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„US-Industrie beutet Gefangene aus“

erschienen in Klar, Ausgabe 18,

Sie war eine der bekanntesten politischen Gefangenen der USA. Weil Angela Davis sich für die Rechte von schwarzen Bürgern einsetzte, wurde sie im Jahr 1970 inhaftiert. Nach einer bis dahin beispiellosen internationalen Solidaritätskampagne sprach ein Gericht sie zwei Jahre später frei.

Die USA sind leider Weltmeister in Sachen Gefangene. Mehr als 2,4 Millionen Menschen sitzen derzeit in Gefängnissen, davon 3200 in Todeszellen…

Angela Davis: …da sind noch nicht einmal diejenigen mitgezählt, die auf Bewährung frei sind oder in Untersuchungshaft sitzen oder Ähnliches! Es gilt zu verstehen, welche politische und wirtschaftliche Bedeutung Gefängnisse haben. Wenn man sich nur mal vorstellt, was die Versorgung von 2,4 Millionen Inhaftierten jeden Tag kostet, dann wird klar, wie groß das Interesse von Unternehmen ist.

 

Das heißt, weniger Gefangene würden so manch einem das Geschäft verderben?

Als Unternehmen einen Vertrag mit einem Gefängnis zu haben, das ist ein vielversprechendes und sehr dauerhaft angelegtes Geschäft. Aber es geht nicht nur um die Versorgung der Gefangenen, sondern auch um den Profit, den Unternehmen mit ihrer Arbeit erzielen können.

 

In welcher Weise?

In den USA gibt es einen industriellen Komplex, der die Gefangenen dazu benutzt, ganz billig Waren herstellen zu können.

 

Sie selbst haben Gefängnisse erlebt, als Sie im Jahr 1970 für ihren Kampf gegen Rassismus inhaftiert wurden und Ihnen die Todesstrafe drohte.

Ich hatte sehr viel Glück, dass es diese große internationale Solidarität gab. Auch ihr ist es zu verdanken, dass ich letztendlich freigesprochen wurde. Aber der Kampf für die politischen Gefangenen geht auch heute noch weiter. Neben vielen anderen denke ich an Mumia Abu-Jamal und an Leonard Peltier. Er ist einer derjenigen, der mit am längsten, nämlich seit den 1970er Jahren, als politischer Gefangener in einem US-Gefängnis festgehalten wird.

 

Derzeit sind Sie Professorin an der University of California und betonen, dass Sie nicht nur Feministin sind, sondern eine schwarze Feministin. Was steckt dahinter?

Es gilt zu erkennen, dass Themen wie Rasse oder Rassismus, Klasse, Sexualität nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Wenn wir uns also einsetzen für soziale Gerechtigkeit, dann müssen wir uns gleichzeitig auch gegen Rassismus, gegen Sexismus, für eine ökologische Welt und für den Frieden einsetzen.

 

All diese Sachen hängen miteinander zusammen?

Wir leben in einer sehr komplexen Welt. Deswegen ist der Kampf für Veränderung auch so komplex. Soziale Gerechtigkeit und eine Veränderung der Welt sind nur dann möglich, wenn all die Themen zusammenhängend gesehen werden.

 

Barack Obama ist der erste schwarze Präsident der USA. Sie selbst haben Ihr ganzes Leben gegen Rassismus gekämpft. Wie fühlte sich der Wahlsieg an?

Ich habe das als eine Situation von welthistorischer Bedeutung empfunden. Aber das Besondere war ja nicht nur, dass zum ersten Mal jemand mit schwarzer Haut zum Präsidenten der USA gewählt wurde.

 

Sondern?

Es war im Grunde ein Sieg derjenigen, die die Kampagne für ihn organisiert haben. In einer Zeit, in der niemand glaubte, dass Obama tatsächlich zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden könnte. Dieser Sieg war etwas Besonderes: Er zeigt, dass man etwas erreichen kann, wenn man sich zusammentut und gemeinsam für soziale Gerechtigkeit eintritt.

 

Das Interview entstand beim Fest der Linken in Berlin.

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