jahr 2002 arbeiten auch etwa 30 Mechaniker bei Toyota Center in Mölndal nur sechs Stunden pro Tag. Ein paar Jahre später wurde das Modell auf eine weitere Filiale des Unternehmens im Raum Göteborg ausgeweitet. Im Jahr 2013 zog auch ein Audi-Autohaus in Stockholm nach. Und auch der Webdienstprovider Bråth im nordschwedischen Örnsköldsvik führte eine Arbeitszeitverkürzung für etwa 20 Angestellte ein.    Unternehmen reduzieren Arbeitszeit   Aus Sicht der Unternehmensleitungen hat die Verkürzung der Arbeitszeit jeweils zu erhöhter Produktivität geführt. In all diesen Fällen ging die Reduzierung der Arbeitszeit jedoch mit einer Umstellung des Arbeitsrhythmus auf Schichtdienst einher, sodass Produktions- beziehungsweise Öffnungszeiten verlängert werden konnten.    Der Geschäftsführer von Toyota in Mölndal, Tommy Witedal, bemerkte anlässlich des zehnten Jahrestags des „Toyota-Modells“ im Jahre 2012: „Wir haben seit dem Start wesentlich weniger Krankschreibungen und kaum Personalwechsel.“ Das habe dazu beigetragen, dass die Kunden zufriedener seien. „Die Resultate waren besser als erwartet“, sagt er. Und die Geschäftsführung von Bråth erläutert in ihrem Blog, dass die Einführung des Sechs-Stundentags bei vollem Lohnausgleich die Rekrutierung neuer Angestellter vereinfacht habe – ein gewichtiger Vorteil für die junge Firma, da es allgemein schwierig ist, kompetentes Personal in den dünn besiedelten schwedischen Norden zu locken.    Trotz dieser vielschichtigen Erfahrungen mit Arbeitszeitverkürzung zweifelte selbst die schwedische Linkspartei noch vor Kurzem, ob es realistisch sei, eine Arbeitszeitverkürzung einzuführen. Im Jahr 2008 schlugen Parteivorstand und Grundsatzkommission einvernehmlich vor, die traditionelle Forderung der Partei nach dem Sechs-Stunden-Arbeitstag aus dem Parteiprogramm zu streichen. Doch der Parteitag, der über diesen Vorschlag befinden musste, lehnte ihn ab – allerdings nur denkbar knapp und nach stundenlanger Diskussion. Skeptische Gewerkschaften   In der Debatte über eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass die meisten Gewerkschaften in Schweden eine gesetzliche Arbeitszeitverkürzung ablehnen. Stattdessen wollen sie in Verhandlungen mit den Arbeitgebern lieber das Recht auf Vollzeitanstellung durchsetzen. Für Ana Rubin, die in den vergangenen zwei Jahren einer Arbeitsgruppe der Linkspartei vorsaß, die Strategien zur Durchsetzung einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung entwickelt hat, ist das kein Widerspruch. „Das eine schließt ja nicht das andere aus“, sagt sie.    Auch das Argument, demzufolge die Kosten einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung viel zu hoch seien, lässt sie nicht gelten. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie die Ergebnisse ihrer Arbeitsgruppe: Die Einführung des Sechs-Stunden-Arbeitstages in Schweden koste demzufolge insgesamt rund 12 Milliarden Euro – eine beträchtliche Summe, die jedoch deutlich niedriger ist als die Steuersenkungen der schwedischen Regierung der vergangenen acht Jahre. Nun will Ana Rubin einen Dialog mit den Gewerkschaften einleiten. „Wenn wir Arbeit teilen, schaffen wir Arbeitsplätze. Und die ganze Gesellschaft profitiert von der 30-Stunden-Woche: weniger Stress, bessere Gesundheit und mehr Zeit für Familie und Kinder“, sagt sie.  Zuversichtlich stimmen die ersten Reaktionen der Angestellten der Seniorenwohnanlage Svartedalen in Göteborg, die sich ab dem nächsten Jahr an dem Modellversuch beteiligen können. „Das ist super, dann können wir uns endlich von der Arbeit erholen“, kommentierte beispielsweise die Altenpflegerin Carina Dahl das Projekt. Trotz dieser Zuversicht bleiben auch bei ihr Zweifel: „Wir arbeiten ja in der Pflege, da hat man öfter mal von Sachen gehört, die dann nicht verwirklicht wurden.“   Auch Ana Rubin weiß, dass es noch viele Hürden zu nehmen gilt auf dem Weg zu einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. „Aber wenn wir zusammen kämpfen, können wir in ein paar Jahren diese Utopie Wirklichkeit werden lassen“, sagt sie.   

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