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Von Zeitvertrag zu Zeitvertrag

erschienen in Clara, Ausgabe 37,

Immer mehr Beschäftigte haben nur zeitlich befristete Arbeitsverträge und dadurch viele Nachteile. DIE LINKE will diese Entwicklung stoppen.

Seit mehr als sechs Jahren arbeitet Judith Hoffmann an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Bis zum heutigen Tag hat die 36-jährige Sozialwissenschaftlerin ausschließlich befristete Arbeitsverträge erhalten. Mal dauerte ihre Anstellung drei Monate, mal drei Jahre. So hangelte sie sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. „Zu Beginn, in der Phase des Berufseinstiegs, fand ich das nicht so schlimm“, sagt sie, „doch inzwischen macht mir die Unsicherheit große Sorgen.“ Gegenwärtig arbeitet Judith Hoffmann im Studiendekanat der Philosophischen Fakultät. Ihr Vertrag, der bereits zwölfmal verlängert wurde, läuft Ende September 2015 aus.    Auch Ruth F. aus Halle an der Saale arbeitet in einer Branche, in der befristete Beschäftigungsverhältnisse die Regel sind: der Glas- und Gebäudereinigung. Seit knapp 20 Jahren verdient die 62-Jährige ihren Lebensunterhalt als Reinigungskraft. In dieser Zeit hat sie für zahlreiche Firmen gearbeitet, deren Anstellungspraxis ähnlich war: Auf die Probezeit folgten stets mehrere befristete Arbeitsverträge. „Jedes Mal, wenn ein Vertragsende näher rückt, habe ich Angst, demnächst arbeitslos zu sein“, sagt sie. Ihr jetziger Kontrakt gilt bis Anfang 2016. „Hoffentlich bekomme ich danach einen neuen Vertrag“, sagt sie. Schließlich müsse sie noch etwa zwei Jahre bis zur Rente berufstätig bleiben.    Judith Hoffmann und Ruth F. sind keine Einzelfälle. Rund 2,7 Millionen Menschen in Deutschland haben befristete Arbeitsverträge. Das sind dreimal so viele wie vor zwei Jahrzehnten. Bei neu abgeschlossenen Arbeitsverträgen ist mittlerweile fast jeder zweite befristet. Besonders betroffen sind junge Menschen unter 35 Jahren. Auch unter Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund ist der Anteil der Befristungen höher als in der Gesamtbevölkerung.   „Ich kann überhaupt nicht planen“   Die Nachteile, die befristet Beschäftigte erleiden, sind vielfältig. Judith Hoffmann erzählt von der Schwierigkeit, bei einer Bank einen Kredit für einen Wohnungskauf zu erhalten. Einer Kollegin, die ebenfalls befristet beschäftigt ist, sei in einem Elektromarkt sogar ein Haushaltskredit für eine neue Waschmaschine verwehrt worden. „Und selbst einen neuen Mietvertrag für eine neue Wohnung bekämen mein Freund und ich mit unseren befristeten Jobs vermutlich kaum“, sagt sie. Auch Ruth F. fragt sich, ob sie nach Auslaufen des Arbeitsvertrags die Miete noch zahlen kann. „Ich kann überhaupt nicht planen“, sagt sie, „das belastet mich sehr.“   Ein weiterer Nachteil für die Beschäftigten: Befristungen erschweren die betriebliche Interessenvertretung. Wer um den nächsten Vertrag bangt, äußert seltener Kritik, verzichtet auf die Unterstützung des Betriebsrats und zögert, sich an Streiks zu beteiligen. Befristungen schwächen die Kampfkraft und Verhandlungsmacht von Gewerkschaften und untergraben die Mitbestimmung. Mittlerweile machen befristete Arbeitsverträge in Kombination mit niedrigen Löhnen einen Teil der Unternehmensstrategie aus, etwa beim Versandkonzern Amazon.   Es gibt nachvollziehbare Gründe für die zeitliche Befristung von Arbeitsverträgen. Bei langer Krankheit oder Mutterschaftsurlaub muss der Arbeitgeber die Personallücke schließen können. Doch das Teilzeit- und Befristungsgesetz geht weit darüber hinaus: Es bietet Betrieben und Verwaltungen die Möglichkeit, Dauerarbeitsplätze legal durch Zeitverträge zu ersetzen. Sie können beispielsweise Gründe, die sie für eine Befristung anführen, so kombinieren, dass Beschäftigte über einen langen Zeitraum, manche sogar dauerhaft, in Kettenbefristungen gefangen bleiben. Das Gesetz gestattet es ihnen auch, Beschäftigte für die Dauer von zwei Jahren ohne Angabe konkreter Gründe befristet einzustellen. Die Zahl dieser sachgrundlosen Befristungen ist in den Jahren 2001 bis 2013 von etwa 550.000 auf 1,3 Millionen gestiegen. Immer mehr Arbeitgeber nutzen das Teilzeit- und Befristungsgesetz als legales Instrument, um Arbeitnehmerrechte zu umgehen. Bei Entlassungen müssen sie keinen Kündigungsgrund anführen und verhindern Klagen und Prozesse vor Arbeitsgerichten.    Mit der Kampagne „Das muss drin sein!“, die im Mai gestartet wurde, will DIE LINKE auf die aktuellen Missstände aufmerksam machen. Zudem zielt die Kampagne darauf ab, dass das unbefristete Arbeitsverhältnis wieder zur Regel wird. Zu diesem Zweck hat die Fraktion DIE LINKE. im Bundestag mehrere Anträge in den Deutschen Bundestag eingebracht, in denen unter anderem die Abschaffung von sachgrundlosen Befristungen und Kettenbefristungen gefordert wird.   Auch Judith Hoffmann ist entschlossen, sich gegen befristete Arbeitsverträge zu wehren. Sie hat mit ihren Kolleginnen und Kollegen über das Problem befristeter Arbeitsverträge gesprochen. Gemeinsam haben sie den Personalrat kontaktiert, einen Aushang an der Uni gemacht und eine Informationsveranstaltung organisiert. „Wir haben erreicht, dass das Thema nicht tabuisiert wird“, sagt sie. Mit Unterstützung der Gewerkschaft ver.di strebt sie außerdem eine Entfristungsklage an, mit der sie einen Dauerarbeitsvertrag erwirken will. Für Judith Hoffmann steht fest: „Noch einen befristeten Arbeitsvertrag werde ich nicht unterschreiben.“ 

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