Zum Hauptinhalt springen

Was bleibt für die Kultur - in Zeiten der Krise?

erschienen in Clara, Ausgabe 11,

Doch, es gibt gute Nachrichten! Da lese ich am 17. Januar 2009 in der Thüringischen Landeszeitung: Ein Dorf leistet sich sein Theater.

Kattendorf. Während bundesweit Kultureinrichtungen dem Rotstift zum Opfer fallen, hat sich der holsteinische 900-Seelen-Ort Kattendorf für rund eine halbe Million Euro ein eigenes Theater geleistet. »Damit sind wir im norddeutschen Raum die kleinste Gemeinde mit einem großen Haus«, sagte der Erste Vorsitzende des Theaterclubs Kattendorf, Martin Ruck. Das Gebäude umfasst auf einer Fläche von rund 275 Quadratmetern einen Theaterraum mit Platz für 120 Zuschauer, eine Haupt- und zwei Probebühnen sowie einen Bühnenkeller.

Also, 900 Dorfbewohner mitten auf dem flachen, norddeutschen Land bauen sich ihr eigenes Theater - und können im Krisenjahr 2009 davon profitieren.

Ein paar Tage später stellt die Fraktion DIE LINKE in der Hamburger Bürgerschaft einen Antrag »Kultur für alle«. Selbstbewusst und antizyklisch könnte man dies nennen nach dem Motto: Der Staat darf nicht nur Banken, Autobauer etc. in dieser Zeit stützen, sondern gerade und erst recht die Kultur.

Am 21. Januar erklärt Kulturstaatsminister Neumann, er werde »mit aller Macht zu verhindern wissen«, dass bei der Kultur zuerst gespart wird. Seine Begründung: »Kultur kostet Geld, bringt aber auch Geld. Was wäre Berlin ohne Kultur? Die Kultur in Berlin ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor, ohne den die Stadt nicht überleben könnte.«

Gegensteuern in Zeiten der Räuberei

Drei gute Nachrichten in Sachen Kultur in schlechten Zeiten. Sie sollten uns Mut machen, gerade jetzt für die Kultur zu kämpfen. Es steht nämlich viel auf dem Spiel. Wenn man der These zustimmt, dass Kultur zu unseren »Lebensmitteln« gehört - wie Essen, Trinken, Wohnen, Lernen, Arbeiten, Sich - Einmischen in die Öffentlichkeit, den Staat, die Gemeinschaft - dann muss gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Räuberei und Verantwortungslosigkeit gegengesteuert werden mit Werten des kulturellen Lebens.

Kinderarmut lässt sich nicht ohne Kultur für Kinder bekämpfen. Das Auseinanderbrechen einer Gesellschaft in Arm und Reich kann nur aufgehalten werden, wenn auf der Seite der Armen gebildete, wertorientierte, selbstbewusste Kulturbürger den Reichen gegenübertreten - und eine kreative Elite den Profit-Zombies Paroli bietet.

Wie heißt es jetzt immer? »Der Staat muss Geld in die Hand nehmen.« Ein jämmerlicher Satz, als ob der Staat Hände hätte! Aber lassen wir die Sprach-Unkultur mal außer Acht: Also, der Staat gibt den Banken Milliarden, der Wirtschaft Milliarden - auch ins Bildungssystem wird - endlich ist dies als unabdingbar notwendig erkannt - investiert - von Investitionen in den Kulturbereich aber ist überhaupt nicht die Rede.

Ja, heißt es gleich, das geht auch nicht, denn Kultur ist schließlich Ländersache und nicht Angelegenheit des Bundes. Aber das kann ja in einer Zeit, da alles auf dem Kopf steht, nicht Dogma sein. Da müssten doch Wege und Mittel gefunden werden - wie mit den anderen Hilfsaktionen auch.

Die neue Misere der Kultur

Die österreichischen Bundesmuseen und die Nationalbibliothek in Wien haben gefordert, dass »so wie im Augenblick der Staat den Finanzdienstleistungssektor stützt«, ihnen sofort eine Erhöhung der Basisdotierung gewährt wird. Denn - die Sponsorenleistungen brechen weg.

