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Unsichtbare unbezahlte Arbeit

erschienen in Clara, Ausgabe 39,

Vor allem Frauen verrichten viel Arbeit, die für die Gesellschaft unverzichtbar ist, aber nicht entlohnt wird. Zwei Frauen schildern in clara, wie sich das anfühlt und welche Konsequenzen das haben kann.

Auf diesen Spaziergang am Ostseestrand haben sich Annika Krampitz* (35) und Zara Haddad* (30) gefreut. Seit Tagen schon sind die beiden Frauen zu Gast in einer Kureinrichtung, doch der volle Behandlungsplan hat für Spaziergänge keine Zeit gelassen. Nun laufen sie den einsamen Strand entlang und haben Zeit für Gespräche. In der Kureinrichtung, spezialisiert auf psychische oder psychosomatische Erkrankungen wie Depression und Burn-out, haben sich die beiden Frauen angefreundet. Beide sind berufstätige Mütter, Annika Krampitz ist alleinerziehend.   Gerade reden sie über Elternzeit. Als Annika Krampitz’ ältere Tochter zur Welt kam, teilten sie und ihr früherer Ehemann sich die 14 Monate mit Elterngeld hälftig. Damals war sie noch an der Uni, er im Referendariat. „Simon hätte es nicht mit seinem feministischen Selbstverständnis vereinbaren können, mir die Hauptarbeit mit Baby und allem zu überlassen“, erzählt Annika Krampitz. Von anderen Müttern wurde sie damals beneidet. Wenn ihr Ehemann Simon zur Eltern-Kind-Gruppe oder zum Babyschwimmen ging, erntete er dagegen Lob und Bewunderung von anderen Müttern, deren Partner weniger Verantwortung übernahmen.   Bei der Geburt der zweiten Tochter hatte Annika Krampitz’ Ehemann gerade seinen ersten regulären Job angefangen. Der Arbeitgeber verstand sich als familienfreundlich und akzeptierte die zwei „Vätermonate“, machte aber deutlich, dass mehr nicht erwünscht war. Außerdem verdiente Simon mehr als seine Ehefrau, sodass es kaum eine Frage war, wer diesmal im ersten Jahr zu Hause bleiben würde.    Zara Haddad und ihr Freund argumentierten bei der Geburt des Sohnes genau umgekehrt: Weil sie schon damals die Hauptverdienerin war, rechnete es sich verhältnismäßig auch mehr, wenn sie das Elterngeld, also etwa zwei Drittel des vorherigen Nettoeinkommens, bezog. Darüber muss Zara Haddad heute selbst lachen: „Wir haben uns das vielleicht ein bisschen zurechtgebogen.“   Mit den zwei Monaten engagierten sich beide Väter immer noch überdurchschnittlich. Nur ein Viertel der Väter in Deutschland nimmt das im Jahr 2007 eingeführte Elterngeld überhaupt in Anspruch. Die allermeisten von ihnen beschränken sich auf die zwei Partnermonate, die sonst verfallen würden.   Als die anstrengendste Zeit mit kleinem Baby geschafft war, fanden es beide Frauen auch ganz schön, die Auszeit vom Job für anderes zu nutzen. Sie fingen an zu gärtnern und pflegten die immer wichtiger werdenden Sozialkontakte der Familie. Zara Haddad versuchte sich im Nähen, und Annika Krampitz engagierte sich in einem Nachbarschaftsprojekt in der nahe gelegenen Flüchtlingsunterkunft. Sie erinnert sich: „Obwohl ich trotz Schlafmangels so viel hinbekommen habe, hatte ich immer das Gefühl, es zählt nicht, es ist nichts ›Richtiges‹.“   Frauen arbeiten mehr als Männer   Damit entspricht ihr Gefühl einem weitverbreiteten gesellschaftlichen Phänomen, das auch in der Sprache seinen Ausdruck findet. Wer von Arbeit spricht – egal ob in der Politik oder im Privaten – meint damit in der Regel Erwerbsarbeit. Frauen arbeiten in Deutschland laut der aktuellen Zeitverwendungsstudie des Statistischen Bundesamts zwar etwas mehr als Männer, allerdings werden zwei Drittel ihrer Arbeitsstunden nicht entlohnt und zählen damit für viele nicht als Arbeit. Auch deswegen wird diese Arbeit als unsichtbare Arbeit bezeichnet. Dazu zählen neben der Haushaltsführung und der Betreuung von Familienmitgliedern auch die Unterstützung von Personen in anderen Haushalten sowie ehrenamtliches und freiwilliges Engagement. Allesamt Tätigkeiten, die für die Gesellschaft unverzichtbar sind, aber eine angemessene Wertschätzung und soziale Absicherung gibt es dafür nicht.   Auch Zara Haddad fehlte echte Anerkennung, deshalb freute sie sich nach dem Babyjahr auf die Herausforderungen ihres Jobs, ganz jenseits ihrer Mutterrolle. Ab dem ersten Geburtstag ihres Sohnes ging sie wieder arbeiten – zunächst auf einer Dreiviertelstelle, ab seinem dritten Geburtstag wieder Vollzeit. Für eine Mutter in Deutschland ist das viel. Nur jede dritte Mutter eines Kleinkindes ist erwerbstätig, 70 Prozent aller Mütter minderjähriger Kinder arbeiten in Teilzeit.   Konflikte wegen Job und Haushalt   Dennoch bekam sie zunehmend das Gefühl, vor dem Arbeitgeber nicht zu genügen. Trotz guter Ergebnisse und der einen oder anderen Überstunde war sie nicht so uneingeschränkt für das Büro da wie die männlichen Kollegen oder die kinderlosen Kolleginnen, sie geriet ins Hintertreffen. Als sie hierüber das Gespräch suchte, wurde ihr Naivität vorgeworfen: Habe sie denn wirklich geglaubt, dass es möglich ist, ein Kind zu bekommen, ohne dass die Karriere darunter leidet?   Einen ebenso klassischen Konflikt, aber im häuslichen Bereich, erlebte Annika Krampitz mit ihrem Mann. Er beteiligte sich zwar an der Hausarbeit, die Verantwortung hierfür lag aber plötzlich bei ihr. Die daraus resultierenden Auseinandersetzungen waren Annika fast peinlich. Sie wollte sich nicht über den Haushalt streiten, solche Konflikte passten für sie nicht ins 21. Jahrhundert.   Seit der Trennung übernimmt ihr Mann die Kinder etwas mehr als üblich, von 14 Tagen verbringen sie fünf bei ihm. Für Arzt-, Schul- und Kita-Termine trägt trotzdem Annika allein die Verantwortung. Sie besorgt neue Kleidung für die Kinder und Geburtstagsgeschenke für die Freundinnen ihrer Töchter. Der Kindesunterhalt – reduziert um ein Drittel wegen der Papa-Tage – hilft ein bisschen. Für das Studium der Mädchen, geschweige denn für ihr eigenes Alter kann sie so aber nicht vorsorgen.   Trotz all dieser Belastungen kümmern sich Annika Krampitz und Zara Haddad aktiv darum, ein gesundes und glückliches Leben zu führen. Der Aufenthalt in der Kurklinik ist ein Schritt, um sich zu erholen und um mit den Belastungen besser umzugehen. Dennoch sind beide Frauen davon überzeugt: Weil unsichtbare Arbeit und die damit verbundenen Belastungen so viele Frauen im Land beträfen, müsse sich auch in der Gesellschaft etwas ändern.   *Namen geändert