Das ist ein Signal für die neue Misere der Kultur. Fast überall verlassen sich unsere kulturellen Einrichtungen auf Zuwendungen von Banken, Firmen, reichen Spendern. Die Liste, was allein die Deutsche Bank »gesponsert« - und nun sofort aufgekündigt hat, ist ellenlang. Finito modernes Mäzenatentum. Jetzt wird der Sündenfall deutscher Kulturpolitik der letzten Jahre deutlich. Was wurde den Museen, Theatern, Gedenkstätten, Büchereien, Orchestern - ganz zu schweigen von den nur teilweise geförderten Kultureinrichtungen - stets gesagt? »Bemühen Sie sich um private Förderung, betteln Sie bei denen, die Geld in Masse haben. Der Staat ist arm.« Ausstellungen, Anschaffungen, besondere Aufführungen - alles ging nur noch mit zusätzlichem Geld. Und jetzt?

Wer über Verträge verfügt, die vor dem Finanzdebakel geschlossen wurden, ist 2009 vielleicht noch gut dran. Aber auch nur dann, wenn der Spender von der Krise nicht unmittelbar betroffen ist - sonst: siehe Deutsche Bank - ist sofort Schluss. Doch absehbar ist: Vom nächsten Jahr an wird alles anders. Da gilt es vorzusorgen, gegenzusteuern, und zwar jetzt!

»Vom britischen Kulturminister Andy Burnham stammt ein erhellender Satz, der lautet: »Auch die Künste müssen in der Realität leben.« Bravo - und was heißt das? Was ist die Realität der Banken, die unterm Milliarden-Schutzschirm stehen? Was ist die Realität von Opel? Dürfen der Steuerzahler und die Steuerzahlerin, die für all diese Milliarden geradestehen müssen, mitreden und Wünsche äußern?

Wie wäre es mit einer Prämie - wir Kulturbürger sind ja bescheiden - von 1000 Euro für Kinderbücher, Bücher, Tanz-, Mal- und Musikunterricht, mindestens fünf freie Museums- und fünf freie Theaterbesuche für die ganze Familie in diesem Jahr plus eine Kurz-Reise zu einem Festival? Ein Kultur-Bonus an alle Eltern mit Kind oder Kindern?

Eins muss man dem britischen Kulturminister zugute halten: In Großbritannien gibt es ein Gratis-Ticket-Programm für alle 18- bis 26-jährigen Theaterbesucher. Kostenpunkt: 2,5 Millionen Pfund. Daran soll sich auch nichts ändern, hat er versprochen. Das wäre doch mal eine gute Idee mitten in der Krise für uns. Dann könnte sich die Reihe der positiven Nachrichten fortsetzen.

1000 Euro Kulturprämie

Antizyklisch handeln, heißt die Devise der Stunde. Kultur nach vorn! Das schafft Arbeit, bringt eine ganz andere Art von Wirtschaft zum Zug als die, auf die bisher gesetzt wurde, und erhält Werte und Würde in Abkehr von der »Wirtschaftsrealität«, die wir zurzeit zur Kenntnis nehmen müssen. Das setzt aber voraus, dass sich Bürgerinnen und Bürger massiv melden, um klarzumachen, dass sie auf Kultur nicht verzichten wollen, dass sie eher mehr denn weniger Kultur haben wollen als bisher. Sie müssen sich einmischen in den gnadenlosen Verteilungskampf, der jetzt ausgerufen ist. Denn wie schreiben die Initiatoren des World Culture Forum, die Ende Januar in Dresden zu einem großen Kongress eingeladen hatten: »Die Frage, welche immateriellen, geistigen Werte eine Gesellschaft zusammenhalten, gewinnt in Krisenzeiten an Relevanz. Heute dominiert ein ökonomisches Denken und durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Wir müssen über ein primär ökonomisches Denken hinauskommen!« Wohl wahr. Mit der Autoschrottprämie und einer »Bad Bank«
verändern wir nichts. Und das wollen wir doch - wenigstens wir.

Auch interessant